Es war ein Spiel zum Zungeschnalzen, ein Festival des Offensivfußballs mit Toren, die sich in ihrer Schönheit gegenseitig übertrafen: Frankreich gegen Argentinien - WM 2018 - Achtelfinale - 4:3. Nach dem vorweggenommenen Finale vor vier Jahren in Kasan kommt es nun am Sonntag (16 Uhr/ORF 1) in Katar zum echten WM-Finale der beiden zweifachen Weltmeister. Wer holt sich den Pokal aus 18-Karat-Gold? Wer heftet sich den dritten Stern auf das Nationaltrikot? Krönt sich Lionel Messi oder Kylian Mbappé zum Weltmeister und dann natürlich auch zum besten Spieler des Turniers? Und kann das Finale spielerisch an den Glanz der Begegnung von 2018 anschließen?

Fragen über Fragen, die selbst ausgewiesene Experten bestenfalls mit dem Bauchgefühl beantworten können. Titelverteidiger Frankreich mag für viele der Favorit sein, aber wenn, dann bestenfalls hauchdünn. Für zahlreiche Wettanbieter ist das Ganze gleich pari - es gibt dieselbe Quote auf beide Finalisten; bei manchen sind sogar die Gauchos leicht besser dotiert - wohl der Messi-Faktor.

Superstar vs. Starensemble

Wird das vielleicht sogar der maßgebende Faktor dieses Endspiels? Gelingt dem sechsmaligen Weltfußballer der eine geniale Moment, der das Finale entscheidet; oder verwertet er wieder einen Elfmeter, nachdem sein Team im Turnier schon deren vier zugesprochen bekommen hat und der 35-Jährige drei davon verwandeln konnte?

Daher ist das Finale auch irgendwie das Duell des Superstars gegen das Starensemble: Letzteres hat bei der Mission Titelverteidigung bisher nicht wirklich geglänzt, aber das Nötigste umgesetzt, um jeweils sicher weiterzukommen. Allerdings offenbarte das Viertelfinale gegen England (2:1) erstmals die Schwächen im Defensivverbund der Equipe Tricolore. Mit schnellen 1:1-Situation konnten die Three Lions immer wieder für Gefahr sorgen - das Resultat waren etliche Chancen, zwei Elfmeter, aber letztlich "nur" ein Treffer. Und damit einer zu wenig. Doch auch die ungestüm anstürmenden Marokkaner im Halbfinale wird sich Argentiniens Trainer Lionel Scaloni ganz genau angesehen haben - die biederen Atlaslöwen haben wohl für mehr Torgefahr vor Hugo Lloris gesorgt, als Weltmeistercoach Didier Deschamps lieb war.

Hoffen auf den Genieblitz

Will sich also Lionel Messi endlich und im fünften Anlauf die für ihn seit fast 20 Jahren reservierte WM-Krone aufsetzen, muss er diese Schwächen mit seinen Tempodribblings und genialen Pässen ausnutzen. Viele Möglichkeiten wird er wohl nicht bekommen.

Das Manko des Weltmeisters von 1978 und 1986 ist freilich, dass auch mangels weiterer hochkarätiger Offensivkräfte die Variabilität deutlich eingeschränkt ist. Julian Alvarez kann mit bisher vier Treffern einzig mit dem fünffachen Schützen Messi mithalten - Paulo Dybala, Lautaro Martinez und Angel Di Maria haben indes bisher enttäuscht respektive waren nicht ganz fit. Dafür verfügt die Albiceste im Mittelfeld und der Defensive über ein eingespieltes, lauf- und kampfstarkes Bollwerk, das bisher im Turnier wenig zugelassen hat (die Blackouts gegen Saudi-Arabien ausgenommen). Auffällig im Viertelfinale gegen die Niederlande war aber, dass Nicolas Otamendi und Co. mit den höhen Bällen der Oranje im Finish nicht zurechtkamen. Womit auch der andere, womöglich spielentscheidende Punkt im Finale angerissen wäre: Denn die Offensive der Bleus ist geprägt durch Variantenreichtum. Kann etwa Mbappé seine Schnelligkeit nicht ausspielen, erledigt es halt Kopfballungeheuer Olivier Giroud. Oder Neo-Spielmacher Antoine Griezmann mit einer Standardsituation. Oder Ousmane Dembele per Dribbling und Stanglpass. Nicht zu vergessen, die deutlich besser bestückte Bank des Champions von 1998 und 2018: Trotz der vielen Ausfälle gibt es da immer noch Kicker von Weltformat, die so große Spiele entscheiden können: Kingsley Coman, Marcus Thuram, Kolo Muani, Eduardo Camavinga.

Aber dann gibt es da halt auch noch den zwölften Mann - und der dürfte wieder aufseiten der Albiceleste stehen: Von den 89.000 Zuschauern im Lusail-Stadion, wo Messi schon in vier Matches zuvor aufgegeigt hat, dürfte die Mehrzahl die weiß-blau-gestreiften Trikots tragen, um "La Pulga" zur Vollendung seiner Karriere zu brüllen. Es wird zwar nicht Messis letztes Match werden, vielleicht auch nicht im Teamdress, aber doch der 26. und letzte WM-Auftritt - was ihn zum Rekordmann macht. "Das letzte Spiel meiner WM-Karriere wird ein Finale sein. Es macht mich glücklich, das noch erreichen zu können", erklärte der 1,69 Meter kleine Ballkünstler.

"Rendezvous mit Legende"

Für "Le Figaro" bringt der Sonntag ein "Rendezvous mit der Legende". Ein goldenes Abschiedsgeschenk wird es aber sicher nicht geben, auch wenn Deschamps vom Superstar auf der Gegenseite schwärmt: "Natürlich ist Messi einer der besten Spieler der Welt, und das zeigt er hier. Er ist in brillanter Form seit Beginn des Turniers." Letztlich könnten hüben wie drüben die Kleinigkeiten entscheiden: "Die Schlüsselspieler werden den Unterschied machen, vielleicht wird das Team gewinnen, das weniger Fehler macht. Wer das schafft, wird das Spiel gewinnen", erklärte Deschamps.