Die WM-Vorrunde - das ist Lionel Messis Sache ganz und gar nicht. Vor vier Jahren standen die Argentinier beim letzten Gruppenspiel gegen Nigeria schon vor dem Aus, ehe ein knapper 2:1-Erfolg doch noch zum Aufstieg reichte; und auch vor acht Jahren stolperten die Gauchos mit drei hauchdünnen Siegen durch die erste Turnierphase. Doch all das war nichts zu dem, was dem Südamerika-Champion zum Start von Messis fünfter und letzter WM am Dienstag in Katar passierte: Mit der 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien ging der Auftakt für den Titel-Mitfavoriten gehörig in die Hose - zudem konnten die nach dem spielentscheidenden Doppelschlag der Saudis kurz nach der Pause geschockt wirkenden Gauchos auch spielerisch nicht überzeugen. Messis Traum vom WM-Pokal rückt damit in weite Ferne.

Dabei schienen die seit 36 Partien ungeschlagenen Argentinier, die nur noch ein Match vom Rekord der Italiener trennte, einen ungefährdeten Sieg - und das ohne großen Kraftaufwand - einzufahren. Und es war der Star von Paris St. Germain, der in Minute 10 einen Penalty zur standesgemäßen Führung sicher verwandelte. Geschehen nach einer kleinen Ringereinlage, die prompt per Videobeweis VAR zum Elfmeterpunkt führte - eine harte Entscheidung, die nach bisheriger Regelauslegung keine Konsequenzen zeitigte. Aber der VAR sollte an diesem Tag noch ein entscheidendes Wörtchen mitreden.

Zunächst in Minute 27, als Lautaro Martinez einen Traumpass von Messi durch die Abwehrreihe der Saudis per herrlichem Schupfer zum vermeintlichen 2:0 verwertete. Doch zur Überraschung aller wurde der Treffer wegen Abseits zurückgenommen. Was früher gleiche Höhe gewesen wäre, wurde nun von einer Animation als Abseits ausgelegt - da Martinez’ Schulter geschätzte zwei Zentimeter vorne gewesen sein soll. Das größte Ärgernis an dieser Szene war aber, dass es die Fifa mehr als fünf Jahre nach Etablierung des VAR und trotz neuer semi-automatischer Abseitstechnik immer noch nicht schafft, derart strittige Entscheidungen binnen weniger Minuten aufzulösen - was logischerweise Verschwörungstheorien befeuert (wie schon beim Eröffnungsspiel beim zugunsten von Katar annullierten Ecuador-Treffer).

Argentinien hatte es sich aber auch selbst zuzuschreiben, nicht schon vor der Pause den Sack zuzumachen, weil das Star-Ensemble kein Rezept fand, die mitunter nur zehn Meter hinter der Mittellinie postierte Abwehrreihe der Saudis auszukombinieren - stattdessen schnappte die Abseitsfalle gleich ein halbes Dutzend Mal zu.

Nach der Pause bewies der von Trainer Herve Renard taktisch mustergültig eingestellte Außenseiter, dass er auch offensiv etwas zu bieten hat: Per Doppelschlag - Saleh Al Shehri (48.) undSalem Al Dawsari (53.) - brachten die Saudis die gut besuchte Lusail-WM-Finalarena zum Kochen. Die viel gepriesene Defensive der Elf von Lionel Scaloni hatten den beiden Schützen freundlichen Begleitschutz gegeben. Wer sich gegen eine biedere Elf, die sich zum Großteil aus Spielern des saudischen Serienmeisters Al-Hilal zusammensetzt, so anstellt, braucht an den WM-Pokal gar nicht mehr zu denken.

VAR-Farce gegen Argentinien

Allerdings wurden die Argentinier, die sich erst nach dem Rückstand gegen die aggressiven und mitunter brutalen Saudis (sechs Mal Gelb), entgegenstemmten, vom Schiedsrichterteam arg benachteiligt. Als in Minute 63 der Argentinier Nicolas Otamendi vom hohen, gestreckten Bein eines Saudi-Verteidigers im Strafraum niedergestreckt wird, bleibt die Pfeife des Referees stumm - und der VAR prüfte die Szene nicht einmal. Eine Farce.

In der turbulenten Schlussphase gelang es Messi (mit Kopfballchance/84.) nicht mehr, spielerische Linie in die Partie zu bekommen - die Saudis kämpften sich tapfer zur ersten großen WM-Sensation. Damit geht für die Gauchos bereits am Samstag im Schlager gegen Mexiko gegen das WM-Aus - während die Saudis wie 1994 vom Achtelfinalaufstieg (damals Siege gegen Belgien und Marokko) träumen dürfen.

Messi konnte anschließend seine Enttäuschung nicht verbergen: "Das ist ein harter Schlag für uns alle, denn wir haben nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen würde. Es gibt keine Entschuldigungen. Das ist eine Situation, in der wir uns schon lange nicht mehr befunden haben. Jetzt müssen wir zeigen, dass es sich um ein echtes Team handelt." Noch hat er das Turnier aber nicht abgeschrieben: "Wir müssen uns auf das vorbereiten, was auf uns zukommt."

Saudi-Mittelfeldakteur Abdulelah Almalki indes verriet das Erfolgskonzept: "Unser Trainer hat uns heute zum Weinen gebracht. Mit seiner Ansprache vor dem Spiel und in der Halbzeit hat er uns angeheizt."