Neider - und davon hat der Mann ein paar - würden sagen: Eh klar, schon wieder gehören ihm die Schlagzeilen. Und tatsächlich schafft es wohl nur ein Cristiano Ronaldo, einen ob einer peinlichen WM-Auftaktniederlage leidenden Lionel Messi aus ebendiesen zu verdrängen, ohne überhaupt erst eine einzige Minute gespielt zu haben. Dabei kam die Kunde, die Katar und die Fußballwelt dieser Tage aufrütteln sollte, zunächst gar nicht von dem portugiesischen Superstar selbst, sondern von Manchester aus: "Cristiano Ronaldo wird Manchester United mit sofortiger Wirkung in beiderseitigem Einvernehmen verlassen. Der Klub dankt ihm für seinen enormen Beitrag bei zwei Engagements im Old Trafford."

Mit diesen dünnen Zeilen auf Twitter verabschiedeten die Red Devils ihren einstigen Lieblingsschwiegersohn, der in den vergangenen Monaten zunehmend zum roten Tuch für die Klubverantwortlichen geworden war, keine zwei Tage vor dem WM-Auftaktspiel Portugals gegen Ghana (Donnerstag, 17 Uhr) in die vorübergehende Arbeitslosigkeit. Gewiss: Mit einem kritischen Interview im Vorfeld der Titelkämpfe hatte Ronaldo seine Demission mehr oder weniger selbst eingereicht.

Damit ruhen die Augen in Katar nun noch mehr auf dem 37-Jährigen, als dies bei seinen bisherigen Großveranstaltungen der Fall war. Bei der letzten seiner damit fünf Weltmeisterschaften will der mehrfache Weltfußballer, Champions-League-Sieger, Rekordspieler und Europameister von 2016 nach der ultimativen Karrierekrönung in Form des WM-Pokals greifen - und sich dabei gleichzeitig noch für ein weiteres Engagement bei einem Topklub empfehlen.

Berichten zufolge trieb Ronaldo seine Trennung von Manchester United auch deshalb voran, weil sich der Verein zuletzt nicht für die Champions League qualifizieren konnte. Ablöse ist für ihn nicht zu bezahlen, allerdings bewegt er sich mit zuletzt kolportierten 17,5 Millionen Euro Jahresgehalt in Sphären, die nicht viele Vereine für einen Mann dieses Alters aufzubringen bereit sind - zumal Ronaldo in Manchester schon lange nicht mehr erste Wahl war.

Der Kreis schließt sich

In Katar will er aber nun wieder zurück zu altem Glanz finden. Dabei ist die sportliche Rolle des Kapitäns vor dem Auftakt nicht ganz klar. Unter anderem mit dem 23-jährigen Rafael Leao vom AC Milan und dem gleichaltrigen Joao Felix von Atletico Madrid ist die Offensive auch ohne den Superstar gut aufgestellt. Für Ronaldo könnte das einerseits bedeuten, dass er seine Sonderposition im Team langsam abgeben muss - für die Mannschaft andererseits auch, dass sie unberechenbarer für die Gegner wird. Überhaupt ist es die Mischung zwischen Jugend und Routine, die die Equipe von Langzeit-Teamchef Fernando Santos zwar nicht zum Topfavoriten macht, aber zu einem Team, dass das Potenzial hat, aus der zweiten Reihe ganz nach vorne zu stürmen.

Dass die Causa Ronaldo für Unruhe sorgen könnte, bestreiten die Protagonisten. "Das ist etwas, das noch gar nicht diskutiert wurde", sagte Santos am Mittwoch. "Dieses Thema ist zu keinem Zeitpunkt zur Sprache gekommen, auch nicht von ihm." Viel lieber spricht er über die Chancen der Portugiesen. "Was dieses Team schaffen kann? Ich werde ganz einfach antworten: Weltmeister werden", meinte er. "Das Beste liegt noch vor uns, und es wird dieses Jahr passieren." Ohne Zweifel lässt sich dies als Kampfansage deuten. Über das Halbfinale war der Europameister von 2016 bei einer WM noch nie hinausgekommen.

Und damit schließt sich unweigerlich der Kreis zu Ronaldo: Ausgerechnet den bisher größten Triumph jener Nationalmannschaft, der er als Rekordspieler, Rekordtorschütze und In-sonst-jedweder-Hinsicht-Rekordmann über fast zwei Jahrzehnte seinen Stempel aufgedrückt hatte, erlebte er nämlich nur von der Bank aus: Im EM-Finale 2016 schied er schon in der ersten Hälfte verletzt aus. Als er zur Verlängerung wieder auf die Bank kam, dirigierte er das Team in Humpel- beziehungsweise Rumpelstilzchen-Manier zum Titelgewinn. Auch damals gehörten die Schlagzeilen ihm.