Von vier arabischen Nationalteams, die bei der WM in Katar angetreten waren, hat es eine einzige ins Achtelfinale geschafft - und trifft nun am Dienstag (16 Uhr/ORF1) im Education City Stadium auf Spanien. Und Marokko hat durchaus das Zeug dazu, die Welt auch bei dieser Partie zu überraschen. So wie das die Atlas-Löwen im Vorrundenspiel gegen Belgien getan hatten, als sie den favorisierten Weltranglistenzweiten 0:2 düpierten und mehr oder weniger aus dem Bewerb warfen. Den Zahlen nach zu urteilen, ist Marokko tatsächlich das bisher erfolgreichste arabische Land bei Weltmeisterschaften. Seit 60 Jahren schon spielen die Nordafrikaner um den WM-Pokal mit, das erste Mal mit dabei waren sie 1970 in Mexiko, wo sie allerdings als Gruppenletzter ausschieden. Fünf weitere Teilnahmen folgten, zwei Mal erreichte man das Achtelfinale: 1986 in Mexiko und nun 2022 in Katar.

Die muslimische Welt jedenfalls jubelt. Die Länder des arabischen Halbmonds verbindet mit dem Turnier in dem Emirat unter anderem die Hoffnung, dass es einen Fußballboom in den eigenen Ländern auslöst sowie die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zur übermächtig erscheinenden Konkurrenz aus Europa und Südamerika erhöht. Sportlich ist die Zahl arabischer Nationen, die sich für die WM qualifizieren konnten, zuletzt tatsächlich sukzessive gestiegen. Wie schon bei der Weltmeisterschaft 2018 sind (beziehungsweise waren) mit Gastgeber Katar, Saudi-Arabien, Tunesien und Marokko vier Länder dabei - anders als noch 2014 und 2010, als lediglich Algerien teilnahm. Abgesehen vom Gastgeber gelang es den arabischen Teams heuer, in den Auftaktspielen mindestens einen Punkt zu holen. Saudi-Arabien schlug sogar Argentinien sensationell mit 2:1.

Dementsprechend gut ist daher auch die Stimmung bei den arabischen Fans. Glich die Atmosphäre bereits in den Vorrundenspielen der arabischen Mannschaften oft einem Heimspiel, so wird dies bei der Partie zwischen Marokko und Spanien wohl erst recht der Fall sein. Schon beim Belgien-Spiel war das Al-Thumama-Stadion am Rande von Doha, abgesehen von einem kleinen belgischen Fanblock, fest in marokkanisch-arabischer Hand gewesen. Jeder Ballkontakt des WM-Dritten von 2018 wurde mit Pfiffen quittiert, während die "eigene" Mannschaft euphorisch immer weiter nach vorne getrieben wurde. Dank dieser akustischen Unterstützung gelang es den Atlas-Löwen, die Partie zunächst offen zu gestalten und sogar zunehmend zu dominieren.

Niederlagen totgeschwiegen

Am Dienstag werden die Augen der arabischen Welt auf Katar gerichtet sein - immerhin ein Kulturkreis von 22 Staaten mit rund 400 Millionen Menschen, der im Übrigen politisch und konfessionell diverser nicht sein könnte. Es ist die Klammer des Fußballs, der die Araber zwischen Mauretanien und Oman in diesen Tagen eint. Ähnliches war schon früher beobachten gewesen, als neben Marokko Saudi-Arabien, Ägypten und Algerien bei Weltmeisterschaften das Achtelfinale erreicht und für Furore gesorgt hatten. Selbstverständlich wurden und werden solche Momente von den arabischen Machthabern ausgenutzt. Bei Erfolgen ist ein Besuch in der Kabine Pflicht, läuft es nicht gut, kann es schon einmal vorkommen, dass eine Niederlage von den gleichgeschalteten Medien gänzlich totgeschwiegen wird, so wie das während der Herrschaft von Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak vorgekommen sein soll. Angesichts der Engmaschigkeit, mit der das Regime den Fußball im Land am Nil bis heute kontrolliert - die meisten Klubs und Stadien gehören dem Staat oder der Armee -, ist das nicht verwunderlich.

Die Verzahnung von Fußball und Politik in den meisten arabischen Ländern lässt auch mit der Tatsache erklären, dass das Stadion hier immer schon ein politischer Ort war und ist. Algerien ist in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel, waren es doch algerische Ultras gewesen, welche die Unabhängigkeit des Landes 1962 von Frankreich mitbefördert hatten. Nicht nur ist Algeriens Nationalhymne einem Fußballlied entlehnt, auch wurde das erste Nationalteam der Kolonie aus Mitgliedern der im Untergrund kämpfenden Unabhängigkeitsbewegung FLN gestellt. Seither sind die Ultras eine nicht zu unterschätzende Macht in dem Land geblieben. Als sich Langzeit-Präsident Abd Al-Aziz Bouteflika 2019 anschickte, für eine vierte Amtszeit zu kandidieren, waren es die Gesänge und Proteste der Fußballfans in den Stadien und auf den Straßen, die dieses Unterfangen verhinderten.

Keine Palästina-Schleife

Wenig überraschend spielte die Fanszene auch während des Arabischen Frühlings 2011 in anderen Ländern eine tragende Rolle. Den Fußball als Protestmittel entdeckt haben unter anderem auch die Palästinenser. Seit 1962 als eigenständiger Verband organisiert, ist das Team sportlich kaum in Erscheinung getreten und kann mit Ausnahme von zwei Teilnahmen an der Asienmeisterschaft keine Erfolge vorweisen. Umso mehr ist der palästinensische Verband bemüht, den Fußball als Protestvehikel gegen die völkerrechtswidrige israelische Besatzung zu nützen. Der jüngste Versuch, den Rauswurf Israels aus der Fifa durchzusetzen, glückte nicht. Ebenso materialisierten sich die Bestrebungen einiger arabischer Teams, bei der WM in Katar mit "Pro-Palästina"-Schleifen einzulaufen, nicht. Die Fifa hatte dies, so wie im Fall der "One Love"-Binde untersagt. Der Ärger der Araber hielt sich in Grenzen.

Marokko: 6 WM-Teilnahmen, Achtelfinalist 1986 und 2022,

Afrikameister 1976

Ägypten: 3 Teilnahmen,

Achtelfinalist 1934,

Afrikameister 1957, 1959, 1986, 1998, 2006, 2008, 2010

Saudi-Arabien: 6 Teilnahmen, Achtelfinalist 1994,

Asienmeister 1984, 1988, 1996