Auf einem Fußballplatz in einem beschaulichen Vorort von Turin hatten sich die Spieler von Juventus versammelt und hörten ihrem Präsidenten zu. Es war ein Tag im August 2018 und Andrea Agnelli hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, die Vögel zwitscherten. Agnelli hatte in diesem Sommer zum großen Schlag ausgeholt und Cristiano Ronaldo von Real Madrid losgeeist. Der Portugiese stand im Trainingsgewand inmitten seiner neuen Arbeitskollegen und hörte den Chef sagen: "Unser Ziel ist es, die Champions League zu gewinnen. Unser Ziel ist es, alles zu gewinnen."

Am Montagabend ist Agnelli nach zwölf Jahren an der Spitze von Juventus zurückgetreten. Die Champions League hat das Team seit der Ansprache nicht gewonnen, aber der Grund für den Rücktritt ist ein anderer: Die Turiner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Agnelli, im Oktober veröffentlichte sie schwerwiegende Vorwürfe gegen ihn und Funktionärskollegen.

16 Jahre ist es her, dass Juventus das bisher letzte Mal in einen gigantischen Skandal verstrickt war. Er trug den Namen "Calciopoli" und drehte sich um Spielmanipulation. Einige italienische Klubs hatten sich zusammen getan, um für entscheidende Partien die Schiedsrichter — und damit die Pfiffe — zu bekommen, die sie wollten. Federführend war Juventus, dem Verein wurden die Meistertitel 2005 und 2006 aberkannt, er musste in die zweite Liga zwangsabsteigen.

Mit Agnelli an die Spitze

Als Agnelli 2010 übernahm, war er der Saubermann, Sprössling jener Familie, die den Automobilkonzern Fiat und seit 1923 Juve besitzt. Er war nach 50 Jahren Pause das erste Familienmitglied, das sich auf den Chefsessel des Fußballklubs setzt. Auch der Erfolg kam zurück. 2012 holte das Team die erste Meisterschaft nach dem Zwangsabstieg, es folgten Jahre der Dominanz: Bis 2019 gewann der Klub den Titel jedes Jahr. Im internationalen Geschäft näherte man sich der Spitze. 2015 und 2017 zog Juve ins Finale der Champions League ein.

Auf der Jagd nach dem langersehnten Titel, den Juventus seit 1996 nicht mehr gewinnen konnte, ging Agnelli Wagnisse ein. Er zahlte sehr gut, lockte Stars wie Ronaldo und Gonzalo Higuain in die Stadt. Das ging gerade noch gut, doch als die Einnahmen wegen der Corona-Pandemie einbrachen, konnte sich der Klub nur mehr durch Finanztricks über Wasser halten.

Zu dieser Erkenntnis kommt zumindest Turins Staatsanwaltschaft. Seit Mai 2021 ermittelt sie gegen Agnelli. Im Kern der Anschuldigungen stehen zwei Methoden, mit denen der Klub seine Bilanzen frisierte. Da sind zunächst die "Plusvalenze". Der Begriff bezeichnet nichts anderes als Vermögenszuwächse, im italienischen Fußball verbergen sich dahinter aber Transfers, die nur scheinbar bezahlt werden. In der Bilanz der Saison 2019/20 verbucht Juve beispielsweise Vermögenszuwächse in der Höhe von 74 Millionen Euro durch den Verkauf von Miralem Pjanic an den FC Barcelona und den von Joao Concelo an Manchester City. Nur: Beide Transfers waren Tauschgeschäfte, Geld erhielt Juve für die Transfers nie. Die Ablösesummen wurden von den "den Parteien willkürlich und mit dem Ziel festgelegt, den aktuellen Haushaltsbedarf zu decken", schrieb die Staatsanwaltschaft Ende Oktober nach dem Abschluss der ersten Ermittlungen. Das gehe auf die Auswertung von abgehörten Telefongesprächen hervor.

16 Beschuldigte

Der Vorwurf der Bilanzfälschung bezieht sich aber auch jene Spieler, die Juve nicht verließen. Ende März 2020, die Serie A war seit drei Wochen ausgesetzt, verlautbarte der Verein öffentlich, dass die Spieler und der Trainerstab der Kampfmannschaft einem Gehaltsverzicht für die Monate März bis Juni zugestimmt hätten, 90 Millionen Euro würde das einsparen. Die Behörde erhebt Einspruch: In Wirklichkeit wäre nur ein Monatsgehalt nicht ausbezahlt worden, die restlichen Bezüge über Nebenvereinbarungen im Lauf der in den folgenden Jahren sehr wohl geflossen. Insgesamt, schreibt die Staatsanwaltschaft, habe Juventus so Schulden in der Höhe von 292 Millionen Euro vertuscht. 16 Beschuldigte führen die Behörden, darunter beinahe die gesamte Führungsriege von Juventus. Dazu zählen Agnellis Stellvertreter Pavel Nedved, der ebenfalls am Montag zurücktrat, und CEO Maurizio Arrivabene, der von 2014 bis 2019 Ferraris Formel-1-Rennstall leitete.

Turins Staatsanwälte nehmen die Delikte ernst. Das Wirtschaftsmagazin "Wall Street Italia" mutmaßt, dass Agnelli zurückgetreten ist, um der Untersuchungshaft zu entgehen. Interimistisch leiten Gianluca Ferrero als Präsident und Maurizio Scanavino als Generaldirektor den Verein. Sie pflegen ein gutes Verhältnis zu John Elkann. Der ist Agnellis Cousin und Chef des Fiat-Konzerns. Die Familie hat ziemlich viel zu verlieren.(mab)