Lionel Messi oder das Oranje-Team - für einen endet die historische Mission bei der Fußball-WM in Katar frühzeitig. Im aufgeladenen Viertelfinal-Schlager zwischen den Niederlanden und Argentinien heute, Freitag (20 Uhr/ORF 1), in Lusail platzt entweder für den argentinischen Superstar oder den dreifachen Vize-Weltmeister der Traum vom ersten WM-Titel in der zweiten K.o.-Runde.

Messi ist auf einer Mission. Der 35-Jährige ist sechsfacher Weltfußballer, hat mit seinen ehemaligen Klub FC Barcelona alles gewonnen, was es im Klubfußball zu gewinnen gibt, ist U20-Weltmeister 2005, Olympiasieger 2008 und hat im vergangenen Jahr mit der Copa America den ersten großen Triumph mit der Albiceleste gefeiert. Der WM-Titel fehlt noch, Katar ist seine letzte Chance. "Es wird keine weitere Weltmeisterschaft mit Lionel Messi geben. Jetzt oder nie", sagte er.

Seine fünfte WM ist bisher wohl auch seine beste. Messi ist in Spiellaune wie selten bei einem Turnier. "Der neue Messi", schwärmt die argentinische Zeitung "Pagina12" bereits. Drei Tore hat der Stürmer von PSG in Katar bisher erzielt, mit insgesamt neun WM-Treffern fehlt ihm nur noch einer auf den argentinischen WM-Rekordtorschützen Gabriel Batistuta. Trotz des Superstars setzte es für Argentinien zwar zu Turnierbeginn eine Blamage gegen Saudi-Arabien (1:2 nach 1:0-Führung), die erste Niederlage nach davor 36 ungeschlagenen Länderspielen ist aber längst Geschichte. Nun wartet in Lusail jedoch das erste echte Topteam auf die Argentinier. "Eine großartige Mannschaft, mit großartigen Spielern und einem großartigen Trainer. Es wird sehr schwer", sagte Messi über die Niederländer.

Bondscoach Louis van Gaal schwärmt von Messi, sieht aber in seinem Stil auch eine Schwäche, die den Niederländern in die Karten spielen soll. "Natürlich ist Messi ihr gefährlichster und kreativster Spieler", sagte van Gaal. "Auf der anderen Seite beteiligt er sich nicht viel am Spiel, wenn der Gegner in Ballbesitz ist. Darin liegt unsere Chance."

Oranje will endlich den Titel

Virgil van Dijk, der es wohl öfter mit Messi zu tun bekommen wird, wollte das argentinische Spiel aber nicht auf den Superstar reduzieren. "Wir spielen gegen Argentinien. Alle reden über Messi. Aber das ist nicht ich gegen Messi oder die Niederlande gegen Messi, sondern Niederlande gegen Argentinien", betonte der 31-jährige Abwehrchef. "Da ist Hunger, da sind Träume. Wir wissen: Wir sind im Viertelfinale und damit nur noch drei Spiele von etwas ganz Großem entfernt. Das ist unsere Chance."

Die Niederländer sind auch auf Revanche aus. Beim bisher letzten Treffen im Halbfinale der WM 2014 in Brasilien gewann Argentinien nach 120 torlosen Minuten im Elfmeterschießen. "Wir haben eine Rechnung zu begleichen", meinte van Gaal, damals schon Bondscoach. Dass seine Mannschaft aufgrund der für ein Oranje-Team untypisch unattraktiven Spielweise teilweise harscher Kritik ausgesetzt ist, ist van Gaal auch diesmal komplett egal.

Seitdem van Gaal im vergangenen Jahr die Mannschaft wieder übernommen hat, sind die Oranje in 19 Spielen ohne Niederlage. "Unsere Disziplin ist viel besser geworden, seit er da ist. Das ist wichtig für die Resultate, besonders bei Turnieren. Eine seiner größten Stärken ist es, ein starkes Team zu bauen, das verschiedene Taktiken spielen und gewinnen kann", erklärte Topstürmer Memphis Depay.

Nach den drei Finalniederlagen 1974 (1:2 gegen Deutschland), 1978 (mit dem Österreicher Ernst Happel als Teamchef 1:3 n.V. gegen Argentinien) und 2010 (0:1 n.V. gegen Spanien) zählt für die Niederlande jedenfalls nur der Titel. "Wir wollen Weltmeister werden. Das habe ich früh gesagt, und meine Spieler haben dieses Ziel angenommen. Selbst wenn es nicht die größte Chance ist, wollen wir sie ergreifen", sagte van Gaal. Der Weg dorthin wird aber erst richtig schwierig. "Argentinien ist ein Top-Team mit Top-Spielern. Das Turnier beginnt jetzt richtig für uns", sagte der 71-Jährige. Er wolle die Bedeutung der bisherigen Gegner nicht herunterspielen. "Aber Argentinien und dann Brasilien in einem Halbfinale sind andere Gegner."

Vor dem Klassiker wird auch eifrig gestichelt: Argentiniens Angel di Maria, der wieder fit ist, erinnerte sich an die Zusammenarbeit mit van Gaal in der Saison 2014/15 bei Manchester United und bezeichnete den Coach später als "schlechtesten Trainer meiner Karriere". Dass ein Spieler eine solche Kritik öffentlich äußert, "mag ich nicht", sagte van Gaal am Donnerstag. "Cheftrainer müssen Entscheidungen treffen. Und sie treffen diese Entscheidungen nicht ohne Grund."

Heimvorteil für Albiceleste

In Katar spielen die Niederländer gegen eine der größten und lautesten Fanscharen bei dieser WM. Auch das Lusail Stadium dürfte wieder fest in der Hand der sangesfreudigen "Hinchas" sein, die auch maßgeblich zu Messis Wohlbefinden beitragen. "Ganz Argentinien wäre am liebsten hier", sagte er. Die 1.400 Fans aus den Niederlanden werden im fast 90.000 Zuschauer fassenden Stadion klar unterlegen sein.