Mediale Superlative sind Stéphanie Frappart nicht fremd. "Historisch", schrieb die französische Fachzeitung "L’Équipe" zur Nominierung der Schiedsrichterin für das entscheidende Gruppenspiel zwischen Deutschland und Costa Rica. Es dauerte schließlich knapp hundert Jahre, ehe nun am Donnerstag (20 Uhr/ORF 1) mit der 38-jährigen Französin erstmals eine Frau eine Partie einer Männer-WM leitet - und was für eine noch dazu. Deutschland liegt in der Gruppe E nach einer Niederlage gegen Japan sowie dem Remis gegen Spanien mit einem Punkt an letzter Stelle, zwei Zähler hinter Costa Rica und Japan, drei hinter Spanien. Wenngleich sich die Stimmung nach der Auftakt-Pleite zuletzt wieder etwas aufgehellt hat und die Elf von Hansi Flick als klarer Favorit ins Spiel geht, dürften die Nerven beim Favoriten daher blank liegen. Frappart selbst hat indessen bei ihren bisherigen Meilensteinen in der Männer- und Macho-Domäne bemerkenswerte Gelassenheit ausgestrahlt, am liebsten wäre ihr, es müsste gar nicht über den Einsatz von Frauen als Schiedsrichterinnen gesprochen werden. Ähnlich sehen es die Deutschen. Er vertraue Frappart "zu 100 Prozent", sie habe es aufgrund ihrer Leistung verdient, betonte Flick.

In Katar sind drei weibliche Referees dabei, neben Frappart die Japanerin Yoshimi Yamashita und Salima Mukansanga aus Ruanda. Nach eineinhalb WM-Wochen waren auch wegen der Debatte über die Frauenrechte in Katar leise Zweifel an den Einsatzchancen des Trios aufgekommen. Nun könnte die Bühne für Frappart kaum größer sein, kämpft doch Deutschland in der Partie gegen die WM-Blamage. "Wir kennen den Druck", hatte die Französin vor der WM der britischen BBC gesagt. "Aber ich denke, das wird uns nicht ändern. Ruhig und fokussiert sein, sich konzentrieren - und nicht zu viel über die Medien und alles Weitere nachdenken. Einfach auf das Spielfeld fokussiert sein."

Hansi Flick ist ohnehin mehr mit seiner Mannschaft beschäftigt. - © reuters / Annegret Hilse
Hansi Flick ist ohnehin mehr mit seiner Mannschaft beschäftigt. - © reuters / Annegret Hilse

Der Blick in die sozialen Netzwerke am Mittwoch offenbarte, dass Akzeptanz und Gleichberechtigung längst noch nicht bei allen Fans angekommen sind. In ihrem Heimatland Frankreich pfeift Frappart seit 2019 in der höchsten Spielklasse der Männer, vor eineinhalb Jahren war sie die erste Frau, die ein WM-Qualifikationsspiel leitete.

"Immer willkommen"

Ihr Geschlecht sei nie ein Thema gewesen, sagte sie. "Seit ich angefangen habe, wurde ich immer unterstützt - von den Mannschaften, Vereinen und Spielern. Ich war im Stadion immer willkommen, also fühle ich mich auf dem Platz wie jeder andere Schiedsrichter."

Im Mai pfiff Frappart das französische Cup-Finale der Männer. "Für mich ist das keine Überraschung", sagte die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult und verwies auf die große Erfahrung von Frappart. "Ich freue mich darauf, dass jetzt eine Frau zum Einsatz kommt." Der ehemalige deutsche Weltmeister Sami Khedira sagte, er sei ein "Riesen-Fan, dass Frauen mit Leistung auch im Männerfußball Fuß fassen". Dass es allein darum gehe, betont auch die Fifa immer wieder. "Sie sind nicht hier, weil sie Frauen sind, sondern als Fifa-Referees", hatte Schiedsrichterchef Pierluigi Collina kurz vor dem ersten Spiel über die drei Schiedsrichterinnen gesagt. Bei der WM 2018 war noch keine Frau im Schiedsrichter-Kader. Es gibt aber auch Stimmen, die Frappart und ihre zwei Kolleginnen kritisch sehen. Wie der frühere Weltklasse-Schiedsrichter Urs Meier. "Ich weiß ganz genau: Ich habe in Europa 30 Schiedsrichter, die viel stärker sind als Frappart: Ja, da nehme ich doch nicht die Nummer 31 oder 32 mit, wenn ich nur zwölf europäische Schiedsrichter nominieren darf", hatte der Schweizer in seinem "Urs-Meier-Podcast" zu WM-Beginn erklärt. In einem hat er sich auf jeden Fall getäuscht. Collina "wird sicher keine Schiedsrichterin für die ganz wichtigen Spiele aufbieten, da bin ich 200 Prozent sicher". Für Deutschland aber ist das ein ganz wichtiges Spiel.