Für Frankreich geht es um eine historische Chance im modernen Fußball: Seit 60 Jahren ist es keiner Nation mehr gelungen, den Weltmeistertitel erfolgreich zu verteidigen - nur noch zwei Siege ist die Grande Nation vom dritten WM-Titel (1998/2018) entfernt. Die Equipe Tricolore trifft im Halbfinale am Mittwoch (20 Uhr/ORF1) in Al Khor auf Marokko - und ist trotz der eigenen Offensivpower vor der defensivstarken Überraschungsmannschaft gewarnt. Der Sieger trifft im Finale am Sonntag auf Argentinien.

Frankreich fehlen noch zwei Siege, um als dritte Mannschaft nach Italien 1938 und Brasilien 1962 den WM-Titel beim nächsten Turnier zu wiederholen. Die Mannschaft von Didier Deschamps hat im Viertelfinale England mit 2:1 eliminiert und hofft, dass der hochkarätige Sturm um Kylian Mbappé, der die Torschützenliste mit fünf Treffern anführt, auch Marokko knackt. Es gebe für Frankreich die Chance, etwas "sehr Besonderes" zu erreichen. "Das ist uns allen bewusst", erklärte etwa Kapitän und Goalie Hugo Lloris.

Doch auch En-Nesyri (r.) und Hakimi können brandgefährlich sein. Fotos:reuters / Carl Recine 
- © reuters / Carl Recine

Doch auch En-Nesyri (r.) und Hakimi können brandgefährlich sein. Fotos:reuters / Carl Recine

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"Knacken" ist hier fast wortwörtlich zu verstehen. Denn die Nordafrikaner haben im gesamten Turnierverlauf erst ein Gegentor erhalten, und das - beim 2:1 gegen Kanada - durch ein Eigentor. "Wir wollen Geschichte schreiben und Afrika an die Weltspitze setzen", sagte Marokko-Coach Walid Regragui am Dienstag. "Wenn wir zufrieden damit wären, im Halbfinale zu stehen, wären viele Menschen einverstanden - aber ich nicht. Wir sind unter den besten vier und wollen ins Finale kommen."

"Abwehrriegel entschlüsseln"

Marokko hat als erste afrikanische Mannschaft das Halbfinale einer Weltmeisterschaft erreicht und dabei den Weltranglistenzweiten Belgien, Ex-Weltmeister Spanien (im Elfmeterschießen) und Ex-Europameister Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo ausgeschaltet. Mbappé und Co. könnten nun das nächste Opfer werden. Besondere taktische Pläne habe er gegen den pfeilschnellen Mbappé allerdings nicht entwickelt, sagte Regragui. "Sich nur auf ihn zu konzentrieren, wäre ein Fehler."

Die französischen Weltmeister können sich auf eine um jeden Millimeter Rasen kämpfende Defensive einstellen. "Hoffentlich werden wir eine Lösung finden", sagte Nationaltrainer Deschamps, der mit seinem Team im Viertelfinale gegen England viel Mühe gehabt hatte. Die Herausforderung Marokko nimmt der 54-Jährige entspannt lächelnd an: "Wir werden versuchen, sie zu entschlüsseln, Chancen zu kreieren und Tore zu schießen."

Olivier Giroud (4 Tore) und Mbappé (5) sind die beiden bis zum Halbfinale besten Torschützen des Turniers. Den Engländern war es aber - aus französischer Sicht - gefährlich oft gelungen, insbesondere Mbappé aus dem Spiel zu nehmen. Allerdings traf dann Giroud per Kopf zum 2:1-Siegtreffer. Die Spezialaufgabe Mbappé soll am Mittwoch Achraf Hakimi übernehmen - und damit just ein Teamkollege des 23-Jährigen bei Paris Saint-Germain. Als "Halbbrüder" bezeichnete die französische "L’Équipe" die beiden.

Im Internet kursierte in den vergangenen Tagen ein Video des Duos im leeren Education-City-Stadion zu Jahresbeginn. Mbappé und Hakimi blödeln herum, der Franzose sagt das Spiel gegeneinander praktisch voraus. Es werde sein Herz brechen, aber er müsse seinen Freund "zerstören", meinte Mbappé lachend. Hakimi lacht auch. Als Rechtsverteidiger wird der Marokkaner praktisch über die gesamte Spieldauer auf den Linksaußen Mbappé treffen. "Er kennt ihn besser als ich", so Regragui. "Er trainiert jeden Tag mit ihm."

"Feindselige Atmosphäre"

Mit Blick auf die zehntausenden Unterstützer Marokkos bei der WM erwartet Kapitän Lloris eine "feindselige Atmosphäre. Das wird hart, aber wir müssen fokussiert bleiben", sagte der 35-jährige Tormann. Marokko wurde bisher bei all seinen Spielen in Katar von zahlreichen Fans aus dem arabischen Raum unterstützt; Frankreich, das mit seinen Stimmen 2010 erst die Katar-WM ermöglicht hat und als wichtiger Verbündeter gilt, kann dagegen im Vergleich auf viel weniger Fan-Zuspruch bauen. "Sie haben eine große Unterstützung, es wird sehr laut", prophezeite Deschamps. In den Partien gegen Spanien und Portugal hatten die marokkanischen Fans den Gegner bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen. "Aber das haben wir den Spielern gesagt, das gehört dazu. Wenn man sich auf so ein Spiel vorbereitet, bereitet man sich auch auf die Atmosphäre vor", sagte Deschamps.

Gemeinsam mit den Anhängern aus Brasilien und Argentinien seien die marokkanischen Fans die "besten der Welt", meinte wiederum Regragui, der die Außenseiterrolle zwar annimmt. Im Grunde ist sie ihm aber herzlich egal. "Wir sind hungrig, ich weiß nicht, ob das ausreicht, aber ich hoffe es." Die besondere Geschichte zwischen den Marokkanern und Frankreich kommt beim Halbfinal-Duell noch dazu: Mehr als eine Million Menschen aus der marokkanischen Diaspora in Europa leben in Frankreich; Regragui ist wie Stürmer Sofiane Boufal und Kapitän Romain Saïss in Frankreich geboren. Schon nach den Siegen in den vorausgegangenen K.o.-Runden hatten Tausende in etlichen Städten Europas gefeiert - und vielerorts gewaltsam randaliert.

Penalty-Niederlage 1998

Beide Nationen haben übrigens eine recht kurze gemeinsame Länderspielhistorie: Pflichtspiele (auf WM-Ebene) gab es bisher nie. Drei Frankreich-Siege und zwei Remis stehen bei Freundschaftsspielen in den Annalen - wobei ein Ergebnis hervorsticht: Kurz vor der Heim-WM 1998 kam es in Casablanca zu einem Turnier: Nach 2:2 nach Verlängerung musste ein Penaltyschießen her - das Marokko mit 6:5 gegen den späteren Weltmeister gewann.(may/apa)