Manchmal ist ein Stich im Oberschenkel einfach nur ein Stich im Oberschenkel. Manchmal geht er aber auch direkt ins Herz einer gesamten (Fußball-) Nation. Die Verletzung von Karim Benzema fällt zweifelsohne in letztere Kategorie. "Ein Stich zu Beginn des letzten Galopps, der ihn wieder auf die Höhe von Michel Platini und Zinedine Zidane hätte bringen können", schrieb die französische Sportzeitung "L’Equipe". Vom "Drama Benzema" berichtete "Le Parisien", nachdem am Wochenende bekannt geworden war, dass Benzema sich beim Training verletzt hatte und nicht nur für das Auftaktmatch Frankreichs am Dienstag gegen Australien (20 Uhr/ORF 1), sondern für die gesamte Weltmeisterschaft ausfällt.

"Es tut mir extrem leid für Karim, der die WM zu seinem großen Ziel gemacht hat", sagte Teamchef Didier Deschamps, der darauf verzichtete, einen Ersatz nachzunominieren. Er habe vollstes Vertrauen in seine Mannschaft, betonte der Trainer, und auch bei seinen übrig verbliebenen Spielern schwankte die Stimmung zwischen Schock und Kampfgeist. "Wir müssen für alle kämpfen, die nicht dabei sein können", sagte Eduardo Camavinga.

Der Ausfall von Karim Benzema wiegt schwer. 
- © afp / Franck Fife

Der Ausfall von Karim Benzema wiegt schwer.

- © afp / Franck Fife

Denn Benzema ist vielleicht der prominenteste, aber längst nicht der einzige Ausfall im Team der Tricolore: Schon davor hatten Paul Pogba, N’Golo Kante, Presnel Kimpembe und Christopher Nkunku absagen müssen. Besonders schwer wiegt Benzemas Verletzung aber nicht nur wegen der unbestrittenen Qualitäten des Weltfußballers, sondern auch wegen seiner Geschichte. Beim WM-Gewinn vor vier Jahren war er nicht dabei, weil er wegen einer Erpressungsaffäre zwischen 2015 und 2021 nicht für die Nationalmannschaft berücksichtigt worden war. Nach seiner Rehabilitierung hätte die WM in Katar - angesichts seines Alters von knapp 35 Jahren wohl seine letzte Chance auf einen großen Triumph mit der Nationalmannschaft - für den fünffachen Champions-League-Sieger die Krönung seiner Karriere werden sollen, zumal Frankreich von vielen als Topkandidat auf den neuerlichen Titelgewinn gehandelt wird.

Jammern auf hohem Niveau

Allerdings haben die Franzosen auch eine gewisse Tradition, sich selbst bei großen Turnieren ein Bein zu stellen. Sollte der Auftakt in den Augen der kritischen Öffentlichkeit misslingen - und das muss nicht unbedingt eine Niederlage gegen den krassen Außenseiter Australien bedeuten -, ist eine Diskussion darüber, ob Deschamps nicht doch seinen Kader hätte auffüllen sollen, wohl unvermeidbar.

Dabei ist allzu große Larmoyanz wohl fehl am Platz, betrachtet man den Kader eingehender. Obwohl die Franzosen auf Spieler mit einem Gesamtmarktwert von 255 Millionen Euro verzichten müssen, wird ein einzelner von ihnen - Kylian Mbappe - auf 160 Millionen Euro taxiert, das ist mehr als der vierfache Wert von Australiens gesamter Mannschaft. Den Jetzt-nur-25-Mann-Kader beziffert das Portal transfermarkt.de mit 997 Millionen Euro, mehr als das Doppelte der übrigen Gruppe-D-Mannschaften zusammen.

Schwach in der Nations League

Dennoch sind die Franzosen auch abgesehen von der ebenso langen wie prominent besetzten Verletztenliste nicht frei von Sorgen. Die Nations League verlief nicht nach Wunsch, in der Österreich-Gruppe entging man mit nur einem Sieg (eben gegen Österreich) denkbar knapp dem Abstieg. Gedanken daran sowie ein schlechtes WM-Karma will man allerdings konsequent beiseite schieben, obwohl in diesem Jahrtausend bis auf Brasilien 2006 alle Weltmeister bereits in der Gruppenphase scheiterten und auch ihr erstes Spiel nicht gewonnen haben. Ein positives Omen könnte aber der Auftaktgegner sein: 2018 spielte Frankreich zum Start ebenfalls gegen Australien, das 2:1 war der Auftakt zur Mission Titelgewinn. "Wir sind zuversichtlich, was unsere Qualitäten angeht. Es wird ein echter Kampf werden", erklärte Verteidiger Lucas Hernandez. "Das erste Spiel ist immer extrem wichtig, und als Titelverteidiger sind die Erwartungen an uns noch höher", fügte Kapitän Hugo Lloris an. Die Ausfälle gehen aber auch an ihm nicht spurlos vorbei. "Wir glauben an unsere Chance, an unser Team, auch wenn die Ausfälle wie der von Karim nicht helfen." Schließlich ist ein Stich nicht immer einfach nur ein Stich.