Belgiens Fußball-Nationalteam hat 2018 als Dritter seine bisher beste WM-Platzierung realisiert, in Katar ist bei Österreichs kommendem EM-Qualifikationsgegner beim letzten großen WM-Auftritt der vermeintlich goldenen Generation der Finaleinzug das Ziel. Ein 1:2 im Test vergangene Woche in und gegen Ägypten setzte die Fachwelt aber in Erstaunen und ließ Zweifel zurück. Umso mehr als am Mittwoch (20 Uhr/ORF 1) in Gruppe F gegen Kanada Romelu Lukaku weiter fehlt.

Der Starstürmer hat in dieser Saison für Inter Mailand wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel nur fünf Spiele bestritten und verpasst auch zumindest die beiden ersten WM-Partien der roten Teufel. Belgien-Coach Roberto Martinez räumte ein, dass sein Team sein Spielsystem und auch das aufgebotene Personal ohne Lukaku abändern müsse. Michy Batshuayi von Fenerbahce Istanbul als Ersatzmann im Angriff vermochte gegen die Ägypter nicht zu überzeugen. Zumindest wurde Defensivspieler Thomas Meunier nach seinem Jochbeinbruch rechtzeitig wieder fit. Lukaku hingegen machte zumindest Fortschritte, wie Martinez bekundete. Er hofft, den Sturmtank spätestens in der K.o.-Runde einsetzen zu können. Ausgeschlossen scheint nur, dass er dann sogleich in Top-Form helfen wird. Warum er dann überhaupt in Katar dabei ist, wird indes nicht ernsthaft diskutiert. "Wir können es uns einfach nicht leisten, Lukaku nach Hause zu schicken", schrieb Ex-Nationaltrainer Marc Wilmots in einem Beitrag für "Nieuwsblad".

In Belgiens Bevölkerung wiederum wachsen die Zweifel am Potenzial des Nationalteams. Dass das Team des 49-jährigen Coaches noch einmal einen Achtungserfolg wie in Russland 2018 schafft, halten die meisten für ausgeschlossen. Ohnehin hält sich die Begeisterung für die umstrittene WM in Katar in sehr engen Grenzen. Echte Fans sind - auch aus finanziellen Gründen - kaum in Katar dabei, und in der Heimat wird das bei den Fans beliebte gemeinsame WM-Schauen von den meisten Gastronomen aus Protest gegen die Fifa und diese WM nicht angeboten.

Rangnick erwägt Katar-Trip

Martinez möchte beim Weltranglistenzweiten aber gleichzeitig nicht den Panikknopf bedienen und dem Fehlen Lukakus nicht zu viel Bedeutung beimessen. "Diese Truppe ist seit sechs Jahren beisammen", sagte der Spanier auch in Bezug auf seine Amtszeit. "Es ist nicht so, dass da plötzlich nichts mehr übrig ist." Die Ernüchterung gegen Ägypten sollte daher als ein Weckruf dienen. Und der Coach erinnerte daran, dass er das Match dazu genutzt hatte, einigen der sonst nicht so oft zum Einsatz gekommenen Spielern wichtige Spielminuten gegeben zu haben. Der Iberer wird in den vergangenen Tagen an seine 26 Akteure wohl noch einige weitere Weckrufe abgesetzt haben. "Wir müssen bereit sein", meinte Martinez in Blickrichtung der Kanada-Partie. "Wir können nicht erwarten, bei der WM zu gewinnen, wenn wir nicht auf unserem höchsten Level agieren." Umsetzen muss es eine Reihe von Routiniers, zu denen trotz nur weniger Einsätze bei Real Madrid wohl auch Eden Hazard gehören wird. Mehr Spielpraxis hat mit Kevin De Bruyne ein anderer Mittelfeldakteur, die zentrale Figur von Manchester City ist weiter ein Hoffnungsträger. Während mit Lukaku Belgiens Nationalteam- (68 Tore) und WM-Rekordschütze (5) auch am Sonntag im zweiten WM-Match gegen Marokko fehlen wird, ist Rekord-Nationalspieler Jan Verthongen nach überwundener Verletzung schon gegen die Kanadier einsatzbereit.

Österreichs Teamchef Ralf Rangnick selbst wird im Stadion Al Rayyan/Ahmad bin Ali nicht auf der Tribüne sitzen, um die Nummer eins in der im März beginnenden EM-Qualifikationsgruppe F zu beobachten. Der Deutsche hält derzeit mit U21-Teamchef Werner Gregoritsch in Kroatien einen viertägigen Lehrgang für Perspektivspieler ab. Eine Option für Rangnick war es aber zuletzt, zu den weiteren beiden Gruppenspielen der Belgier zu fliegen. Nach dem Match gegen die Marokkaner geht es noch am Donnerstag nächster Woche gegen Vize-Weltmeister Kroatien, der es in seinem ersten Spiel am Mittwoch (11 Uhr) mit Marokko zu tun bekommt. Belgiens Auftaktgegner Kanada hat seinen zweiten WM-Auftritt, bei der Premiere 1986 in Mexiko hatte es weder Punkt noch Tor gegeben.