Neymars Ohren glänzten. Geschmückt mit mehreren Ohrringen inszenierte sich Brasiliens Starfußballer beim Aufwärmen vor dem Viertelfinale gegen Kroatien. Man kann nur spekulieren, ob es die Entscheidung von Trainer Tite oder Neymars Wunsch war, dass er als letzter Schütze im Elfmeterschießen an die Reihe kommen sollte. Auf alle Fälle war es ein Fehler: Neymar konnte nicht mehr antreten, weil Kroatien das Nervenspiel bereits für sich entschieden hatte. Brasiliens Edeltechniker kam damit um einen perfekten Instagram-Moment: Hätte ausgerechnet er, der Superstar, den entscheidenden Penalty verwandelt, dann hätte Neymar in der katarischen Sonne des Erfolgs noch einmal geglänzt wie seine Ringe im Ohr.

Der Fußball hat immer schon Stars hervorgebracht - auch ein Diego Maradona oder ein Zinedine Zidane überragten ihre Mannschaften. Doch mit den sozialen Medien und dem damit einhergehenden Marketing hat der Starkult neue Höhen erreicht.

Am deutlichsten zeigte sich das im Achtelfinale zwischen Portugal und der Schweiz, dem ersten Match, bei dem es der portugiesische Trainer Fernando Santos wagte, Cristiano Ronaldo auf der Bank zu lassen. Obwohl die Portugiesen die Schweizer mit 6:1 vom Platz fegten, forderte ein Großteil der Zuschauer die Einwechslung von Ronaldo. Man war nicht gekommen, um ein interessantes Match zu sehen, um ein Team anzufeuern, man war gekommen, um einen Star, um die Marke CR7 zu sehen. Der sich unter Tränen verabschiedete, alleine und nicht im Kreise der Mannschaft.

Die Aufsteiger stellen ihren Erfolg protzend zur Schau

Sowohl Neymar als auch Ronaldo kommen aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Ihre Karrieren tragen somit das Aufstiegsversprechen des Fußballs in sich, und ihren Erfolg haben sie nicht nur ihrem außergewöhnlichen Talent, sondern auch harter Arbeit, Konsequenz und Nervenstärke in immensen Drucksituationen zu verdanken. Doch wenn sie ihren Erfolg feiern, wenn sich Neymar auf Luxusjachten präsentiert und Ronaldo seine gestählten Körper in Unterwäsche zu Schau stellt, dann ist ihr Gehabe ganz weit von den Arbeiterwurzeln des Fußballs entfernt, sondern erinnert eher an das von Neureichen und Egomanen.

Wie überhaupt diese WM auch als Symbolbild dafür gesehen werden kann, wie sehr der Fußball zu einem Spiel der Neureichen geworden ist. Mit Katar hat sich ein Land mit kaum vorhandener Fußballtradition eine Weltmeisterschaft im wahrsten Sinne des Wortes einfach gekauft - und in die Wüste Stadien geklotzt, die die unterste Kaste in der globalen Hierarchie, Wanderarbeiter aus Entwicklungsländern, errichtet haben. Wie viele bei dem Bau der Stadien gestorben sind, ist bis heute unklar.

Und so haben die Traditionalisten des Fußballs, die Liebhaber des Stehplatzes dieses Turnier abgelehnt wie keines zuvor. Hier gilt, was das Fußballmagazin "ballesterer" schon vor dieser WM formuliert hat: "Die WM in Katar verdichtet das Elend des modernen Fußballs wie kein anderes Ereignis." So vieles werde in ihr sichtbar, beispielsweise die Gigantonomie von Sportevents, die auf den Klimawandel keine Rücksicht nehmen, wie autoritäre Regime den Sport für ihre Zwecke nutzen, oder die Kluft zwischen Arm und Reich.

Nun, zum Ende dieses Turniers, lässt sich aber auch konstatieren, wie sehr die Kritik an diesem Ereignis und auch der Boykott dieser WM vor allem eine Angelegenheit europäischer Länder und Anhänger war. Auch wenn es in afrikanischen, asiatischen oder südamerikanischen Staaten Kritik an dieser WM-Vergabe gegeben hat, fand sie während dieses Turnieres keinen Niederschlag. Kein Team außerhalb Europas wollte mit der - schließlich von der Fifa untersagten- One-Love-Binde auflaufen, und während aus Europa nur sehr wenige Anhänger kamen, reisten Fans aus Argentinien, Mexiko oder Japan, allesamt übrigens wie die europäischen demokratische Staaten, zahlreich an und machten die Matches ihrer Mannschaften zu Volksfesten.

Ein Fan aus Argentinien: Nicht überall wurde die WM der Scheichs so kritisch gesehen wie in Europa. 
- © AFP / Alberto Pizzoli

Ein Fan aus Argentinien: Nicht überall wurde die WM der Scheichs so kritisch gesehen wie in Europa.

