Eine ausgebaute Haupttribüne erinnert noch an die großen Tage des ATSV Stadl-Paura. Auf fünf hohen Betonstufen sind Sitzplatzreihen angelegt, dahinter befindet sich ein kleiner Stehplatzbereich und die Ausschank, groß in weißen Buchstaben, auf einer roten Tafel angeschrieben. Was sich in der abgelaufenen Herbstsaison auf der Tribüne vor dem Spielfeld abgespielt hat, ist nicht nur ungewöhnlich - es ist Teil einer Tragödie. "Vielleicht wird es im Frühjahr ja besser", sagt Vereinsobmann Hans Stöttinger, während der Regen auf seine schwarze Sportjacke fällt. "Schlechter kann es ja nicht werden."

Mitte November beendete der Verein die Hinrunde als Letzter der viertklassigen Oberösterreichliga. Das Team hat keinen Punkt erspielt, nicht einmal ein Tor geschossen, dafür 102 bekommen. Der Aufstieg und Fall des ATSV liest sich wie ein Netflix-Skript, das sich in einer unscheinbaren 4.000-Einwohner-Gemeinde in der oberösterreichischen Einöde abspielt. Noch vor ein paar Jahren wollte der Klub in die zweite Liga aufsteigen, er gehörte zu den besten Teams des Bundeslandes. Heute ist der ATSV - der Arbeiter-, Turn und Sportverein - in einen Wettskandal verwickelt, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Stöttinger und einige seiner ehemaligen Spieler. Aber er will weiterkämpfen - und ist einer der wenigen, der öffentlich über diese Zeit spricht. Um andere Perspektiven hüllt sich der Mantel des Schweigens. Ehemalige Trainer beantworten Nachrichten nicht, langjährige Funktionäre legen auf, als sie die Worte "recherchieren", "Artikel" und "Stadl-Paura" in einem Satz hören. "Ich kann nicht einfach dabei zuschauen, wie alles den Bach runter geht."

Vom Wirt zum Obmann

Stöttinger trägt schon lange einen grauen Schnurrbart, dazu Jeans und unter der Jacke ein rot-schwarz kariertes Hemd. Für das Interview nimmt der 70-Jährige in einer Pizzeria Platz. Früher einmal, bevor er mit mittelgroßen Unternehmen Geld gemacht hat, hat das Lokal ihm und seiner Frau gehört. Fünf Autominuten ist der Fußballplatz entfernt. Stöttinger hat dort in den 1960er Jahren Fußball gespielt, auch später ging er regelmäßig zuschauen. Irgendwann Mitte der 1990er, so genau weiß Stöttinger das nicht mehr, fragt ihn der Vereinsobmann, ob er nicht den Posten übernehmen möchte. "Und ich habe ja gesagt. Es war der größte Fehler meines Lebens." Er klingt mitgenommen, wenn er diese Geschichte erzählt, aber er lacht auch oft.

Die ersten Jahre des Vereins unter Stöttingers Führung plätschern so dahin, der ATSV bleibt den Niederungen des Unterhauses verhaftet. 2011 gelingt es Stöttinger, den ehemaligen Bundesliga-Torschützenkönig Christian Mayrleb nach Stadl-Paura zu lotsen. 2012 wechselte Mayrleb auf die Trainerbank, mit Torsten Knabel und Andreas Feichtinger kamen zwei Spieler im Karriereherbst mit Bundesliga-Erfahrung. Die Stadlinger, wie man sie in der Umgebung nennt, starteten durch. 2014 stieg die Mannschaft in die Oberösterreichliga, im Jahr darauf in die Regionalliga auf.

Stöttingers Ehrgeiz ist nicht gestillt. 2015 baut er die neue Haupttribüne, im Oktober 2016 lässt er mit der Ankündigung aufhorchen, die Lizenz für die zweite Liga zu beantragen. Eine anachronistische Ansage: Die Jahre, in denen Dorfklubs scharenweise ins Oberhaus strömten, war eigentlich vorbei. Die Abenteuer des SV Pasching, des SV Bad Aussee und des SC Schwanenstadt — dessen Platz keine zehn Kilometer von dem des ATSV entfernt liegt — hatten in Konkursanträgen, Vereinsauflösungen und Lizenzverkäufen geendet.

Stöttinger lässt sich davon nicht irritieren. Um den Aufstieg zu finanzieren, gibt es Gespräche mit einer oberösterreichischen Brauerei. Eine Million Euro stehe in Aussicht, das Budget würde sich damit verdreifachen. "Aber als es dann ernst geworden ist, haben sie einen Rückzieher gemacht." Der Lizenzantrag wird doch nicht gestellt, der enttäuschte Mayrleb verlässt Stadl-Paura. Noch stürzt der Klub nicht ab: 2018 gelingt im Cup die Sensation, der ATSV besiegt den Zweitligisten Blau-Weiß Linz. In der zweiten Runde wird ihm der LASK zugelost. 2.000 Leute schauen auf dem Sportplatz zu, dicht gedrängt stehen sie auf allen vier Seiten des Feldes. Stöttinger sagt: "Und das im kleinen Stadl-Paura. Ich habe mich einen Meter größer gefühlt."

Aber irgendwann versiegen die Geldquellen. Vielleicht lag das daran, das Stöttinger seine Unternehmen übergibt, das Sponsoring danach abnimmt. Der Klubchef selbst macht andere Vorstandsmitglieder verantwortlich, die gegen ihn intrigiert hätten und ihn wegen Formalfehlern bei der Vereinsbehörde angezeigt hätten.

