Sie künden bis heute von der einstigen Macht der europäischen Kolonialherren in Marokko. Die portugiesische Festung Mazagan in El Jadida etwa, die spanische Kathedrale von Tétouan oder das französische Militärfort von Kenitra. Sie alle erinnern die Bewohner des seit 1956 unabhängigen Königreichs an die Präsenz jener drei Kolonialmächte, die das Land am Atlantik über Jahrhunderte beeinflussten, überfielen, regierten. Und es sind dies nicht nur positive Erinnerungen, die hochkommen, vor allem, wenn es ein Anlass gerade hergibt. Gedenktage eignen sich zur öffentlichen Schaustellung anti-kolonialer Ressentiments ebenso wie Protestkundgebungen oder, nun, ein Fußballspiel.

Dass es die marokkanische Nationalmannschaft in der K.o.-Phase der Fußball-WM in Katar ausgerechnet mit Spanien und Portugal zu tun bekam und am Mittwochabend auf Frankreich trifft, mag ein seltener Zufall sein - ein Zufall, der aber nicht wenig politischen Sprengstoff birgt. Die Ausschreitungen nach dem sensationellen 2:0-Triumph der Atlas-Löwen über Belgien in einigen europäischen Städten lassen für das Frankreich-Spiel nichts Gutes ahnen. Dass Belgien in Nordafrika historisch keine Rolle spielte, demonstriert das bisweilen komplizierte Verhältnis, in dem Marokko, und mit ihm der Maghreb (mit Algerien und Tunesien), und Europa stehen. Es ist dies ein Verhältnis, dass nicht nur von Krieg, Eroberung und Ausbeutung erzählt, sondern auch von Rassismus, Benachteiligung, Gewalt sowie den Nöten einer sich nicht akzeptiert fühlenden Diaspora.

Schließlich sind die Marokkaner ein altes und stolzes Volk, deren Könige jahrhundertelang in Spanien und Portugal herrschten und eine Grenze mit dem mittelalterlichen Frankenreich teilten. Die Nachbarschaft zwischen Europäern und Arabern war nicht immer so kriegerisch, wie es die Erzählungen über die Reconquista glauben machen wollen. Reger Kulturaustausch führte etwa dazu, dass europäische Mönche aus den arabischen Bibliotheken Andalusiens seit der Antike verschüttete Erkenntnisse zu Fragen der Wissenschaft, Technik oder Astronomie mitbrachten und damit, wie manche Historiker behaupten, gar die Renaissance beförderten. Mit der Staatswerdung Spaniens und Portugals endete der Austausch, und Marokko verkam - bedingt durch die Entdeckung Amerikas - zunehmend zum Nebenschau- und Tummelplatz für Seeräuber, Gold- und Sklavenhändler.

Während diese Zeit der Unabhängigkeit (und auch Ebenbürtigkeit den Europäern gegenüber) in den marokkanischen Geschichtsbüchern weitgehend positiv beschrieben wird, hat die koloniale Herrschaft der Spanier und insbesondere der Franzosen im Nationalgefühl der Nordafrikaner tiefe Spuren hinterlassen. Als denkwürdiges Datum gilt hier der 30. März 1912, als Marokko im Vertrag von Fes zwischen den beiden Kolonialmächten aufgeteilt wurde, wobei Paris den Löwenanteil erhielt. Zwar blieb der König formell Staatsoberhaupt, die exekutive Gewalt ging aber vom französischen Generalresidenten aus.

Ein König als Judenretter

Und die Europäer wussten diese Gewalt zu nützen. Als sich 1921 die Rif-Berber gegen die Fremdherrschaft erhoben und sogar einen eigenen Staat ausriefen, wurde der Aufstand unter dem Einsatz von Senfgasbomben, die von Flugzeugen abgeworfen wurden, brutal niedergeschlagen. Weitere Revolten folgten. Die Integrationsfigur der Marokkaner war wiederum König Muhammed V., der es verstand, sich in dieser schwierigen Zeit nicht nur auf dem Thron zu halten, sondern eine selbstbestimmte Politik für alle Untertanen zu betreiben. Als 1940 Frankreich von deutschen Truppen besetzt wurde, wehrte sich der Herrscher etwa mit Erfolg gegen das Begehr aus Berlin, die jüdischen Bürger auszuliefern. Im Kontrast zu dieser Haltung steht Muhammeds Reaktion auf die Staatsgründung Israels 1948. Nach einer öffentlichen Rede, in der er die Israelis scharf kritisierte, kam es in den ostmarokkanischen Städten Ouija und Djerada zu Pogromen, wobei nicht weniger als 47 Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

Dass Marokko selbst unabhängig werden musste, stand für den König freilich außer Frage. Nach dem Krieg erhielten die alten Forderungen nach der Loslösung von Frankreich wieder Nahrung - und Paris, das in Indochina und Algerien unter Druck stand, ließ die Marokkaner gewähren. Tatsächlich blieb das Königreich auch mit seiner Unabhängigkeitserklärung am 2. März 1956 zunächst wirtschaftlich, kulturell sowie emotional an Frankreich eng gebunden. Seit einigen Jahren ist diese Bindung allerdings einer starken Erosion ausgesetzt. Um als aufstrebende Regionalmacht anerkannt zu werden, werden die Bemühungen Marokkos, sich aus der asymmetrischen Beziehung zu Paris zu befreien, immer intensiver. Sichtbar wird das neue Selbstbewusstsein beispielsweise im Sprachunterricht, wo der Fokus auf Englisch gelegt wird. Oder im Streit um die Aufnahme abgeschobener Staatsbürger. Weil sich die Nordafrikaner weigern, ihre Landsleute aus Frankreich zurückzunehmen, antwortete die französische Regierung prompt mit einer Verschärfung seiner Visapolitik.

Diaspora als Sorgenkind

Aufmerksam beobachtet wird die Emanzipation des Königreichs vom früheren Mutterland von der marokkanischen Diaspora. Schätzungen zufolge sollen 1,2 Millionen Marokkaner in Frankreich leben, die meisten in den Banlieues von Paris und Marseille. Hier sind und waren es vor allem Jugendliche aus dem gesamten Maghreb, die zuletzt mit Protesten gegen die wirtschaftliche Situation und die Staatsmacht auf sich aufmerksam machten. Aber auch bei und rund um Fußballspielen kam es in der Vergangenheit zu schweren Ausschreitungen, auch nach dem Einzug des marokkanischen Nationalteams ins Halbfinale. Es steht zu befürchten, dass es auch nach dem Semifinalspiel zwischen Marokko und Frankreich zu unschönen Szenen kommen wird.

Sportlich betrachtet sind Kylian Mbappe und Co. freilich Favorit, führen die Bleues die Länderspielbilanz mit drei Siegen klar an. Sollte Marokko aber siegen, wäre das nicht nur sportlich eine Sensation, sondern auch mit weiteren politischen Komplikationen verbunden. Die Geschichte mag eine Antwort geben, warum.