Immer dann, wenn Deutschland im Fußball schwer angeschlagen am Boden liegt, kommt zielsicher einer daher, um kräftig in den Wunden herumzustochern: Gary Lineker. Die Germanen-geschädigte britische Fußball-Ikone, die einst der Turniermannschaft par excellence mit einem berühmten Spruch gehuldigt hat ("Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen"), hat das Bonmot nun schon zum zweiten Mal abwandeln müssen. Als vor vier Jahren in Russland die Peinlichkeit wahr wurde, und der damalige Weltmeister gegen Mexiko, Südkorea und Schweden in der Vorrunde die Segel streichen musste, ersetzte Lineker das "immer" mit "nicht mehr" und ergänzte: "Die frühere Version gehört der Vergangenheit an." Nun, nach dem neuerlich historischen Gruppen-K.o. in Katar twitterte der WM-Schützenkönig von 1986 eine weitere Neu-Adaption seines Satzes. Die Deutschen gewinnen demnach nur, "wenn sie es durch die Gruppenphase schaffen".

Kleinere Krisen, große Titel

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen. Und dieser Schaden, den die einstige Fußball-Weltmacht Deutschland am Donnerstagabend erlitten hat, ist so gigantisch, dass sie wirklich keinen Engländer brauchen, um diesen fassen zu können. Das erledigt Fußball-Deutschland mit seinen vielen Experten, Ex-Internationalen und Feuilletonisten schon selbst. "Böses Ende einer großen Fußballnation", titelte etwa die "FAZ" fatalistisch.

Tatsächlich ist das neuerliche Vorrunden-Aus trotz des hart erkämpften 4:2-Sieges über Costa Rica der absolute Tiefpunkt in der Geschichte des DFB. Es gab zwar in den vergangenen 30 Jahren immer wieder enorme Rückschläge - wie die WM-Viertelfinal-Pleiten 1994 und 1998 sowie die EM-Vorrunden-K.o.s 2000 und 2004 - doch davor und dazwischen stellte die "Turniermannschaft" Deutschland immer wieder ihre Tugenden unter Beweis. WM-Titel 1990, EM-Titel 1996, WM-Finale 2002. Und danach gab es sowieso den Umbruch in der Ära Jürgen Klinsmann/Joachim Löw, die den unseligen Rumpelfußball austreiben mussten, um nicht bloß über Einsatz, Leistung und den unbändigen Glauben an den Sieg zum Erfolg zu kommen, sondern über ein offensiv-ausgelegtes, mitreißendes Spiel. Mit zusehendem Erfolg: Sommermärchen 2006 (WM-Bronze), Vize-Europameister 2008, wieder WM-Dritter 2010 - und dann die absolute Krönung mit dem WM-Pokal 2014.

Doch danach ging es unter Löw - anfangs schleichend, dann aber umso rasanter - bergab: Die Blamage von Russland war weniger ein Ausrutscher als vielmehr der erste Höhepunkt einer Entwicklung, die lange nicht als solche erkannt wurde, wie Donnerstag-Spätnacht noch etliche hohe Geister im TV erklärten. Schließlich gab es seit 2014 in keinem einzigen Bewerb mehr etwas zu bestellen für Deutschland - drei Mal früh gescheitert in der Nations League, zwei Mal bei der EM (Viertel- und Achtelfinale), nun zum zweiten Mal bei der WM. Und das gegen Nationen, die man früher vielleicht nicht aus dem Stadion geschossen, aber doch klar dominiert hätte: Japan und Costa Rica. Nicht nur Weltmeister Bastian Schweinsteiger sprach einen großen Satz ziemlich gelassen aus: "Deutschland ist keine Turniermannschaft mehr!"

Diese Erkenntnis postulierte man jenseits von Rhein, Oder und Isar zwar schon lange vor dieser verwunschenen Wüsten-WM, doch nun wissen es auch die Verbissendsten unter dem deutschen Fußballvolk. Denn billig ist es, wie etwa von Kai Havertz angedeutet, den Spaniern die Schuld am deutschen Aus zu geben. Die Iberer unterlagen zwar wie die Deutschen den Japanern trotz Führung mit 1:2 und sind wohl nicht unfroh, sich nun als Gruppenzweiter am Turnierast mit Portugal statt Brasilien zu befinden. Auch die Diskussionen, ob der Siegtreffer der Japaner nun vorher im Tor-Out war (er war es laut offiziellen Bildern um Millimeter nicht!), sind klare Themenverfehlung. Denn geschlagen hat sich die Elf des an- aber noch nicht ausgeknockten Bundestrainers Hansi Flick nur selbst. Indem sie an sich klar unterlegene Gegner wie Japan (und auch Costa Rica) unnötig wieder stark gemacht und ins Spiel kommen hat lassen - entgegen allen bisherigen Tugenden "der Mannschaft". Statt am Donnerstag mit 2:0 oder 3:0 in die Pause zu gehen und so die "Blue Samurai" im Parallelspiel unter Druck zu setzen, erweckte man die Ticos mit haarsträubenden Defensivpatzern zu neuem Leben und lag plötzlich sogar 1:2 zurück.

Mit dieser Defensive hätte die DFB-Auswahl ohnedies keine Titelchance gehabt, heißt es nun unisono - bis auf Antonio Rüdiger von Real Madrid darf man allen sogar die WM-Tauglichkeit absprechen. Außerdem fehlt dem deutschen Fußball, der wahrlich mit begnadeten Offensivkräften gesegnet ist (wie Jamal Musiala), ein klassischer Mittelstürmer: ein 9er, der da ist, wenn man ihn braucht, wenn es vielleicht einmal nicht ganz so läuft in einer Schnittpartie. Also ein Miroslav Klose, ein Rudi Völler, ein Gerd Müller. Bei allem Respekt, aber der Last-Minute-Notnagel Niclas Füllkrug spielt dann doch in einer anderen Liga (bei Bremen vor kurzem noch in Liga zwei).

Wie also auf die Schnelle hier Abhilfe schaffen, wie auf die Schnelle eine neue Turniermannschaft aufbauen, die aus den Trümmern dieser DFB-Elf im Juni 2024 bei der Heim-Europameisterschaft wieder Titel-tauglich ist? Werden sie gar wie weiland Phönix aus der Asche steigen und - Achtung: Sarkasmus! - auf dem Regenbogen zum Titel reiten? Möglich. Und nie ausgeschlossen. Planbar wird es, auch ohne großen Umbruch (Thomas Müller, 33, steht vor dem Abschied), nicht sein. Dafür ist die Zeit zu kurz.

Deutsche sind keine Deutsche

Den vierfachen Weltmeister wird man aber immer "auf der Rechnung" haben müssen, wie es so schön heißt. Aber nicht, weil Deutschland doch irgendwie eine ewige Turniermannschaft ist, sondern weil es im modernen Fußball der Nationalteams nur noch eine Konstante gibt. Und zwar jene, dass es keine Konstanten mehr gibt: Außenseiter sind keine Außenseiter mehr, die Deutschen keine Deutschen mehr. Kein Team hat mehr einen Fixanspruch auf die Finalrunde (auch Spanien war drei Minuten lang ausgeschieden), ja manche nicht mal mehr auf die WM-Teilnahme. Derzeit sind es Italien, Deutschland und Belgien, die das Tal der Tränen durchwandern. Ein Satz, der am Donnerstagabend oft fiel, lautete: "So ist Fußball!" Am Ende gewinnen eben nicht die Deutschen.