Während alte Partnerschaften zerbrechen, bahnen sich neue an. Im Herbst 2019 steht eines Tages Hyosun Wi im Klubhaus. "Mr. Wi", so nennt ihn Stöttinger, stellt sich als Vertreter der südkoreanischen Fastfood-Kette Goobne vor. Goobne ist in Ostasien eine große Nummer und möchte, sagt Wi, nach Europa expandieren - und damit offenbar in Stadl-Paura beginnen. Sportsponsoring soll der Expansion den Boden bereiten, der Firmenvertreter stellt Talente aus Südkorea in Aussicht, die der ATSV nicht finanzieren muss. "Sicher ist mir das etwas komisch vorgekommen. Aber die haben nicht schlecht gespielt, und ich musste gar nichts zahlen. Die Koreaner haben sogar ein Haus für ihre Spieler gemietet." Mit einem Konsortium aus dem ehemaligen Jugoslawien ging Stöttinger einen ähnlichen Deal ein, erzählt er. Die Spieler, die in Folge der Kooperation während der Winterpause zum ATSV kommen — drei davon aus Südkorea — kommen kaum zum Einsatz, die Corona-Pandemie lässt die Welt erliegen.

Cup-Manipulationsverdacht

Erst im August bestreitet die ATSV wieder ein Pflichtspiel. Im Cup geht es im Wörthersee-Stadion gegen die Klagenfurter Austria. Ivan Butorovic, montenegrinischer Tormann, von der Transferwelle im Winter nach Stadl-Paura geschwappt, steht im Tor. In der ersten Spielminute schlägt es hinter ihm ein, bei einem Fernschuss greift der neue, montenegrinische Tormann daneben. Vor dem 0:3 vertändelt er den Ball beim Dribbling am eigenen Fünfmeterraum, das Tor zum 1:7 ist wenig mehr als ein Roller, Butorovic kann ihn nicht aufhalten. Ein Mitspieler geht nach der Partie zur Polizei und bringt Spielmanipulation zur Anzeige. "Er hat mir gesagt, dass die Spieler darüber in der Kabine geredet haben. Ich hätte das intern geklärt, aber er wollte zur Polizei gehen", sagt Stöttinger.

Die Klagenfurter Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf und stellt bald fest, dass in Asien etwa 300.000 Euro auf das Spiel gesetzt wurden. Butorovic ist nicht der einzige Spieler, gegen den ermittelt wird. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Dazu zählt auch Stöttinger, 2021 durchsuchte die Polizei sein Haus. "Aber ich habe gar nichts davon gewusst." Momentan ruhen die Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft hat ein Rechtshilfeansuchen an Behörden in jenen Ländern gestellt, wo sie die Beschuldigten vermuten. "Bis da nichts passiert, können wir nichts tun", heißt es von der Klagenfurter Staatsanwaltschaft.

Die Zeit der nennenswerten Summen und großen Namen ist in Stadl-Paura lange vorbei. Nur in Ausnahmefällen sitzen mehr als 100 Zuschauer auf der modernen Haupttribüne, manche der ehemaligen Vorstandsmitglieder, mit denen sich der Obmann überworfen hat, sind dafür fast immer dabei. Wenn die Niederlage besonders hoch ausgefallen ist, lachen sie, erzählt Stöttinger. Nach dem Abstieg in der Vorsaison mussten die Stadlinger den Kader im Sommer radikal verändern. Während es in der Regionalliga keine Ausländerbeschränkung gibt, erlaubt die Oberösterreichliga nur wenige Legionäre. Und weil der ATSV kaum noch Gehälter zahlen kann, kamen die meisten Spieler aus der eigenen U18 oder von Vereinen, die drei oder vier Ligen weiter unten agierten.

Die Spieler verzweifeln

Der Mann, der aus der Rumpftruppe eine Mannschaft formen muss, heißt Mario Wittmann. "Du verlierst irgendwann den Glauben", sagt er. Auch er ist erst seit dem Sommer beim ATSV, davor arbeitete er in der sechstklassigen Bezirksliga. Zu Stöttinger hat er ein gutes Verhältnis, aber natürlich würde ihn die Arbeit aufreiben. Er erzählt von Spielern, die nicht mehr kamen, weil sie die 0:11-Niederlage gegen St. Martin im Mühlkreis am zweiten Spieltag nicht verkrafteten. Oder wie auch er begann, an sich zu zweifeln, als Micheldorf nach 27 Minuten das 5:0 machte. "Da schaust du auf die Uhr und denkst, warum vergeht die Zeit nicht schneller." Am Ende verlor seine Mannschaft in Micheldorf 0:10. Mit ein bisschen stolz aber berichtet Wittmann von der letzten Partie vor der Winterpause. Gegen den SV Bad Ischl setzte es nur eine 0:2-Niederlage. "Da müssen wir im Frühling weitermachen."

Ganz aufgegeben hat Hans Stöttinger noch nicht. Man liege nur zehn Punkte hinter dem Vorletzten, vielleicht könnte man sich im Frühjahr steigern und es noch einmal spannender machen. Das größere Problem ist aber das Geld, der Verein hat gerade genug, um seinen Kickern die Mini-Gagen zu zahlen. Dazu kommen 30.000 Euro, die es noch aus Altlasten aus der Regionalliga-Zeit gibt, der Großteil davon Spielergehälter. Stöttinger tourt deswegen durch die Umgebung und sucht nach neuen Sponsoren. An eine Vereinsauflösung will er nicht denken. "Viele Leute fragen mich, wieso ich mir das antue. Aber ich kann nicht anders. Der Verein ist mein Lebenswerk."