- © AFP / Alberto Pizzoli

Und in der arabisch-islamischen Welt stieß die europäische Kritik teilweise auf breite Ablehnung. Diese sei "in weiten Teilen stolz darauf", dass zum ersten Mal eines ihrer Länder eine WM ausrichtete, sagte der Islamwissenschaftler Sebastian Sons dem Magazin "Focus". Die Kritik aus dem Westen werde vielerorts als "bevormundend, respektlos und moralisierend abgelehnt". Am deutlichsten zeigte sich das im Hohn, der sich über die deutsche Mannschaft nach ihrem Ausscheiden ergoss, als Teilnehmer einer katarischen Fernsehshow sich wie die DFB-Spieler den Mund zuhielten, dabei aber auch noch in die Kamera winkten.

Wenn Kritik zu moralischem Rigorismus wird

Diese Weltmeisterschaft hat gezeigt, welche Verteidigung autoritäre Regime oder auch Sportverbände gegen Kritik gerne auffahren, indem sie diese einfach als arrogant oder wie Fifa-Boss Gianni Infantino als "heuchlerisch" abtun und so eine Diskussion über ihr Handeln zu verhindern versuchen. So gibt es bis heute keinen Entschädigungsfonds für die verstorbenen oder um ihren Lohn geprellten Arbeiter.

Gleichzeitig wollten viele Kritiker dieser WM und ihrem Veranstalter rein gar nichts zugutehalten, auch nicht, dass das Turnier anderswo anders gesehen wird. Von einem "Global Village at its best" sprach gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" ein Fußballanhänger aus Indien, der angereist war, obwohl sich sein Land gar nicht qualifiziert hatte. Katar war ein kompakter Austragungsort, an dem sich Fans aus aller Welt auf sehr kurzem Wege austauschen und kennenlernen konnten. So machte die westliche Empörung über diese WM auch deutlich, wie Kritik an gesellschaftlichen Missständen zu einem moralischen Rigorismus werden kann, der nur noch als Selbsterhöhungsgestus der Ankläger wahrgenommen wird.

Bei all den Debatten über diese WM konnte sich die Fifa aber auch auf eines verlassen: Dass der Fußball wieder Geschichte schreiben wird, die von diesem Ereignis ausstrahlen. So war es dann auch. Lionel Messi machte mit seinen Tempodribblings, Körpertäuschungen und überraschenden Pässen die gegnerischen Abwehren derart auf, dass die Welt nun noch einmal im Bann dieses Zauberkünstlers steht, der vielleicht zum Ende seiner Karriere noch den größten aller Titel holt. Und mit Marokko hat es erstmals eine afrikanische Mannschaft in ein Semifinale geschafft und dabei mit ihren leidenschaftlichen Auftritten für große Euphorie im arabischen Raum gesorgt.

Die Marokkaner - hier bei ihrem 1:0-Sieg gegen Portugal - konnten besonders gut, was viele versuchten: das kompakte Verteidigen. 
- © AFP / Nelson Almeida

Die Marokkaner - hier bei ihrem 1:0-Sieg gegen Portugal - konnten besonders gut, was viele versuchten: das kompakte Verteidigen.

- © AFP / Nelson Almeida

Marokko war auch die fußballerische Quintessenz dieses Turniers. Dieses Team hat besonders gut umgesetzt, was so viele Mannschaften versucht haben: Marokko war defensiv enorm kompakt aufgestellt und beherrschte gleichzeitig ein schnelles und geradliniges Umschaltspiel. Nur im mit 0:2 gegen Frankreich verlorenen Semifinale musste dann Marokko wegen des schnellen Gegentores selbst mehr für das Spiel machen.

Wie überhaupt das erste Tor immer entscheidender wird: Seit dem Achtelfinale ist es keinem einzigen Team gelungen, ein Match nach einem 0:1-Rückstand noch in der Spielzeit zu drehen. Nur Kroatien ist nach einem derartigen Rückstand aufgestiegen, aber das gegen Japan und Brasilien auch erst nach dem Elfmeterschießen. Sonst kam immer die Mannschaft weiter, die das erste Tor schoss.

Die Geldgier macht die Spiele schlechter

Dass dieser erste Treffer so entscheidend ist, mag ein Grund sein, dass viele Teams äußerst defensiv agierten. Vor allem Außenseiter und Auswahlen aus dem Mittelbau - mit wenigen Ausnahmen wie die USA oder Japan, die auch offensiv starke Akzente setzten - richteten ihr Spiel auf ihre Abwehrreihen aus. Senegal und Polen seien hier als Beispiele genannt. Aber auch Teams wie Mexiko und die Niederlande, die früher für Spektakel standen und technisch versierte Spieler besitzen, trachteten vor allem danach, den Raum zu verengen und im Gegenstoß zuzuschlagen.

Trainer erläutern immer wieder, dass es viel schneller geht, die Bewegungsabläufe einer starken Defensive einzustudieren, als kreativen, offensiven Ballbesitzfußball zu entwickeln. Denn dafür braucht es eine viel feinere Abstimmung von Laufwegen, Automatismen und Spielideen. Und vor allem braucht es dafür Zeit. Doch die Verbände hatten diese nicht, ihnen blieben nur wenige Tage Vorbereitung, weil noch bis kurz vor dieser Winter-WM Champions League und die europäischen Meisterschaften, in denen die besten Spieler tätig sind, gespielt werden mussten. Das ist vielleicht die Ironie dieses Turniers: Würde der Fußballzirkus nicht ständig dem Geld hinterherjagen, hätte es spielerisch eine viel schönere Weltmeisterschaft sein können.