Im Kalender der chinesischen Astrologie steht das Jahr 2022 im Zeichen des Wassertigers. Die EU-Kommission erklärte es zum Jahr der Jugend. Für das senegalesische Nationalteam hingegen ist es das Jahr der gewonnenen Entscheidungsspiele. Im Jänner und Februar marschierte die Mannschaft durch die K.o.-Phase des Afrika-Cups und besiegte in einem dramatischen Finale Ägypten. Sieben Wochen später bot sich den Nordafrikanern die Chance zur Revanche. In Hin- und Rückspiel matchten sich die Teams um einen Startplatz bei der Weltmeisterschaft. Wieder brauchte es ein Elfmeterschießen, wieder gewann der Senegal.

Am dritten Spieltag der Gruppe A wartet im Duell mit Ecuador (16 Uhr/ ServusTV) die nächste Nervenprobe. Aliou Cisses Team darf nicht verlieren — muss höchstwahrscheinlich sogar gewinnen —, um ins Achtelfinale der WM aufzusteigen.

Es ist schon jetzt ein bemerkenswert erfolgreiches Jahr. Der Titel beim Afrika-Cup war nach Finalniederlagen 2002 und 2019 der erste, die Qualifikation für die WM, nur fünf afrikanische Teams dürfen mitspielen, keine Selbstverständlichkeit. Das Selbstvertrauen vor Turnierbeginn war entsprechend groß: "Wenn ich mir meinen Tormann, meine Verteidigung und mein Mittelfeld anschaue, gibt es keinen Grund, neidisch auf Spanien oder Frankreich zu blicken", sagte Teamchef Cisse Mitte November in einem Interview der "New York Times". "Ich möchte, dass sich meine Spieler sagen: ‚Wenn Frankreich gewinnen kann, warum nicht wir?‘"

Senegals Stars lassen aus

Seine Stars aber haben bisher nicht ihr bestes Turnier. Bei der Auftaktniederlage gegen die Niederlande war Edouard Mendy, von der Fifa 2021 als Tormann des Jahres ausgezeichnet, bei beiden Gegentreffern teilschuldig. Tadellos machte er seine Sache danach beim 3:1 gegen Katar, er hatte allerdings mehr zu tun als erwartet. Die Innenverteidigung um Kapitän Kalidou Koulibaly, wie Mendy beim FC Chelsea aktiv, wirkte immer wieder orientierungslos. Sadio Mane ist aufgrund einer Entzündung des Wadenbeinköpfchens nur Zuschauer. "Wir werden uns erholen, taktische Änderungen vornehmen und schauen, dass wir im Turnier bleiben", sagte Cisse vor der Partie gegen Ecuador. Der Trainer weiß, wie es geht. Mit ihm als Kapitän erreichte der Senegal 2002 das Viertelfinale.

Cisse verlängerte im November mit dem Verband bis 2024, für den Großteil seiner Kicker könnte die WM aber die letzte Möglichkeit sein, auf globaler Bühne zu glänzen. Mendy wird im März 31 Jahre alt, vier weitere Feldspieler, die bei der Partie gegen Katar von Beginn an spielten, sind ebenfalls über 30.

Valencia in seltenen Sphären

Das gesetzte Fußballalter hat auch Enner Valencia erreicht. Der ecuadorianische Stürmer hat in seiner Karriere schon einige Titel gewonnen. In Mexiko und Ecuador wurde er Meister, in der mittelamerikanischen Champions League und der Copa Sudamericana Torschützenkönig. Seit 2020 steht er in Istanbul bei Fenerbahce unter Vertrag, er ist aktuell dort nicht nur Tabellenführer, mit 13 Saisontoren führt er die Schützenliste an.

Nun ist Valencia einer der Stars der WM. Drei Mal hat er bereits getroffen, ein Elfer und ein sehenswerter Kopfball gegen Katar, ein Abstauber gegen die Niederlande. Der Stürmer hat damit alle Tore seiner Mannschaft besorgt. Bewerbsübergreifend ist Valencia sogar der Schütze der letzten sechs WM-Treffer seines Landes. Das ist davor nur Eusebio, Paolo Rossi und Oleg Salenko gelungen.

Valencia musste allerdings beide Vorrundenpartien verletzungsbedingt verlassen, er hat Schmerzen in Knöchel und Knie, sein Einsatz gegen den Senegal noch nicht ganz fix. Am Sonntag versicherte er Medienvertretern allerdings, dass die ersten Diagnosen gut ausgesehen hätten.

Fällt Valencia aus, würde dem Team nicht nur der Torgarant fehlen, sondern auch dessen Routine. "Er ist der Einzige mit WM-Erfahrung", sagte Teamchef Gustavo Alfaro nach der Partie gegen die Niederlande am Freitag. "Alle anderen sind Kinder." Tatsächlich ist Valencia der einzige Spieler im Kader der Südamerikaner, der schon bei der letzten WM-Teilnahme 2014 im Aufgebot stand.

Ecuadors Jugend forscht

Geschadet hat das Team bisher nicht. Ein Kinderspiel war der 2:0-Auftaktsieg gegen Katar, auch beim 1:1 gegen die Niederlande war Alfaros Mannschaft dem Siegtreffer deutlich näher. Aushängeschilder der ecuadorianischen Jugendbewegung sind Pervis Estupinan (24) und Moises Caicedo (21) von Brighton & Hove Albion und Piero Hincapie (20) von Bayer Leverkusen. Das Team ist drauf und dran alle Erwartungen zu übertreffen, mit einem Unentschieden wären sie fix und zum zweiten Mal nach 2006 im Achtelfinale.

Es gibt freilich ein Szenario, in dem sowohl Ecuador als auch der Senegal die Gruppenphase überstehen. Dafür müssten die Mannschaften remisieren, und Katar die Niederlande mit mehr als zwei Toren Unterschied schlagen. Dann wäre Ecuador mit fünf Punkten Gruppensieger, der Senegal aufgrund der Tordifferenz vor den Niederlanden Zweiter.

Wahrscheinlich ist das allerdings nicht, dafür sollte — wenn schon nicht die bessere Mannschaft — der Beton reichen, den Louis van Gaal, niederländischer Teamchef, traditionell anrührt. Für Katar geht es am letzten Gruppenspieltag ohnehin nur mehr um die Verhinderung einer unangenehmen Premiere: Noch nie ist ein Gastgeberland bei einer WM sieglos ausgeschieden.