Stunden nach Abpfiff, mitten in der Nacht, wurde auf den Straßen von Kyoto noch laut gesungen. Die Millionenstadt zählt als Wiege der japanischen Kultur, betont stets das Erhabene und Ruhige. Tempel und Schreine sind hier wichtiger als Shoppingmalls und Karaoke-Salons. In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag war es aber ungewohnt laut. "Nippon! Nippon!", riefen sich aufgebrachte Personen, die sich nicht kannten, entgegen. Das Erkennungsmerkmal der Schreihälse: ein blaues Trikot. Die "Samurai Blue", wie die japanische Fußballnationalmannschaft der Herren genannt wird, hatte gerade ihr WM-Auftaktspiel gegen Deutschland mit 2:1 gewonnen.

Wohl alle im Land waren etwas überrascht, aber für unmöglich gehalten hatte es vorab niemand. Fragte man vor dem Spiel nach Tipps zum Ausgang, war öfter mal von einem Sieg für Japan zu hören. Dass es dann wirklich so kam, erleichterte das Land. Denn so richtig als Außenseiter wollte man sich gar nicht sehen. Das zeigte sich auch an den Reaktionen am Tag danach: "Japan erstaunt Deutschland mit 2:1", titelte der öffentliche Rundfunksender NHK auf seiner Website, als hätte er etwas geahnt, womit nur die Deutschen nicht gerechnet hatten. Das "Yomiuri Shimbun", die auflagenstärkste Tageszeitung im Land, machte auf mit der Feststellung: "Japan eröffnet das Turnier mit weißem Kreis" - das in Japan übliche Zeichen, mit dem man in Tabellen einen Sieg vermerkt. Das "Mainich Shimbun" meinte, fünf Dinge aus dem Spiel gelernt zu haben. Unter anderem: "Moriyasu hat keine Angst, umzustellen." Dieser Hajime Moriyasu, einst japanischer Nationalspieler und heute Trainer der Auswahl, hatte vor dem Turnier auf einer Pressekonferenz verkündet: "Wir haben das Ziel, unter die letzten Acht zu kommen." Wie bei der japanischen Tendenz zur Bescheidenheit zu erwarten, fügte Moriyasu gleich hinzu: "Einfach wird das natürlich nicht." Zumal sich Japan in der Gruppenphase neben Deutschland noch gegen Spanien und Costa Rica durchsetzen muss. Viele sprechen von einer "Todesgruppe."

Stärkster Kader der Geschichte

Ein Einzug ins Viertelfinale wäre das beste Abschneiden der japanischen WM-Geschichte. Aber verblüffend ist diese Anspruchshaltung kaum. Tatsächlich dürfte Japan denn auch über den stärksten Kader seiner Geschichte verfügen. In früheren Jahren verfügte das ostasiatische Land stets um eine Handvoll Spieler, die international Aufsehen erregten. Heute stehen oder standen fast alle bei erfolgreichen europäischen Klubs unter Vertrag, viele von ihnen als Leistungsträger. Allein in der deutschen Bundesliga sind das unter anderem die Mittelfeldspieler Ritsu Doan vom SC Freiburg, Daichi Kamada von Eintracht Frankfurt und Wataru Endo vom VfB Stuttgart, außerdem die Verteidiger Maya Yoshida von Schalke 04 und Ko Itakura von Borussia Mönchengladbach. Hinzu kommen die Offensivkräfte Takumi Minamino (früher Salzburg) vom AS Monaco aus der französischen Liga, Takefusa Kubo von Real Sociedad in Spanien und Takehiro Tomiyasu vom englischen Spitzenreiter FC Arsenal London. Die Liste ließe sich fortführen. Im Gegensatz zu früheren Jahrgängen fallen japanische Spieler nicht mehr vor allem durch solide Technik und Fleiß auf, sondern mittlerweile auch durch eine körperliche Härte und Zweikampfbereitschaft, die am Mittwoch die deutsche Mannschaft zu überraschen schien. Hinzu kommen das gemeinsame Pressen, Umschalten und Verteidigen, was auf einer hohen Kompaktheit und einem starken Kollektiv gründet. Das Konzept des Kollektivs hat Nationaltrainer Moriyasu dabei noch etwas weiter gefasst: Kurz vor dem WM-Start wandte er sich noch mit diesen Worten an die Öffentlichkeit: "Wir brauchen unbedingt die Unterstützung der Fans und des ganzen Landes. Ich bitte Sie, uns mit aller Kraft anzufeuern, mit uns zu kämpfen. Vielen Dank!"

Und da diese anderswo kontroverse Fußball-WM in Japan kaum politisch diskutiert wird, sondern praktisch ausschließlich sportlich, machen die Menschen mit. Kurz nach Spielbeginn feuerten die Leute in einem Beisl im Zentrum Kyotos lautstark diverse Spieler einzeln an. Als sich der spätere Ausgleichstorschütze Ritsu Doan zum Aufwärmen begab, wurde dessen Name gerufen. Als Torwart Shuichi Gonda auf patzige Weise einen Elfmeter gegen sich verursacht hatte, tönte dessen Name durch den Raum. Auch Trainer Hajime Moriyasu wurde persönlich angefeuert, sobald er mal im TV-Bild zu sehen war. Kurz nach Abpfiff feierten dann die Leute, als hätte Japan die WM gewonnen. Aber um ein Gefühl Überraschung ging es dabei eben nicht, eher um Erleichterung. "Puh! Das wäre geschafft", schnaufte ein junger Fan mit Trikot von Daichi Kamada nach dem Spiel.

Im Vorlauf dieser WM sind die "Samurai Blue" unter Druck gestanden. Denn den Traum eines Viertelfinaleinzugs gibt es hier schon lange. So richtig getraut, darauf auch Anspruch zu erheben, hat man sich oft aber nicht. In Japan gelten eben Vorsicht und Zurückhaltung als Tugenden. Dass die Stimmung diesmal eine andere ist, zeigte sich allerdings auch im Stadion in Katar direkt nach dem Spiel. Siegtorschütze Takuma Asano, unter Vertrag beim VfL Bochum, wurde von einem Reporter auf den deutschen Bundestrainer Hansi Flick angesprochen. Asanos ehrliche Reaktion: "Was ist das?"