Der Countdown zu einem der umstrittensten Sportevents der Geschichte geht in die Endphase. Am Sonntag (17 Uhr MEZ ORF 1) startet Gastgeber Katar in Al Khor mit dem Gruppe-A-Spiel gegen Ecuador in die 22. Fußball-WM. Sich auf das Sportliche zu konzentrieren fällt vielen aber schwer, angesichts der Last an Themen, für die das Emirat vor allem in Europa heftig kritisiert wird: Korruption, wackelige Menschenrechte und die Gastarbeiter-Problematik sind nur einige.

Die WM 1978 in Argentinien fand während einer skrupellosen Militärdiktatur statt. Die Junta, die für Tausende Tode verantwortlich war, nutzte die Veranstaltung für eine kurzzeitige Imagekorrektur und sonnte sich im Glanz der eigenen Nationalmannschaft, die zum ersten Mal Weltmeister wurde. Im Nachhinein steht für viele - auch innerhalb des Weltverbands (Fifa) - fest, dass dieses Turnier niemals hätte stattfinden dürfen. Gut möglich, dass in nicht allzu ferner Zukunft so auch über die WM in Katar geurteilt wird.

Noch macht die FifaA dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, und seiner Clique aber die Mauer. Präsident Gianni Infantino entgegnete erst kürzlich wieder zu der kolportierten Zahl von 6.500 Menschen, die beim Bau der acht WM-Stadien ums Leben kamen, dass es nur drei offizielle Todesopfer gäbe. Mit Menschenrechten ist es in dem arabischen Land, das seinen Reichtum den Öl- und Gasvorkommen verdankt, generell nicht so gut bestellt. So ist Homosexualität per Gesetz verboten.

Wer es dennoch dorthin geschafft hat, für den bieten die herkömmlichen Preise für Unterkünfte, Speis und Trank, oder das Verbot von alkoholischem Bier rund um alle Stadien Anlass zum Ärger. Die verheerende Klimabilanz des Wüstenstaates erscheint in der öffentlichen Betrachtung bisweilen noch als das geringste aller Übel. Dabei wird diese durch den Umstand, dass die WM im Winter und nicht bei brütender Hitze im Sommer gespielt wird, sogar etwas beschönigt, weil die Klimaanlagen nicht permanent auf Hochtouren laufen müssen. Für die Spieler ist der enorm dicht getaktete Kalender seit Sommer freilich eine besondere Tortur.

Im vom 46-jährigen Italiener Daniele Orsato zu leitenden Eröffnungsspiel ist Ecuador der Favorit. Die Mannschaft sicherte sich als Vierter der hart umkämpften Südamerika-Qualifikation die Teilnahme und steht defensiv bombensicher. "La Tri" blieb zuletzt in sechs Testspielen ohne Gegentor, gewann dabei aber nur zwei Mal - und das jeweils mit 1:0. Die anderen Partien endeten torlos. Zugpferde sind Mittelfeldspieler Moisés Caicedo von Brighton, Verteidiger Piero Hincapié von Bayer Leverkusen und Stürmer Enner Valencia von Fenerbahce. Einen umstrittenen Akteur hat Trainer Gustavo Alfaro daheim gelassen: Byron Castillo ist gebürtiger Kolumbianer, wegen seiner Quali-Einsätze hatten Chile und Peru den WM-Ausschluss Ecuadors verlangt.

Katar darf sich unterdessen freuen, mit seinem Team einmal sportlich statt als geprügelter Veranstalter im Mittelpunkt zu stehen. Über die Gruppe A, in der auch noch der Senegal und die Niederlande gelost wurden, ist das Achtelfinale nicht ausgeschlossen, was die Erwartungshaltung der Fans beflügelt. Der spanische Trainer Felix Sanchez hat das Team über Monate komplett abgeschottet, die jüngsten fünf Testspiele (u.a. gegen Chile, Panama, Albanien) blieb man ungeschlagen und gewann die letzten vier.

"Ich spreche natürlich nicht davon, dass Katar die WM gewinnt, aber es ist unsere Aufgabe, auf einem guten Level mit den drei Teams mitzuhalten", sagte Sanchez. "Und am Ende ist es Fußball - man kann nie wissen, was passiert." Katar ist übrigens der erste WM-Debütant seit Italien 1934, der gleichzeitig als Gastgeber antritt. Die damalige Propaganda-Veranstaltung gewann - wenn auch mit viel politischem Druck - dann auch Italien. (apa)