Vernarrt in Fußball. Die Weltmeisterschaft in Katar lässt Heidi geradezu in ein Fieber geraten. Jedes Spiel schaut sich die 25-Jährige an. Sie kennt die Namen der Klubs, aus denen die Spieler kommen, die Namen der Trainer. Nun ist dies für eine junge Frau wie Heidi vielleicht nicht ungewöhnlich in Europa. Doch Heidi lebt im Irak, in der Hauptstadt Bagdad. "Ich mag den Kampf mit Regeln", gibt sie als Begründung für ihre Fußballeuphorie an. Aufgewachsen in einem Land, das nur Krieg, Terror und Chaos kennt, eine bemerkenswerte Antwort. Heidi ist die Einzige in der Familie, die sich für Fußball interessiert. Ihr Bruder und ihre Schwester machen lieber Musik, Vater und Mutter finden den Kampf ums runde Leder eher langweilig. Heidi verzieht sich in ihr Zimmer und schaut die Spiele auf ihrem Tablet. Nur manchmal erlaubt der Vater, ein Spiel auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer zu sehen, besonders dann, wenn Marokko spielt. Heidis Mutter ist Marokkanerin. Auch am Samstag, wenn es für Marokko ins Viertelfinale gegen Portugal geht (16 Uhr/Servus-TV), wird Heidi mitfiebern.

"Grünes Rechteck" heißt der Platz im Bagdader Stadtviertel Karrada, wo sich Bildschirm an Bildschirm reiht, die Männer gebannt auf den Ball schauen und auf die 20 Spieler, die versuchen, ihn ins Tor zu schießen. Public Viewing ist im Irak derzeit allgegenwärtig. Restaurants, Cafés, Fitnesszentren, der Bäcker um die Ecke, der Lebensmittelladen, der Zigarettenhändler, die Hotel-Lobby: Überall läuft der Fernseher, überall rollt der Ball. Viele gastronomische Betriebe locken Gäste mit der Übertragung der WM-Spiele an. Aber das klappt nicht so richtig. Wer essen gehen will, schaut nicht Fußball. So sind es dann tatsächlich die Plätze draußen, wo Tee und Wasserpfeife serviert werden, die voll sind. Wer Glück hat, ergattert einen Stuhl, neben sich ein kleines Tischchen. Die anderen müssen stehen. Am Dienstagabend ist es besonders voll. Das Spiel Marokko gegen Spanien ist im 1.200 Kilometer von Doha entfernten Bagdad fast schon ein Straßenfeger. Die sonst ständig verstopften Wege in der Einkaufsstraße in Karada am linken Tigrisufer sind auf einmal begehbar, die wenigen Autos kommen problemlos vorwärts. Die Iraker lieben Fußball, und das nicht erst seit der WM in Katar. Aber jetzt ganz besonders.

.. . doch auch anderswo, wie hier in Bagdad, sieht man einen Erfolg der arabischen Welt. - © B. Svensson
.. . doch auch anderswo, wie hier in Bagdad, sieht man einen Erfolg der arabischen Welt. - © B. Svensson

"Wir sind hier alle für Maghreb", sagt ein Mann in feinem Anzug auf die Frage "Marokko oder Spanien?" im grünen Rechteck. Eigentlich seien sie gespalten, denn sie unterstützten sonst Real Madrid oder Barcelona. Im Irak erfreuen sich die spanischen Klubs besonderer Beliebtheit. "Aber heute, schauen Sie sich um", sagt er noch, "die sind alle für Maghreb." Marokko sagt im Irak kaum jemand. Maghreb, die Bezeichnung für Nordafrika, ist hier gängig.

Die Erfolge der Fußballer aus Marokko, die auch "Löwen aus dem Atlas" genannt werden, macht ganz Arabien stolz, wie auch die WM in Katar an sich. "Dass wir ein solches Weltereignis ausrichten können, ist große Klasse", sagt einer im schwarzen Trainingsanzug und zieht an seiner Wasserpfeife. Jetzt hätten sie mal die Chance, schnell nach Katar zu düsen und sich ein paar Spiele anzuschauen. Er sei vor vier Jahren in Russland gewesen, doch das kostete ihn ein Vermögen. Der Apfelgeruch des Tabaks vermischt sich mit Zitrone und Minze. Ein Dunst hängt in der Luft, der nur schwer abzieht. Hinten spielen zwei Männer das orientalische Brettspiel Tavli, das ähnlich dem Backgammon mit Würfeln und Steinen bedient wird. Auf dem mit Aluminium beschlagenen Tisch klappern die Steine gegen den lauter werdenden Jubel der Fans. Das Spiel Marokko gegen Spanien geht in die Verlängerung - und die Spannung steigt. Weit und breit ist keine zweite Frau zu sehen. Fußball in der Öffentlichkeit ist Männersache. Heidi käme sich hier verloren vor, obwohl es für sie natürlich verlockend wäre, ein Spiel auf diesem riesigen Bildschirm anzuschauen.

