Alles kann die Fifa dann halt doch nicht verhindern. Mag sie den europäischen Teams, die (in der Qualifikation noch getragene) Regenbogenschleife bei der WM in Katar verbieten, indem sie allen Kapitänen über willfährige Schiedsrichter die gelbe Karte angedroht hat, so ist sie dann bei passiven politischen Gesten völlig machtlos. Und eine genau solche lieferten die Fußballer des Iran bei ihrem WM-Auftakt in Gruppe B gegen England ab. Ausgerechnet auf der größten sportlichen Bühne zeigten sie der ganzen Welt in eindrucksvoller Art und Weise, was sie von der blutigen Niederschlagung der Proteste durch die ultra-islamischen Mullahs in ihrer Heimat halten - indem sie vor Spielbeginn nicht nur das Mitsingen der Hymne der islamischen Republik kollektiv verweigerten, sondern diese auch noch mit versteinerter Miene über sich ergehen ließen.

Dieses eindeutige Statement blieb dem Regime in der Heimat freilich nicht verborgen - weshalb der iranische Staatssender die Live-Übertragung bei der Hymne kurzerhand unterbrach. Damit sahen die Zuseher in Persien freilich auch nicht jene Frau auf den Rängen im Khalifa-International-Stadium, die die Hymne unter Tränen mitsang. Ob das der Fifa-Regie passiert ist oder vielleicht doch Absicht war? Der Weltöffentlichkeit nicht verborgen blieben weiters die Banner iranischer Fans mit eindeutigen politischen Botschaften wie "Frauen, Leben, Freiheit".

Freude über sechs Treffer bei den Three Lions. - © afp / Senna
Freude über sechs Treffer bei den Three Lions. - © afp / Senna

Welche Konsequenzen nun den iranischen Spielern drohen, bleibt abzuwarten. Da laut Fifa-Statut die einzelnen Staaten eigentlich keinen Einfluss auf die nationalen Fußballverbände haben dürfen, sind unmittelbare Sanktionen einmal auszuschließen. Nach der deutlichen 2:6-Schlappe gegen die Engländer wird Teamchef Carlos Queiroz vor dem wichtigen zweiten Gruppenspiel gegen Wales am Freitag wohl aber einige Änderungen aus sportlichen Gründen vornehmen müssen, um die erstmalige Qualifikation einer iranischen Auswahl für das WM-Achtelfinale doch noch zu schaffen. Ob die Spieler angesichts der Vorgänge in der Heimat und dem politischen Blick auf ihre Handlungen in Katar überhaupt einen freien Kopf haben, darf aber angezweifelt werden.

Zudem begann die sechste WM-Endrunde für die Iraner rabenschwarz: Keine zehn Minuten waren gespielt, da krachte Einser-Goalie Alireza Beyranvand nach einer Flanke von Harry Kane mit einem Verteidiger aus den eigenen Reihen zusammen. Mehrfach servierte die Fifa diese verstörende Szene, wie die beiden mit den Köpfen ungebremst zusammenprallen, in Superzeitlupe in die Wohnzimmer. Beyranvand versuchte zwar weiterzuspielen - letztlich musste er aber mit Verdacht auf Gehirnerschütterung passen. Für seinen Ersatz, Hossein Hosseini, sollte es dann ein verpatzter Nachmittag in Katar werden, da er gleich sechsmal hinter sich greifen musste.

Offensivshow der Löwen

Denn der EM-Finalist machte vor den Augen von Katar-Botschafter David Beckham keinerlei Anstalten, den Auftakt wie zu Zeiten des "Spice Boys" zu vertändeln. Im Gegenteil: Schon zur Pause stand angesichts einer 3:0-Führung ein glanzvoller Start der Three Lions fest. Nach einer Bilderbuchaktion durch die ansonsten dicht gestaffelte Abwehr der Iraner war es in Minute 35 BVB-Legionär Jude Bellingham, der per Kopf ins lange Eck den Torreigen eröffnete. Keine zehn Minute später hämmerte Bukayo Saka (43.) das Leder aus zwölf Metern ins Netz, nach Vorarbeit des starken Harry Maguire. Noch sehenswerter dann der Treffer von Raheem Sterling (45+1.), der den Ball nach Stanglpass von Harry Kane per Außenrist-Volley in die Maschen beförderte. Nach der Pause ließ die Elf von Gareth Southgate keinesfalls nach, obwohl am Freitag das Schlüsselspiel gegen die USA wartet. Saka zum Zweiten (62.), der unmittelbar zuvor eingewechselte Marcus Rashford (71.) und Jack Grealish (90.) machten das halbe Dutzend voll. Die beiden Treffer der Iraner besorgte Porto-Goalgetter Mehdi Taremi (65./90+13.) - Letzteren per Elfmeter nach Videobeweis.

Die Fans auf den (bei weitem nicht vollen) Rängen konnten nach acht Treffern vollauf zufrieden sein - auch, weil es wegen der Verletzungspausen insgesamt fast eine halbe Stunde Extra-Zeit zum Zuschauen gab. Die Briten intonierten "God save the King", und auch die Iraner wurden am Ende bejubelt und beklatscht - wenn an diesem Tag wohl nicht aufgrund ihrer sportlichen Leistung, sondern vielmehr wegen ihres Mutes. "Ich bin stolz auf sie, sie haben Charakter gezeigt", lobte auch Trainer Queiroz demonstrativ seine Truppe.