Irgendwann wurde es den Engländern zu bunt. Seit Jahrzehnten lagen sich die islamischen Fürstentümer Katar und Bahrain am Persischen Golf nun schon in den Haaren, fielen mit ihren Kamelarmeen übereinander her, destabilisierten die Region und leisteten damit indirekt der Piraterie an der arabischen Ostküste Vorschub. Damit war nun Schluss. Im Jahr 1867 unterzeichneten Doha, damals noch ein kleines Dorf, und London einen Schutzvertrag, der die von der Herrscherfamilie Al Thani regierte Halbinsel unter britischen Einfluss stellte. Zwar ging das Geplänkel eine Zeit lang noch weiter - 1871 etwa marschierten osmanische Truppen ein -, die Bindung zu Großbritannien blieb aber und prägt bis heute noch manche Aspekte des Lebens, zum Beispiel das Bildungssystem, das nach britischem Vorbild strukturiert ist.

70 Jahre lang tat sich auf der Halbinsel nichts, bis 1939 - kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs - reiche Ölvorkommen im Boden entdeckt wurden. Die Scheichs des Al-Thani-Clans nutzten die Einkünfte aus der Ölförderung, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes voranzutreiben. Vollständig unabhängig wurde das Land vorerst nicht - die Briten behielten ihre Truppenpräsenz in der Region bis zu Beginn der 1970er-Jahre bei. Erst am 3. September 1971 wurde Katar unabhängig, schloss sich jedoch nicht den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten an.

Unter Terrorverdacht

Der Wohlstand des Staates wuchs im selben Jahr nochmals, als das größte Erdgasfeld weltweit auf dem Staatsgebiet entdeckt wurde. Im internationalen Vergleich hat Katar mit seiner kleinen Bevölkerung bis heute eine der kraftvollsten Volkswirtschaften. Die wenigen Beduinenstämme, die über die Jahrhunderte ihre Herden in den Wüsten von Katar weideten, darunter die Al Thani, machten damals nur eine sehr dünne, vorwiegend nomadische Bevölkerung aus. Heute gehört Katar zu den Staaten mit der am schnellsten wachsenden Bevölkerung. Anfang der 1950er-Jahre hatte das Emirat weniger als 50.000 Einwohner, heute sind es rund 2,7 Millionen. Das Bevölkerungswachstum ist allerdings hauptsächlich auf den Import von Arbeitskräften zurückzuführen - nur etwa 300.000 Einwohner sind einheimische Katarer. Angeworben werden für die Arbeit vor allem Menschen aus Indien und Pakistan, außerdem werden Fremdarbeiter aus Nepal und anderen arabischen Ländern beschäftigt.

Ausländer unterstehen einer Art legislativer Aufsicht durch einen Bürgen, der umfassende Befugnisse hat. Die Arbeitsbedingungen an manchen Projekten, etwa an den Anlagen für die WM 2022, werden wegen der vorherrschenden Arbeitsbedingungen kritisiert. Erst diese Woche sprach der Generalsekretär des Organisationskomitees, Hassan al-Thawadi, von mehreren hundert toten Gastarbeitern im Zusammenhang mit der WM in Katar. "Die Schätzung ist bei etwa 400, zwischen 400 und 500. Ich habe die exakte Zahl nicht", sagte al-Thawadi in dem Gespräch mit Piers Morgan für den britischen TV-Sender "Talk TV". Das Organisationskomitee wies danach darauf hin, dass sich die Aussage von al-Thawadi auf nationale Statistiken für alle arbeitsbedingten Todesfälle landesweit in Katar, für alle Branchen und Nationalitäten im Zeitraum von 2014 bis 2020 beziehe. Diese Zahl liege bei 414. Menschenrechtsorganisationen hatten davor von mehr als 6.500 toten Arbeitern aus fünf asiatischen Ländern auf den Baustellen des Emirats in den vergangenen zehn Jahren gesprochen. Diese Zahlen hatte Katar stets zurückgewiesen.

Mit der Unabhängigkeit gab sich die junge Nation die Staatsform eines Emirats. Der arabische Begriff meint wörtlich einen "Befugten", also einen Machthaber, und kann Monarchen wie Prinzen meinen. Zwar bezeichnet sich Katar in der Verfassung als demokratisch, doch der Emir aus dem Haus Al Thani übt exekutive und gesetzgebende Gewalt aus, und das ohne ein Parlament, allerdings mit einem beratenden Beirat, der Majlis al Shura. Die Grundlage der Gesetzgebung, die durch Gerichte in den acht Gemeinden des Emirats repräsentiert ist, bildet die Scharia, also jene traditionell-religiösen Maßstäbe, die sich aus dem Koran und den überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed ableiten lassen.

Diplomatische Verstimmungen

Zwar ist Katar in mancherlei Hinsicht ein Staat des 21. Jahrhunderts, beispielsweise was das Frauenwahlrecht betrifft, doch die offizielle Auslegung des Islam ist streng und rückt das Land in die Nähe von islamistischen Gruppen wie den ägyptischen Muslimbrüdern. Die Nähe zu solchen Gruppen beschränkt sich nicht nur auf die Aufnahme von Personen, die in anderen islamischen Staaten nicht willkommen sind, sondern beinhaltet auch die aktive finanzielle Unterstützung islamischer Missionsstiftungen.

Diese Haltung stürzte die arabische Welt 2017 in eine schwere politische Krise, wobei etwa Saudi-Arabien dem Emirat vorwarf, terroristische Gruppen in der Region zu unterstützen. Am 5. Juni 2017 setzten Saudi-Arabien und seine Verbündeten Bahrain, Ägypten sowie die Vereinigten Arabischen Emirate die diplomatischen Beziehungen zu Katar aus und schlossen ihre Grenzen. Mitte August gaben die Saudis bekannt, ihre Grenze zu Katar für die Hadsch für muslimische Pilger zu öffnen.

Erst im Januar 2021 beendete Saudi-Arabien die Blockade gegen Katar unter der Vermittlung Kuwaits.