Der Fußball vereint Schiiten und Sunniten

Dass Marokko und Irak erhebliche Probleme miteinander haben, spielt an diesem Abend keine Rolle. Es gibt keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern, man meidet sich, so gut es geht. Das sunnitisch-islamische Marokko wirft dem mehrheitlich schiitischen Irak vor, gezielt Missionare nach Nordafrika zu schicken, um den Schiismus zu verbreiten. Irak indes wirft den Maghrebinern vor, sunnitische Extremisten ins Zweistromland geschickt zu haben, die sich Al Qaida und später dem IS anschlossen und viele irakische Leben auf dem Gewissen hätten. Doch eine Entspannung bahnt sich jetzt an. Der Fußball macht es möglich. Iraks schiitischer Premierminister Mohammed al-Sudani gratulierte als einer der Ersten zum Sieg gegen Spanien. Und im schiitischen Basra im Süden Iraks tanzten Studenten und sangen für das sunnitische Marokko.

Nicht nur hier scheint der Fußball Gräben zu überwinden. Auch zwischen dem Austragungsland Katar und seinem Nachbarn Saudi-Arabien herrscht jetzt demonstrative Einigkeit. Das Bild vom Eröffnungsabend, als der Emir von Katar neben dem saudischen Kronprinzen saß, ging um die Welt. Dreieinhalb Jahre lang hat Mohammed Bin Salman (MBS) einen Boykott gegen Katar angeführt, der die "Golfbrüder" in ihren Grundfesten erschütterte. Saudi-Arabien versperrte die einzige Landverbindung der Halbinsel und schnitt Katar somit komplett vom Festland ab. Doch das reiche Katar trotzte seinen Nachbarn und führte alles auf dem Seeweg oder aus der Luft ein. Auch schwarz-weiß gefleckte Kühe aus Deutschland zur Milchgewinnung kamen per Flugzeug nach Doha. Einer der Vorwürfe der Golfstaaten und Ägyptens gegen Katar war die Nähe zum Iran, dem Erzfeind der sunnitischen Araber. Doch das Embargo bewirkte genau das Gegenteil. Doha wurde dadurch mehr denn je mit dem schiitischen Teheran verbunden. Als MBS einsehen musste, dass sein Embargo weder die Wirtschaft noch die politische Stellung Katars beeinflussen konnte, lenkte er ein. Seitdem dominiert ein Wir-Gefühl, eine selten gekannte Einigkeit in der sonst eher zerstrittenen Region.

Negative Stimmung kommt gegen den Westen und vor allem gegenüber Deutschland auf. Beim Wort "Allmanjia" verziehen sich die Mienen der Fußballfans.

"Dass die so schlecht sind, hätte ich nie gedacht", seufzt der Mann im Anzug, und alle um ihn nicken zustimmend. Die Aktion mit der One-Love-Binde und den vor den Mund gehaltenen Händen der Spieler kam auch in Bagdad nicht gut an. Homosexualität ist im konservativ-islamischen Irak ein Tabu, vor allem in der Öffentlichkeit. Hinter verschlossenen Türen gibt es zumindest in der Hauptstadt Schwulenbars und auch Transvestiten. Doch würde keiner es wagen, dies öffentlich zur Schau zu stellen. Vor einigen Jahren wurden als Emos bekannte Jugendliche auf offener Straße mit Steinen beworfen und getötet.

"Aber Merkel, Merkel ist gut", tönt es aus der hinteren Ecke im grünen Rechteck. Die anderen nicken zustimmend. "Sie hat uns Iraker aufgenommen, als es uns so schlecht ging", sagt ein Mann Mitte dreißig. "Das werden wir nie vergessen." Jetzt bricht grenzenloser Jubel aus. Nicht für die Deutschen, sondern für den Torhüter der Marokkaner: "Bono", schreien alle lauter denn je, "du bist der Größte!" Der 31-Jährige hat zwei Elfmeter gehalten und somit seine Jungs ins Viertelfinale befördert. Heidi hat entschieden, sich das Match am Samstag gegen Portugal im Public Viewing auf einem großen Bildschirm anzuschauen. In Begleitung ihres Vaters.