Katarische Frauen sind unsichtbar. Anders als Männer fehlen sie im gesellschaftlichen Leben, als Zuschauer in Stadien, im Teehaus beim Zusammensitzen. Wenn man auf sie trifft, sind sie in schwarze Stoffe eingehüllt, mit Kopf- und Gesichtsbedeckung, zwischen denen ihre Augen durchfunkeln. Die WM vertieft diese Geschlechterklischees. Auf Plakaten, in Fernsehwerbungen und bei offiziellen Auftritten sind nur Männer zu sehen, in lockerer Sportkleidung. Frauen sind nur selten abgebildet, und wenn, dann nur in schwarzer Verhüllung. Doch zwischen all dem Testosteron rund um die WM öffnete sich auch leise die Tür für Frauen, die ein anderes Leben wollen.

Es ist Abend, die Flutlichter beleuchten grell den Rasen der Sportakademie des Doha College. Lautstark jagen Frauen in Shorts einem Ball hinterher, um ihn in den Winkel einer der beiden Tore zu schießen. Sie klatschen ab, wischen sich den Schweiß von der Stirn und spucken in den Rasen. Genauso wie ihre männlichen Kollegen in den milliardenschweren WM-Stadien.

"Ich möchte eine Fußballerin werden, seitdem ich vier Jahre alt war", sagt die 12-jährige Ella Karlsson. Die Schwedin lebt seit fünf Jahren mit ihren Eltern in Katar. Für Karlsson ist dieser Wunsch nichts Besonderes, auch ihre Geschwister spielen Fußball, genauso wie es ihre Eltern taten.

"Mein Vorbild ist Leah Williamson. Wenn sie den Rasen betritt, sind alle Augen auf sie gerichtet", sagt Karlsson. "Wie sie ihr Team zum Titel der Europameisterschaft geführt hat, war unglaublich." Williamson ist Kapitänin der englischen Nationalmannschaft, mit der sie im Juli den EM-Titel mit einem 2:1 gegen Deutschland gewann. Das Finale fand in Wembley statt, das Stadion war mit 87.000 Zuschauern ausverkauft.

Bessergestellte und Unternehmer aus dem Westen

Die WM in Katar lockte nicht nur viele Arbeiter aus Asien an, sondern auch bessergestellte Angestellte und Unternehmer aus dem Westen. Sie bringen ein modernes Verständnis mit, was die Geschlechterrollen betrifft. Dass ihre Töchter genauso wie ihre Brüder Fußballspielen wollen, ist für viele Eltern nichts Ungewöhnliches. Vor allem, nachdem Frauenfußball in den vergangenen Jahren populär wurde.

"Mein Idol ist Englands Mittelfeldspielerin Fran Kirby", sagt die 13-jährige Poppy Parker-Woods aus England. Parker-Woods wuchs in Katar auf. "Meine Familie hat mir viele Sportarten nähergebracht, am besten gefiel mir Fußball", erzählt sie. "Mir gefallen die Teamarbeit, die Stärkung des räumlichen Bewusstseins und die Arbeit an der Fitness."

James Mwale und Rosie Todd. 
- © Bernd Vasari

James Mwale und Rosie Todd.

- © Bernd Vasari

Die Popularität von Frauenfußball ist eine Entwicklung, an der auch Katar nicht vorbei kommt, vor allem als Veranstalter einer Fußball-Weltmeisterschaft. Vor mehr als zehn Jahren wurde die Akademie Evolution Sports ins Leben gerufen, ein Zugeständnis an den Weltfußballverband Fifa, der bis 2026 weltweit 60 Millionen aktive Spielerinnen erreichen will. In den fünf Säulen der Fifa-Strategie ist eine davon die Errichtung von Frauenfußball-Akademien.

Keine Verschleierungspflicht

Knapp 200 Jugendliche trainieren mehrmals pro Woche im Doha-College, Buben und Mädchen getrennt, manchmal auch zusammen. Die meisten Mädchen kommen aus England, Schweden und den USA. Doch es gibt auch zehn Spielerinnen aus Katar.

Rosie Todd ist die Leiterin des Frauenfußballs an der Akademie. "90.000 Zuschauer bei den Damenteams von Barcelona gegen Real Madrid, die ausverkaufte EM in England: Frauenfußball ist sichtbar geworden", sagt sie. "Immer mehr Mädchen denken, das könnte auch ich sein." Darunter ein paar Mädchen aus Katar. Es gebe keine Verschleierungspflicht an der Akademie. "Wer ein Kopftuch tragen will, trägt eines, wer nicht will, trägt keines", sagt Todd.

Dass Frauenfußball in Katar einen besonders schwierigen Stand hat, lässt sie nicht gelten. "Es ist überall schwierig für Frauen, die Fußball spielen wollen." Todd erinnert sich an ihre eigenen Anfänge als Torfrau im englischen Yorke, wo sie aufwuchs. "Warum willst du Fußball spielen?, fragten sie mich", erzählt sie. "Und weiter: Spiel doch Hockey, Fußball ist ein Männersport. Ich war sehr traurig damals."

Todd gab aber nicht auf. "Mein Bruder war ein Torhüter, deswegen wollte ich auch Torhüterin werden, um besser zu sein als er", sagt sie. Todd spielte für Huddersfield Town, Durham Women und Middlesbrough. Dann beendete sie ihre Karriere, um als Trainerin in die Sportakademie nach Doha zu wechseln. Hier ist sie ein Vorbild. "Die Mädchen fragen mich über meine Erfahrungen", erzählt sie. "Wir wollen hier Frauenfußball entwickeln."

Wie Neymar, Ronaldo und Mbappe

"Ich will eine berühmte Fußballerin werden", sagt die 11-jährige Mariah Saleh aus Ägypten. Genauso wie ihre Idole Neymar Junior, Cristiano Ronaldo und Kylian Mbappe. "Fußball gibt mir das Gefühl von Zugehörigkeit. Ich liebe die Sportart mehr als jede andere." Ihre Eltern haben sie dabei immer unterstützt.

"Es ist überall schwierig für Frauen, die Fußball spielen wollen", sagt Leiterin Todd. 
- © EvoSportsQatar/Cristina Ionascu

"Es ist überall schwierig für Frauen, die Fußball spielen wollen", sagt Leiterin Todd.

- © EvoSportsQatar/Cristina Ionascu

"Der Trend ist global", sagt James Mwale, Geschäftsführer von Evolution Sports. "Es gibt großen Hunger nach Frauenfußball." Mwale ist seit über zehn Jahren an der Akademie. "Als Fußballer war ich nicht gut genug, also wurde ich Trainer", erzählt er. Er arbeitete in den USA, in England und schließlich in Katar.

Es habe sich viel geändert in seiner Zeit im Wüstenstaat. Frauen als Teil einer Mannschaft in dem auch Männer spielen sei in seiner Anfangszeit undenkbar gewesen. Mittlerweile sei das aber möglich. "Das ist eine große Errungenschaft für uns", sagt er. Es komme mittlerweile sogar vor, dass Frauen die Kapitänsrolle übernehmen. Mwale lächelt, dann sagt er: "Weil sie oftmals die besseren Spieler sind."