Der Iran hat sich am Freitag dank zweier später Treffer für die deutliche Auftaktniederlage gegen England rehabilitiert. Das Team von Trainer Carlos Queiroz bezwang in Al Rayyan Wales mit 2:0 (0:0). Die beiden Treffer durch Rouzbeh Cheshmi (90+8.) und Ramin Rezaeian (90+11.) fielen in der Nachspielzeit. Damit hält der Iran nach zwei Runden bei drei Punkten und hat im letzten Gruppenspiel gegen die USA gute Chancen auf den erstmaligen Einzug in die K.o.-Phase.

In der ersten Spielhälfte boten die beiden Teams ein äußerst überschaubares Niveau. Kurz nach dem Wiederanpfiff scheiterte der Iran gleich zweimal an der Stange (52.). Im Laufe des zweiten Spielabschnitts war der Iran dem Siegtreffer näher, der Erfolg dank der beiden Treffer ging am Ende in Ordnung.

Wales-Tormann Wayne Hennessey sah nach einem harten Einsteigen die erste rote Karte der WM-Endrunde. Gareth Bale, der mit seinem 110. Einsatz für die walisische Nationalmannschaft zum Rekordspieler des Landes aufstieg, blieb über das gesamte Spiel wirkungslos. Wales wartet weiterhin auf den ersten WM-Erfolg seit 64 Jahren. In Gruppe B treffen am Abend noch England und die USA (20 Uhr/ORF 1) aufeinander.

Wales-Teamchef Rob Page nahm im Vergleich zum ersten Gruppenspiel nur eine Veränderung vor. Stürmer Kieffer Moore begann in der Offensive an der Seite von Bale. Der Iran veränderte seine Startelf gleich an fünf Positionen. Im Tor startete Seyed Hossein Hosseini, der im Auftaktspiel bereits in der 20. Minute die etatmäßige Nummer eins Alireza Beiranvand verletzungsbedingt ersetzt hatte. Im Angriff vertraute Trainer Carlos Queiroz neben Mehdi Taremi diesmal auf Leverkusens Sardar Azmoun.

Im Vorfeld des Spiels waren alle Augen auf die Spieler des Irans gerichtet. Vor dem England-Spiel sangen die Akteure aus Solidarität zu den Protestierenden in der Heimat bei der Hymne nicht mit. Diesmal bewegten alle elf Spieler relativ regungslos und ohne große Leidenschaft ihre Lippen.

Die Anfangsphase des Spiels gehörte Wales. Bereits in Minute drei näherten sich die Drachen in Person von Neco Williams dem Gehäuse der Iraner erstmals an, der Abschluss ging aber über das Tor. Die beste Chance der Waliser in Hälfte eins vergab Moore, als er nach einer Flanke von Connor Roberts artistisch an Tormann Hosseini scheiterte (12.). Wenig später zappelte der Ball nach einem Fehler im Spielaufbau der Waliser erstmals im Netz. Dem Treffer von Irans Ali Gholizadeh wurde aufgrund einer Abseitsposition nach Videostudium die Gültigkeit aberkannt (16.).

In der Folge ließ die Intensität des Spiels nach. Die Waliser waren um einen strukturierten Spielaufbau bemüht, brachten aber keine gefährlichen Aktionen mehr zustande. Der Iran hatte seine besten Momente nach einer Standardsituation und im Umschaltspiel. Aktivposten Azmoun setzte einen Kopfball neben das Tor (23.) und verfehlte kurz vor der Pause eine gut getimte Flanke nur um Zentimeter (45+2.).

In der zweiten Hälfte setzte der Iran direkt ein Ausrufezeichen. Zunächst traf Azmoun alleinstehend vor Tormann Hennessey nur die rechte Stange, wenige Sekunden später zog Ali Gholizadeh aus rund 20 Metern ab, sein Schuss krachte diesmal an den linken Pfosten (52.). Der Iran übernahm mit Fortdauer des zweiten Spielabschnitts zunehmend das Kommando und schnürte Wales zeitweise ein. Richtig brenzlig wurde es allerdings erst wieder in Minute 73, als Hennessey einen platzierten Abschluss von Saeid Ezatolahi neben den Pfosten lenken konnte.

Kurz nachdem Ben Davies mit einem Distanzschuss gescheitert war (83.), räumte auf der Gegenseite Hennessey Stürmer Taremi ab. Nach Videostudium verwies Schiedsrichter Mario Escobar, der dem Goalie zunächst Gelb gezeigt hatte, den Schlussmann der Waliser des Feldes (86.) - der erste Platzverweis der Weltmeisterschaft.

In der Nachspielzeit sicherte sich der Iran doch noch den verdienten Sieg. Nach einem missglückten Klärungsversuch von Joe Allen traf Cheshmi per Weitschuss ins rechte untere Eck. Wenig später schloss Rezaeian einen Konter zum 2:0-Endstand ab.

Security schritt gegen Banner ein

Aufregung gab es bereits vor dem Match: Zwar sangen diesmal die Iran-Spieler wieder die Hymne mit, dafür schritt die Stadion-Security wegen kritischer Banner gegen das Mullah-Regime ein. Ein Iran-Fan wurde aus dem Stadion eskortiert, weil er auf einem Shirt Unterstützung für die Protestierer gegen die Regierung im Iran dokumentiert hatte. Laut Augenzeugen trug der Mann ein Shirt mit der Parole der Anti-Regierungs-Proteste "Frauen, Leben, Freiheit".

Warum der Fan tatsächlich aus dem Stadion geführt wurde, war zunächst unklar. Die Pressebeauftragten im Stadion für die Fifa beantworteten eine Anfrage zunächst nicht, eine Stellungnahme des Stadionsmanagers wurde für später angekündigt. Ein Sprecher des Organisationskomitees verwies auf die Liste der in den Stadien verbotenen Gegenstände und Symbole, machte aber keine Angaben, welches verbotene Symbol der Fan gezeigt hatte. Die Regeln verbannen Symbole mit "politischen, beleidigenden oder diskriminierenden Botschaften".

Eine andere Anhängerin aus dem Iran, die ebenfalls die Proteste gegen die Regierung unterstützt, erzählte, dass sie ein T-Shirt an der Security vorbei ins Stadion gebracht habe, dass aber ihre Freunde wegen deren T-Shirts mit der Botschaft "Women Life Freedom" abgewiesen wurden.

Im Stadion gab es dennoch zahlreiche Unterstützungsbekundungen für die Anti-Regierungsproteste im Iran. Eine Frau hatte dunkelrote Tränen unter ihren Augen aufgemacht und hielt ein Fußball-Trikot mit der Aufschrift "Mahsa Amini - 22" auf der Rückseite aufgedruckt: eine Referenz an die 22-jährige kurdische Frau, deren Tod in Polizeigewahrsam vor zwei Monaten die Proteste ausgelöst hatte. Ein Mann neben ihr hielt ein Shirt mit den Worten "Women, Life, Freedom" in die Höhe. Ein weiterer Fan zeigte eine iranische Fahne mit den durchgestrichenen Worten "Allahu Akbar" (Gott ist der Größte). Ein Security stand in der Nähe und zeigte auf den Mann.