Wie Palladium, Platin und Silber ist auch Gold ein Edelmetall. Es ist damit bei dauerhafter Einwirkung von Luft und Wasser chemisch stabil und korrosionsbeständig. Konkret: Gold rostet nicht.

Der Ausdruck "Goldene Generation" für den Kern des belgischen Nationalteams ist also, auch wenn er aus ungefähr gleichaltrigen Spielern besteht, nicht ganz treffend. Denn bisher zeigte die Elf um Kevin De Bruyne (31) bei dieser Weltmeisterschaft dramatische Korrosionserscheinungen. Die bisherigen Auftritte waren schwach, im Inneren der Mannschaft brodelt es. Um nicht das erste Mal seit 2010 die K.o.-Phase einer WM zu verpassen, brauchen die Belgier heute (16 Uhr/ Servus-TV) einen Sieg gegen Kroatien — oder unerwartete Schützenhilfe von Kanada.

Altherrenschmäh

Das Turnier läuft seit Beginn nicht nach Wunsch für Österreichs EM-Quali-Gegner. Der Auftaktsieg gegen die Kanadier gestaltete sich mühsam, Eden Hazard (31), einer der weltbesten Spieler, als das Team 2018 das Halbfinale erreichte, blieb blass, der einstige Stürmerstar Romelo Lukaku (29) saß angeschlagen auf der Tribüne.

Richtig ungemütlich wurde es aber erst am Tag vor dem Spiel gegen Marokko. Der "Guardian" veröffentliche eine Homestory mit De Bruyne, in der er über die Chancen seiner Nationalmannschaft bei der WM sagte: "Wir haben keine Chance. Wir sind zu alt." Nachdem die Marokkaner den Belgiern dann tatsächlich keine Chance gelassen und 2:0 gewonnen hatten, erreichte die Stimmung in der Mannschaft ihren Tiefpunkt. Innenverteidiger Jan Vertonghen (35) fragte sich in einem TV-Interview nach Abpfiff mit sarkastischem Unterton: "Wenn wir in der Offensive zu ungefährlich sind, liegt das auch an unserem Alter, oder?" Laut Medienberichten kam es danach in der Kabine zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen De Bruyne, Hazard und Vertonghen.

Seither habe es eine Mannschaftssitzung zwischen Führungsspielern und Trainer Roberto Martinez (49) gegeben, berichtete "L‘Equipe". Das Fachblatt schrieb aber auch, dass Tormann Thibaut Courtois (30) und De Bruyne seit Jahren nicht miteinander reden, und Lukaku auf seinen Stürmerkollegen Michy Batshuayi (29) nicht gut zu sprechen sei. Trainer Martinez versuchte, auf der Pressekonferenz vor dem Match gegen Kroatien zu beruhigen: "Spannungen gibt es in jeder Familie."

Sehr viel rostresistenter zeigt sich die "Goldene Generation" Kroatiens. Beim zweiten Gruppenspiel gegen Kanada fiel deren Routine nämlich recht positiv ins Gewicht. Denn schon nach zwei Minuten war Kroatien nach einem Kopfball von Alphonso Davies (22) in Rückstand geraten, hatte sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen lassen. Zwei Tore von Andrej Kramaric (31) gaben den Ausschlag, am Ende stand es 4:1.

Den Kroaten reicht ein Punkt, um den Aufstieg zu fixieren, von einer Favoritenrolle wollte Trainer Zlatko Dalic (56) allerdings gar nichts wissen. "Es gibt bei einer WM keine leichten Spiele", sagte er. "Belgien muss gewinnen, wir wollen das auch."

Warten seit 1986

In eine ähnliche Kerbe schlug Marokkos Trainer Walid Regragui (47). Die Nordafrikaner gehen mit der gleichen Ausgangslage wie Kroatien in ihre letzte Gruppenpartie gegen Kanada (16 Uhr/ORF1) - ein Punkt reicht. "Es wäre ein Fehler, auf ein Unentschieden zu spielen. Wir wollen gewinnen", sagte Regragui. Der Aufstieg würde das Ende einer langen Wartezeit bedeuten: Das letzte und bisher einzige Mal überstand Marokko 1986 die Gruppenphase.

Für Regragui wäre es der krönende Abschluss eines bemerkenswerten Jahres. Im Mai gewann er mit dem Wydad AC die afrikanische Champions League, im Juli folgte die marokkanische Meisterschaft. Als der Verband im August völlig überraschend Teamchef Vahid Halilhodzic (70) entließ, trat Regragui die Nachfolge an. Sein kanadisches Gegenüber, John Herdman (47), hat noch nie eine Vereinsmannschaft trainiert, mit der Frauen-Nationalelf Kanadas aber zwei Bronzemedaillen bei Olympia gewonnen.

Aufsteigen kann er mit seinen Männern nicht mehr, das Spiel gegen Marokko ist aber die letzte Chance auf eine Premiere. Verlieren die Kanadier nicht, wäre es ihr erster Punktgewinn in der Geschichte der Weltmeisterschaft (92). Gewinnen sie gar mit vier Toren Unterschied, würde den Belgiern auch ein Remis zum Aufstieg reichen.(mab)