Anpfiff zum WM-Viertelfinale. Wenn sich am Freitag Brasilien und Kroatien (16 Uhr) sowie Argentinien und die Niederlande (20 Uhr) messen, dann verspricht das nicht nur Fußball auf allerhöchstem Niveau, sondern auch mitreißende und ausgeglichene Duelle. Denn blickt man zurück in die WM-Historie, dann lieferte die Runde der besten Acht regelmäßig die jeweiligen Turnier-Highlights ab - viele Viertelfinal-Partien sind heute noch unvergessen ob der spielerischen Glanzleistungen. Woran das liegt? Vielleicht, weil im Achtelfinale der Klasseunterschied noch zu groß ist, die Favoriten einen Gang höher schalten und dann die Matchqualität darunter leidet - so wie gerade in Katar, wo bestenfalls in den beiden Elferschießen Spannung aufkam.

Im Viertelfinale treffen dann aber, zumindest im 32er-Modus, erstmals die Gruppensieger aufeinander (heuer sind es sieben von acht), für die sich dort entscheidet, ob das Turnier ein sehr gutes wird und bis zum vorletzten/letzten Tag dauert - oder eben nur ein gutes. Deshalb werden hier oft - anders als in den meist von Taktik geprägten Semifinal- und Finalspielen - die Visiere hochgeklappt. Zur Freude der Fans.

Der Moment, als es hinter Carlos Roa einschlägt: Der Niederländer Dennis Bergkamp vollendet 1998 eine Weltklasseaktion zum 2:1-Sieg gegen Argentinien. Nun kommt es zur Neuauflage des Klassikers - wieder im WM-Viertelfinale. - © afp / Gobet
Der Moment, als es hinter Carlos Roa einschlägt: Der Niederländer Dennis Bergkamp vollendet 1998 eine Weltklasseaktion zum 2:1-Sieg gegen Argentinien. Nun kommt es zur Neuauflage des Klassikers - wieder im WM-Viertelfinale. - © afp / Gobet

Nachfolgend eine (subjektive) Auswahl der besten vier Viertelfinale der WM-Geschichte:

  • WM 1998: Niederlande-Argentinien 2:1. Erstmals seit dem Finale 1978 in Argentinien, das die Albiceleste gegen die Elf von Ernst Happel gewonnen hat (3:1 n.V.), trafen beide Teams wieder bei einer WM aufeinander. 55.000 Zuschauer im Stade Velodrome von Marseille wurden dabei Augenzeugen eines offenen Schlagabtausches, der in der letzten Minute mit einem Paukenschlag endete. Die nach internen Querelen versöhnten Oranje stellten damals mit dem Ajax-Stamm (Champions-League-Sieg 1995) eine hochkarätige Truppe, die dennoch gegen die Gauchos als Außenseiter galt. Denn rund um Diego Simeone, Ariel Ortega und "Batigol" Gabriel Batistuta hatte man in der Post-Maradona-Ära rasch eine gut austarierte Mischung gefunden.

Doch schon die Führung der Holländer war sehenswert: Dennis Bergkamp legte per Kopf ab - Patrick Kluivert vollendete (12.). Keine fünf Minuten später schlug aber Claudio Lopez zurück - 1:1. Das Match wogt schließlich hin und her, es gibt je einen Ausschluss pro Team - und als alles schon mit einer Verlängerung rechnet, fällt eines der schönsten Tore der WM-Geschichte: Frank de Boer schlägt einen 40-Meter-Pass in den gegnerischen Strafraum, Bergkamp nimmt das Leder gefühlvoll an, versetzt einen Verteidiger und schlenzt den Ball mit den Außenrist ins lange Eck. Prädikat Weltklasse.

ÖFB-Goalie Schmied (l.) erfährt 1954 in der Hitze Linderung per Schwamm. Ullstein / picturedesk - © Ullstein / picturedesk
ÖFB-Goalie Schmied (l.) erfährt 1954 in der Hitze Linderung per Schwamm. Ullstein / picturedesk - © Ullstein / picturedesk

Vor acht Jahren bei der WM in Brasilien konnte der Klassiker nicht mit diesem Viertelfinale von 1998 mithalten. Immerhin gelang den Argentiniern im (torlosen) Semifinale mit dem 4:2 im Penaltyschießen die späte Revanche.

