A Schupferl, a Gaberl, a Scheißerl, a Goal, sagt der Wiener dazu. Jogo Bonito, nennen es die Brasilianer - denn die haben es auch erfunden. Nämlich nicht bloß irgendwie zweckorientiert Fußball zu spielen, sondern ganz besonders schön aufzugeigen - und natürlich zu gewinnen. So wie am Montagabend im WM-Achtelfinale gegen Südkorea, das beim 1:4 zum bisweilen bedauernswerten Nebendarsteller auf der großen Bühne der Selecao wurde. Die mit Zauberkunststückchen wie zu besten Zeiten eines Pele und Garrincha zu begeistern wusste. Doch just in dieser Stunde der hohen Fußballkunst sollten die Herren Neymar, Richarlison, Vinicius Junior und Co. demütig ihre Häupter senken und statt Tänzchen aufzuführen und vom WM-Pokal zu träumen einen Blick in die eigene Vergangenheit werfen. Pele und seine drei WM-Triumphe (1958, 1962, 1970) sind lange her - bei den beiden brasilianischen WM-Titeln der "Neuzeit" (1994, 2002) war vom Jogo Bonito so gut wie nichts zu sehen. Was letztlich auch der Schlüssel zum Erfolg war.

1994 etwa haben so manche Teams gezaubert - die Selecao aber ganz bestimmt nicht. Im langweiligsten WM-Finale der Geschichte (gegen Italien) wurde der Titel per Elferschießen errangelt. Und acht Jahre später musste gar ein Spitzschuss von Ronaldo her, um ins Endspiel (gegen Deutschland) zu gelangen und die Penta zu fixieren. Bei beiden Titeln wurde im gesamten Turnierverlauf wohl nicht so viel gezaubert und getanzt wie am Montag in Doha. Vielleicht weil man früher noch gewarnt war von den 1980ern, als die Post-Pele-Generation um Zico (den sie den weißen Pele nannten) und Socrates oder Careca ein ums andere Mal nur brotlose, wenn auch großartige Kunst darboten. Nicht einmal zu einem WM-Finale reichte es für diese Selecao, die für viele eigentlich die beste aller Zeiten war.

Vielleicht ist auch aus diesem Blickwinkel die Kritik an manchen Spielszenen vom Montag, die ein gewisses Maß an Überheblichkeit ausstrahlten, sowie die mitunter übertrieben wirkenden Tänzchen, verständlicher. "Ich habe noch nie so viel Tanzerei gesehen. Ich mag das nicht. Es wird gesagt, das ist ihre Kultur. Aber ich denke, das ist wirklich respektlos gegenüber dem Gegner", befand der einstige irische Starkicker Roy Keane. Eine Stimme, beileibe nicht die einzige, die im Stadion 974 verhallte. Zudem ließ der Konter der Brasilianer nicht lange auf sich warten. "Das Problem hat derjenige, dem es nicht gefällt. Wir werden weiter tanzen", kündigte Raphinha an.

Auf der anderen Seite ist die Aufführung ja auch eine Auferstehung der gescholtenen brasilianischen Fußballseele. Denn die Schmach vom 1:7 gegen Deutschland im Semifinale der Heim-WM 2014 ist und bleibt ewig unvergessen; und vor vier Jahren glückte mit dem Aus im Viertelfinale auch keine wie immer geartete Form der Wiedergutmachung. Dass dann ein Treffer wie aus dem Bilderbuch - gemeint ist das 3:0 von Richarlison - das Land (und die Welt) so entzückt, ist nur verständlich. In Minute 29 köpfelte der Tottenham-Legionär zunächst den Ball um Hwang In-beom herum, legte dann für Marquinhos ab, der wiederum Thiago Silva einsetzte. Der Kapitän spielte direkt in den Lauf von Richarlison - schon war die Traumaktion vollendet.

"Werden im Finale lachen"

Da war das Spiel längst entschieden: Zuvor hatte Vinicius Junior (7.) die Gala eröffnet, gefolgt von Neymars sauberer Elfer-Stilstudie (13.). Der wiedergenesene PSG-Star leitete dann auch den Konter zum 4:0 durch Lucas Paqueta (36.) ein und wurde am Ende zum Spieler des Spiels gewählt. Der Distanzschuss ins Netz des eingewechselten Paik Seung-ho (76.) war nicht mehr als ein Ehrentreffer für die Koreaner.

Neymar gab sich danach nicht nur selbstbewusst, sondern auch titelsicher: "Wir werden im Finale lachen." Den Sieg widmete er wie viele Mitspieler dem an Krebs erkrankten Pele, der derzeit omnipräsent ist. Die Mannschaft posierte mit einem Banner, welches das Konterfei des 82-Jährigen zeigte, der sich offenbar im finalen Kampf gegen den Krebs befindet. Brasiliens Fußball-Legende wollte im Krankenhaus in São Paulo die Partie mitverfolgen - und wird von der Show im Stile früherer Tage angetan gewesen sein.

Vizeweltmeister Kroatien wartet

Ob es reicht, in Katar die schon verflucht geglaubte Hexa, also den sechsten Titel, zu holen, wird sich weisen. Vizeweltmeister Kroatien ist im Viertelfinale am Freitag (16 Uhr) ein anderes Kaliber als die müden Südkoreaner. Und sollte diese Hürde genommen werden, wartet im Semifinale der erste Härtetest gegen Argentinien oder die Niederlande. Nämlich für die brasilianische Defensive. Nur wenn auch sie die Gegner austanzt, ist der WM-Pokal greifbar.