Es war der 11. Juli 2021, und England einem großen Titel so nahe wie seit nicht nur einer gefühlten Ewigkeit mehr. Luke Shaw bringt die Gastgeber des EM-Finales früh mit 1:0 in Führung, das Wembley-Stadion steht kopf. Doch nach dem Ausgleich durch Leonardo Bonucci in der zweiten Hälfte sowie einer torlosen Verlängerung geht den Three Lions im Elfmeterschießen gegen Italien der Biss aus - wieder einmal. Und wieder einmal heißt es für das selbsternannte Mutterland des Fußballs Tränen statt Triumph, heißt es weiter Warten auf den ersten Titel seit 1966.

Doch das Spiel sollte nicht nur deshalb in Erinnerung bleiben. Schlagzeilen schrieben vor allem die rassistischen Anwürfe, die sich die Engländer von den Fans gefallen lassen mussten, allen voran Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka, die den Ball vom Elfmeterpunkt nicht im Tor unterbringen konnten. Strafen gegen die Fans, die von einer Spezialeinheit ausgeforscht werden konnten, wurden ausgesprochen, doch die tiefen Wunden des verloren gegangenen Endspiels sowie der Begleitmusik sollten bleiben. Sportlich erfing sich England nicht wirklich, die folgenden Spiele in der Nations League endeten mit dem Abstieg in die B-Liga sowie harscher Kritik an Teamchef Gareth Southgate; das Thema Diskriminierung ist allgegenwärtig. Wohl nicht nur, aber auch deshalb bestimmte der Kampf dagegen die Vorbereitungen auf die WM in Katar. In den Medien thematisiert wurde neben dem Streit zwischen Cristiano Ronaldo und seinem Klub Manchester United - angeblich wird an einer Vertragsauflösung gearbeitet - mehr das Tragen der mehrfarbigen One-Love-Kapitänsschleife, das sich die Engländer auch bei Strafandrohung nicht nehmen lassen wollen, als die Titelchance der Briten. Man habe bisher keine Antwort auf die offizielle Ankündigung erhalten, sagte Verbandsboss Mark Bullingham mit Blick auf die Organisatoren. "Ich denke, es besteht die Möglichkeit, dass wir dafür bestraft werden. Und wenn das passiert, werden wir diese Strafe bezahlen." Für ihn sei es "sehr wichtig, unsere Werte zu zeigen". Werte zu zeigen, das war vielen Teams noch nie so wichtig wie bei dieser WM, die nicht nur von Korruptionsverdacht, sondern auch von Menschenrechtsverletzungen geprägt ist. Von einem Boykott halten die wenigsten etwas, Flagge zeigen und Missstände ansprechen will man allemal - zumindest wenn man den Aussagen im Vorfeld Glauben schenkt.

Aktionen seitens des Iran?

Mit Spannung wird daher auch der Auftritt des iranischen Teams erwartet, am Montag ausgerechnet Gegner der Engländer zum Auftakt der Gruppe B (14 Uhr/ORF 1). Viele Sportler, darunter namhafte Fußballer, haben sich mit den Protesten gegen das Regime, ausgelöst vom Tod einer jungen Frau, die wegen eines Verstoßes gegen die strengen Bekleidungsvorschriften in Haft genommen worden war, solidarisiert, über Aktionen während der WM ist derzeit zumindest noch nichts bekannt. Sportlich gehen die Engländer trotz der schwachen Spiele in der Nations League als Favoriten in die Gruppenphase, in der abgesehen vom Iran noch Wales und die USA warten. Vor allem auf dem erst 17-jährigen Jude Bellingham liegen die Hoffnungen. Eine andere frühere Zukunftsaktie ist indessen im Sinken begriffen: Jadon Sancho kam nach seinem Wechsel von Borussia Dortmund zu Manchester United nicht mehr wirklich in Schwung, er wurde von Southgate nicht einmal für das Turnier in Katar nominiert. Rashford und Saka sind indessen wieder dabei - und könnten die Scharte vom vergangenen Jahr ausmerzen. Doch momentan wagt man nicht einmal in England, davon zu sprechen. Vom Titelgewinn ist man momentan noch weit entfernt. Weiter als die mehr als 5.000 Kilometer Luftlinie zwischen Wembley und Doha.