Fußball gespielt wurde dann auch in Doha. Zuvor setzte die DFB-Auswahl aber doch jenen politischen Akzent, den sie in Form der Regenbogen-Kapitänsbinde nicht machen durfte (oder eben nicht wagte). So hielten sich beim Mannschaftsfoto vor dem Auftakt gegen Japan alle elf Akteure demonstrativ den Mund zu - und das vor den Augen des anwesenden Fifa-Bosses Gianni Infantino. Da diese Geste viel Spielraum lässt, lieferte der DFB umgehend eine Interpretationsanleitung mit. "Uns die Binde zu verbieten, ist wie den Mund zu verbieten. Unsere Haltung steht." Neuer trug statt der geplanten One-Love-Schleife die von der Fifa vorgegebene "No-Discrimination"-Binde, die gegen Diskriminierung jeder Art stehen soll.

Das Bild ging jedenfalls um die Welt - und sollte nach dem Schlusspfiff eine ganz andere Bedeutung erlangen. Denn rein sportlich waren die Deutschen am Ende sprachlos, eiskalt ausgekontert von wieselflinken Japanern - 1:2-Niederlage nach souverän scheinendem Spielverlauf und 1:0-Halbzeitführung. Nach dem neuerlich völlig verpatzten Turnier-Auftakt - vor vier Jahren folgte nach der 0:1-Startpleite gegen Mexiko das Vorrunden-Aus - wird im Land des vierfachen Weltmeisters wohl oder übel auch darüber diskutiert werden, ob die schon zwanghaft werdende politische Positionierung vor und in Katar nicht dem eigentlichen Zweck - nämlich gut Fußball spielen - Schaden zugefügt hat.

Faktum ist, dass es die erste WM-Niederlage der deutschen Auswahl nach Pausenführung war - seit 1978. Genau, seit Cordoba. Dabei schien eine Niederlage im Khalifa International Stadium bis zur 75. Minute denkunmöglich zu sein. Denn die Elf von Hansi Flick hatte das Spielgeschehen weitgehend im Griff, seit der 33. Minute führte man durch einen Foulelfmeter durch Ilkay Gündogan, den Ex-Horn-Goalie Shuichi Gonda etwas tollpatschig verschuldet hatte.

Doch so wie am Vortag die Argentinier (bei der 1:2-Blamage gegen Saudi-Arabien) verabsäumten es die Deutschen, den Sack frühzeitig zuzumachen. Großchancen durch Jamal Musiala (51.), der nach einem sehenswerten Slalomlauf das Leder in den Nachthimmel jagte, sowie eine Triple-Gelegenheit der schwarz-rot-goldenen Offensivabteilung (69.) wurden fahrlässig versemmelt.

Und so war es der japanische Teamchef Hajime Moriyasu, der mit seinem goldenen Händchen den völlig überraschenden Umschwung einleitete. Mit Takuma Asano, Ritsu Doan und dem Ex-Salzburger Takumi Minamino brachte er neue Kräfte, die das Spiel drehen sollten. Zunächst staubte Doan (75.) zum Ausgleich ab, ehe Asano per Sololauf zum Siegestor traf (83.). In beiden Fällen sah die DFB-Defensive (Antonio Rüdiger, Nico Schlotterbeck, Niklas Süle) nicht gut aus, sie agierte insgesamt viel zu fehleranfällig und bleibt weiterhin die Achillesferse der Flick-Elf.

In der hektischen Schlussphase stemmten sich die "Blue Samurai" dem chaotisch anlaufenden Weltmeister von 2014, der mit dem eingewechselten Mario Götze auch den Siegtorschützen von damals aufbot, entgegen. Bis auf einen Schuss von Leon Goretzka (95.) schaute aber nichts Nennenswertes mehr heraus.

"Uns fehlte die Ruhe"

Während die Japaner nun am Sonntag gegen Costa Rica schon die Chance haben, wie 2002, 2010 und 2018 ins Achtelfinale einzuziehen, gibt es für die Deutschen im Vorrundenschlager gegen Spanien ein Schicksalsspiel. Bei einer Niederlage könnte schon wieder das frühe WM-Aus bevorstehen. Es wäre ein Desaster für die einstige Turniermannschaft.

"Japan hat plötzlich daran geglaubt, dass gegen uns etwas zu holen ist - und wir waren einfach nicht mehr aggressiv genug", begründete Neuer die unerwartete Wendung im Spiel. Hauptverantwortlich für den enttäuschten Kapitän sei die Defensive gewesen: "Wir hatten nach der Pause nicht die Ruhe hinten rauszuspielen so wie in der ersten Hälfte."