Während sich Außenseiter Marokko an seiner historischen Chance berauscht, ist Portugals Fußballauswahl vor dem Viertelfinalduell am Samstag (16 Uhr/ServusTV) damit beschäftigt, die Wogen in der Causa Ronaldo zu glätten. "Es ist höchste Zeit, Ronaldo in Ruhe zu lassen", betonte Teamchef Fernando Santos am Freitag. An der Favoritenrolle der Portugiesen ändert das alles freilich nichts, auch wenn Santos klarstellte: "Es wird kein einfaches Spiel für Portugal." Ob sein Superstar gegen Marokko wieder in die Startelf zurückkehren wird, ließ er offen. "Jeder Spieler, der nicht spielt, ist nicht glücklich. Wir Trainer müssen damit umgehen", sagte Santos, der wohl kaum an Goncalo Ramos, dem dreifachen Achtelfinal-Torschützen beim 6:1 gegen die Schweiz vorbeikommt.

Der 37-jährige Ronaldo war gegen die Schweiz erstmals seit 2008 bei einem großen Turnier nicht in der Startelf gestanden. "Ich habe ihm meinen Standpunkt erklärt, er hat es akzeptiert", sagte Santos, der Berichte über eine Abreise-Drohung Ronaldos erneut zurückwies. Wie die Formation am Samstag aussehen wird, ließ Santos aber offen. Er erwarte einen "komplett anderen Gegner" als die Schweiz, sagte der 68-Jährige auf entsprechende Fragen. "Jeder Trainer stellt seine Mannschaft so auf, wie er es für richtig hält, und passt die Strategie an den Gegner an. Genau das werde ich tun."

Vor Marokko äußerte Portugals Europameister-Trainer 2016 großen Respekt. "Sie sind ein sehr gut organisiertes Team mit großem Potenzial", meinte er zum Gegner, der als erstes afrikanisches Team ins Halbfinale einer WM einziehen könnte. "Ihre Spieler spielen bei den besten Klubs der Welt, Chelsea, Paris Saint-G Marokko-Coach Walid Regragui wollte sich an den Diskussionen um Ronaldo nicht beteiligen. Sein Statement aber war klar: "Ich weiß nicht, ob Ronaldo gegen uns spielt, aber ich hoffe nicht. Er ist einer der Besten aller Zeiten, und ich wäre glücklich, wenn er gegen uns nicht spielt."

"Sind auf einer Mission"

So oder so sei es eine "Herausforderung gegen eines der besten Teams der Welt. Sie könnten bei diesem Turnier zwei oder drei Mannschaften von hoher Qualität stellen." Für seine Truppe, die bisher nur ein Gegentor kassiert hat, geht es um einen echten Coup. "Wir haben schon Großes erreicht, aber wir möchten noch weiter", erklärte Regragui am Freitag. Das Achtelfinale war bisher das Höchste der Gefühle für Marokko gewesen, 1986 kam dort das Aus gegen Deutschland. Dass die Buchmacher Portugal als klaren Favoriten ausmachen, lässt Regragui offenbar kalt. "Wir haben bereits all die Datenanalysten widerlegt, was die Chancen gegen Belgien und Spanien betrifft", sagte der Franko-Marokkaner angesichts des Sieges über Belgien in der Gruppenphase und des Elfmeter-Achtelfinalkrimis gegen Spanien. Regragui gestand aber auch eine gewisse Erschöpfung sowie kleinere Wehwehchen bei so manchem im Team ein. "Wir werden es nicht verheimlichen, wir sind müde", sagte der Mann, der erst vor drei Monaten Vahid Halilhodzic abgelöst hatte. "Wenn man aber so weit kommt, dann musst du dich auf jeden in der Mannschaft verlassen können. Wir suchen nicht nach Ausreden, wir sind hier auf einer Mission."

Stützen können sich die Atlas-Löwen auch wieder auf lautstarke Unterstützung ihrer Fans - die sich inzwischen in ganz Afrika und der arabischen Welt finden. "Die Energie ist fantastisch. Die Leute identifizieren sich mit uns", sagte Regragui.