  • WM 1954: Österreich-Schweiz 7:5. Es ist nicht nur ein Stück Sportgeschichte, sondern das beste Stück heimische Fußballhistorie, das damals in der Schweiz zum Besten gegeben wurde. Der 7:5-Sieg der Österreicher über die Eidgenossen markiert zum einen den größten Erfolg bei einer WM-Endrunde (mit Rang drei im kleinen Finale), zum anderen ist es nach wie vor das trefferreichste WM-Spiel aller Zeiten. Und als "Hitzeschlacht von Lausanne" hat das Match ewig einen Platz in den Fußball-Annalen.

Bei 40 Grad im Schatten lag die ÖFB-Elf rasch mit 0:3 zurück. "Der Ocwirk Ernst sagt: ,Buama, zah’n ma o, weil sonst daschlogns uns daham.‘ Der Happel hat gesagt: ,Ois is oasch.‘ Der Happel hat dann gespielt wie ein Gott", erinnerte sich der 2020 verstorbene Theodor "Turl" Wagner ein Jahr davor im Interview mit der "Wiener Zeitung". Österreich drehte die Partie noch vor der Pause (5:4) und brachte den Sieg nach Hause - wobei Wagner drei Mal traf. Eine ganz besondere Anekdote lieferte ÖFB-Goalie Kurt Schmied: Er erlitt bereits früh einen Sonnenstich, durfte damals aber nicht ausgewechselt werden und taumelte in einem tranceähnlichen Zustand zwischen den Torpfosten umher - ehe er dann vom hinter dem Gehäuse postierten Masseur (halbwegs erfolgreich) herumdirigiert wurde.

  • WM 1986, Argentinien-England 2:1. Wer heute 40 Jahre oder älter ist, wird beim Stichwort "Fußball-WM" zuallererst an diese Partie denken. Die Mutter aller WM-Matches, die Rache für die Falklands, das größte Spiel des Diego Armando Maradona ... ach, wie viele Namen hat dieses Viertelfinalmatch im Aztekenstadion von Mexiko-City schon bekommen?

Dabei passierte bei diesem Showdown vor 115.000 Fans zu High-Noon (Anpfiff war um 12 Uhr Ortszeit!) lange Zeit nichts - kein Wunder bei dieser brütenden Hitze auf 2.300 Metern Seehöhe. Doch dann bricht die 51. Minute an: Maradona und Three-Lions-Goalie Peter Shilton steigen gemeinsam hoch - plötzlich ist der Ball im Netz. Wuchsen dem kleinen Argentinier Flügel oder nahm er seine Hand zu Hilfe? Letzteres ist der Fall - doch es sei die "Hand Gottes" gewesen, meinte Maradona hernach. Doch nur vier Minuten nach der Schummelei schien der echte Fußballgott herabgestiegen zu sein: Aus der eigenen Hälfte heraus setzt Maradona zu einem unwiderstehlichen Sololauf an - für die Fachwelt ist es "das Tor der 6 Gegner, 37 Schritte und 11 Ballkontakte". Oder einfach das schönste Tor, das je erzielt wurde - zumindest bei einer Weltmeisterschaft. Der Anschlusstreffer von Gary Linker war nur noch eine Fußnote.

  • WM 1990: Kamerun-England 2:3 n. V. Dafür durfte die englische Kickerlegende vier Jahre später das Highlight des WM-Turniers in Italien entscheidend prägen - das Viertelfinal-Duell gegen die Überraschungself von Kamerun. Die Afrikaner waren schon drauf und dran, die größte WM-Sensation aller Zeiten zu liefern und ins Halbfinale einzuziehen. Doch sieben Minuten vor Schluss egalisierte Lineker die Führung Kameruns zum 2:2 per Elfmeter. Zuvor hatte der zur Pause eingewechselte Roger Milla, der im damals hohen Alter von 38 Jahren schon Rumänien und Kolumbien düpiert hatte, für den Umschwung gesorgt und die Afrikaner auf die vermeintliche Siegerstraße geführt. Doch in dem packenden Thriller gelang ihnen das dritte Tor nicht - stattdessen traf Linker in der Verlängerung per Penalty zum 3:2-Sieg.