Die Spanier sind der neue Angstgegner der Deutschen. Seit die Italiener beschlossen haben, Fußballweltmeisterschaften lieber via TV beizuwohnen - sowohl 2018 als auch heuer in Katar konnte sich die Squadra Azzurra nicht qualifizieren - sind die Iberer in diese Rolle gewachsen. Wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll wie die Italiener, gegen die die DFB-Elf bei Endrundenturnieren (nach 120 Minuten) noch nie siegreich war.

Vor dem absoluten WM-Vorrundenkracher am Sonntagabend (20 Uhr/ORF 1) drückt auf die Hansi-Flick-Auswahl nicht nur die Last der Japan-Blamage samt Siegzwang gegen die Furia Roja, sondern auch jene der Geschichte: Den letzten Pflichtspielerfolg gegen die Spanier gab es vor fast 35 Jahren bei der Heim-EM 1988 - dafür setzte es in der jüngeren Vergangenheit gleich drei bittere Niederlagen, die die aktuelle Generation noch nicht vergessen hat. Spanien hat damit wesentlich dazu beigetragen, dass die Deutschen ihren Nimbus von der Turniermannschaft verloren haben.

Schicksalsspiel am Sonntag

Die Ausgangslage vor dem zweiten Spieltag in Gruppe E ist ziemlich simpel: Gewinnt Japan auch in der Sonntagsmatinée (11 Uhr/ORF 1) gegen Costa Rica, erhöht sich der Druck auf den viermaligen Weltmeister noch mehr. Dann ist ein Sieg über die Campeones von 2010 de facto Pflicht, um das neuerliche Vorrunden-Aus noch abzuwenden. Bei einem Remis müsste nämlich dann am letzten Spieltag auf Schützenhilfe der "Blue Samurai" gegen Spanien gehofft werden - allerdings verfügen die Iberer nach dem 7:0-Schützenfest über die Ticos auch über ein komfortables Torverhältnis. Und das zählt bei Punktgleichstand. Bundestrainer Hansi Flick lässt daher auch gar keine Zweifel, dass er von seiner Elf einen Sieg erhofft. "Wir haben die Qualität, um zu gewinnen - aber das müssen wir über 90 Minuten zeigen."

Doch zuletzt hatten die Deutschen - insbesondere zur Hochzeit des Tiqui-Taca - gegen die ballsicheren Spanier nichts zu bestellen. Drei Niederlagen stechen dabei hervor.

EM-Finale 2008:Das Ernst-Happel-Stadion ist brechend voll mit deutschen Fans, die nach dem (Fast-)Sommermärchen zwei Jahre davor nun den EM-Titel herbeisehnen. Nach holpriger Vorrunde (mit Niederlage gegen Kroatien und 1:0-Zittersieg über Österreich) ist die Jogi-Löw-Truppe in der K.o.-Phase wieder zur Turniermannschaft gewachsen mit hart erkämpften 3:2-Siegen über Ronaldos Portugiesen und die Türkei. Das spanische Starensemble von Luis Aragones ist indes souverän durch die Vorrunde gerauscht, muss dann aber gegen Italien übers Elfmeterschießen gehen. Im Endspiel sind die Spanier gegen die nervös wirkende Auswahl um Michael Ballack drückend überlegen, weil aber nur ein Tor gelingt - Fernando Torres (33.) - bleibt es bis zum Schluss spannend. Der erst zweite Titel (nach der EM 1964) ist letztlich ein Meilenstein für die Furia Roja - und der Beginn ihrer Fußball-Hegemonie.

WM-Semifinale 2010: Denn schon zwei Jahre später kommt es zum Wiedersehen auf noch größerer Bühne - und für den Sieger sollte der noch größere Pokal herausspringen. Die Titelkämpfe in Südafrika beginnen für die haushoch überlegenen Spanier zwar mit einem 0:1-Selbstfaller gegen die Schweiz; nach dem Zitteraufstieg gibt es aber jeweils knappe 1:0-Erfolge gegen Portugal und Paraguay. Die Deutschen leisten sich ebenfalls einen Vorrunden-Patzer (0:1 gegen Serbien), zünden dann aber mit der jungen Garde um Thomas Müller und Mesut Özil in der K.o.-Phase ein Feuerwerk - 4:1 über England, 4:0 über Diego Maradonas Argentinier. Konträr zu 2008 ist nun die furiose Löw-Elf in der Favoritenrolle, als in Durban das WM-Semifinale angepfiffen wird.

Doch der Klassiker kann die hohen Erwartungen nicht erfüllen - statt eines offenen Schlagabtausches wird die Partie zu einem Hochamt für Taktikfreaks, das auch noch durch eine Standardsituation entschieden wird: Innenverteidiger Carles Puyol verwertet alleinstehend einen Eckball per Kopf zur Entscheidung (73.). Die Deutschen verzweifeln an den Ballbesitzfetischisten und machen keinen Stich mehr.

Während sich die Spanier später die WM-Krone aufsetzen - wieder mit dem Minimalergebnis von 1:0 (n. V.) gegen die Niederlande - diskutiert das deutsche Fußballfeuilleton elendslange, warum es ausgerechnet gegen die Roja immer um diesen einen Hauch nicht reichen sollte.

Nations League 2020: Ja, wenn es vor zwei Jahren nur dieser Hauch gewesen wäre! Als die Großmächte zum bisher letzten Mal an diesem Novembertag in Sevilla aufeinandertreffen, sind beide nicht mehr ganz auf Höhe der Zeit. Beiden sitzt noch das frühe WM-Aus 2018 (Deutschland in der Vorrunde, Spanien im Achtelfinale) in den Knochen, beide Teams stehen mitten im Umbruch. Die Deutschen fahren selbstbewusst als Tabellenführer nach Spanien, mit einem Remis ist man Gruppensieger und hat eine seriöse Titelchance - doch das Vorhaben endet im Desaster.

0:6 als höchste Niederlage

Es setzt nicht nur eine spielerische Lehrstunde, sondern mit dem 0:6 auch die höchste Niederlage der Nachkriegszeit. Drei der Schützen von damals - neben Alvaro Morata und Rodri auch Dreifachschütze Ferran Torres - sind nach wie vor Stützen der aktuellen Auswahl von Luis Enrique.

Es war dies auch der Anfang vom Ende von Weltmeistertrainer Löw, der eigentlich bis Katar weitermachen wollte - dann aber schon nach der EM 2021 abtrat. "Das war ein rabenschwarzer Tag. Nichts funktionierte", sprach Löw damals nach dem
Debakel.

Worte, die am Sonntag vielleicht auch von seinem Nachfolger zu hören sein könnten. Dann, wenn wieder Historischen passiert und das früheste WM-Aus der deutschen Sporthistorie feststeht. Dann, wenn die Fußballseele endgültig aufgefressen ist von der German Angst vor Spanien.