Es war eines jener Spiele, bei denen man am liebsten alle Fußballgötter verfluchen möchte, weil sie so etwas zugelassen haben. Es war eines jener Spiele, wo am Ende das Schicksal wilde Kapriolen schlägt, aber nicht die Tapfern und Guten, die schon wie die sicheren Sieger aussehen, gewinnen, sondern die Schurken und Bösewichte, die sich mit unlauteren Mitteln zum Sieg schummeln. Ein Spiel, das mit so viel Schrecken endet, dass selbst der große und damals recht betagte Nelson Mandela ausrücken muss, um das Ganze irgendwie erträglich zu machen. Auf Asamoah Gyan, jenen Teamspieler Ghanas, der von einer Sekunde auf die andere statt in den Himmel aufzusteigen in die Hölle hinabfuhr, sei er "sehr stolz", teilte Mandela knapp mit. Zu Luis Suarez sagte der legendäre Kämpfer gegen Apartheid nichts. Das war vielleicht auch besser so. Zumal es auch anderen Kapazunder beim vielleicht größten WM-Drama in diesem Jahrtausend die Sprache verschlagen hätte: "Shakespeare und Dickens hätten Schwierigkeiten, die richtigen Worte hierfür zu finden. Afrikas Fußballträume wurden bei diesem Spiel zerstört", hieß es bei "Peace FM" aus Ghana.

Wenn sich heute in Katar Ghana und Uruguay im Finale der Gruppe H (16 Uhr/ORF 1) erstmals seit zwölf Jahren wiedersehen, dann ist dieses WM-Viertelfinale in Soccer-City-Stadion von Johannesburg wieder präsent. Den Black Stars reicht diesmal sogar ein Unentschieden, um gemeinsam mit Portugal ins Achtelfinale einzuziehen und damit Revanche an der Celeste zu nehmen, die damals die Semifinal-Träume Ghanas in der Verlängerung respektive im Penaltyschießen brutal zerstört haben. Ghanas? Falsch - es waren die Träume eines ganzen Kontinentes, die sich auf die Auswahl des westafrikanisches Staates fokussiert hatten. Bei der ersten WM auf dem schwarzen Kontinent, in Südafrika, war Afrika auf dem Sprung unter die besten vier Nationen im Weltfußball. Ein jahrzehntealtes Versprechen, das mit den Erfolgen von Marokko (Achtelfinale 1986) und Kamerun (Viertelfinale 1990) in der Prophezeiung gipfelte, Afrika werde einmal den Weltmeister stellen, schien sich endlich zu erfüllen. Doch dann gab es - frei nach Sergio Leone - den Guten, den Bösen und das hässliche Ende. Hier der (Tor-)Räuber, dort der glücklose Schütze mit dem Streifschuss.

Das Drama in Minute 120

Dabei war Ghana damals spät dran in dieser afrikanischen Führungsrolle: In den 1990er stellte man eigentlich das beste Team des Kontinents - doch die große Elf um Abedi Pele und Anthony Yeboah blieb ohne Titel und ohne WM-Teilnahme. Erst 2006 schafften es die Black Stars zur Endrunde und erreichten prompt das Achtelfinale. Vier Jahre später sollte das eingespielte Team von Milovan Rajevac dann zum großen Sprung ansetzen - nach einem Sieg über Serbien glückte knapp der Aufstieg, wo man im Achtelfinale als einzige von erstmals sechs afrikanischen Mannschaften die USA in der Verlängerung 2:1 niederrang. Siegtorschütze: Asamoah Gyan. Der prompt die Bedeutung des Triumphs darstellte: "Ich widme mein Tor ganz Afrika."

Und so kam es am 2. Juli 2010 zu jenem denkwürdigen Viertelfinal-Duell gegen Uruguay, das mit Luis Suarez einen eiskalten Stürmer und mit Diego Forlan den späteren besten Spieler des Turniers stellte. Forlan gelingt es auch, die Halbzeitführung der Ghanaer auszugleichen (55.), ehe es nach 1:1 in die Verlängerung geht. Dort drücken die Afrikaner dann auf die Entscheidung, scheitern aber jeweils am Abschluss. Doch dann bricht die 120. Minute an: Freistoß Ghana - Tumult im Strafraum - Uruguay-Goalie Fernando Muslera irrt herum - Ghanas Dominic Adiyiah köpfelt den Ball an ihm vorbei - hunderten Millionen Afrikaner brennt schon der Torschrei auf den Lippen. Doch auf der Linie steht Suarez, der mit beiden Händen den sicher geglaubten Treffer noch verhindert. Der damals 23-Jährige sieht sofort Rot wegen Torraubs - doch Ghana hat ja noch die Chance, die Partie mit dem verhängten Elfmeter in der allerletzten Aktion zu entscheiden. Und es ist natürlich Gyan, der sich den Ball schnappt, um ganz Afrika ins Semifinale zu schießen.

Doch als sein Fehlschuss an die Oberseite der Latte klatscht, bricht der am Spielfeldrand wartende Suarez in einen Freudentanz aus. Ein Bild, das um die Welt geht und ihn schon damals zum wohl meistgehassten Spieler des Erdballs macht. Vier Jahre, bevor er in Brasilien mit seiner Beißattacke für einen veritablen WM-Skandal sorgt.

So nimmt das Schicksal seinen Lauf: Die psychisch gebrochenen Ghanaer verschießen zwei ihrer vier Elfmeter - wobei ausgerechnet Gyan seinen Penalty verwertet. Zu spät - nach dem 2:4 will sich der spätere Sunderland-Stürmer am liebsten ein Loch im Johannesburger Rasen graben, um dort zu versinken. Doch während der tragische Held mit Weinkrämpfen herumirrt, feierte der schmutzige Held der Partie mit seinen Mitspielern und Fans. Und gießt noch reichlich Öl ins Feuer, als er in Anlehnung an Maradonas genialen Schurkenstück im WM-Viertelfinale 1986 meint: "Am Ende ist die Hand Gottes jetzt meine." Es war wohl eher die Pranke des Teufels, die da ausgefahren ist. Und Suarez’ Lohn ist am Ende dieser WM nicht der Titel, sondern nur Platz vier - und ein gellendes Pfeifkonzert, als er nach nur einem Spiel Sperre im kleinen Finale gegen Deutschland bei der 3:2-Niederlage wieder einlaufen darf.

"Sportliche Ungerechtigkeit"

Auch wenn der 35-jährige Ex-Barca-Star, aktuell bei Montevideo unter Vertrag, nun seinem Gegner den Rat gab, sich nicht auf Rache zu konzentrieren ("Das könnte kontraproduktiv sein!"), gibt es für die aktuelle Kicker-Generation um Andre Ayew wohl keine größere Genugtuung, als wenn sie am Freitag El Pistolero Suarez höchstpersönlich aus seinen letzten WM-Träumen ballern. Denn auch wenn damals alles rechtens war (und eine andiskutierte Regeländerung der Fifa nie stattfand), gerecht war es nie und nimmer. Wie brachte es Ghanas Coach damals auf den Punkt? "Das war sportliche Ungerechtigkeit."