Wenn Weihnachten naht, haben die Krippenbauer von Neapel Hochsaison. In der Via San Gregorio Armeno in der Altstadt reihen sich dicht an dicht die Geschäfte und Werkstätten der Handwerker. Seit Jahrhunderten werden in der italienischen Stadt Nachbauten des Stalls von Bethlehem hergestellt, weswegen Neapel als Krippen-Center gilt. Für Touristen und Pilger ein Muss ist die mit 270 Figuren weltweit größte Krippe, die im nahen Kartäuserkloster gezeigt und "Cuciniello" genannt wird. Im Mittelpunkt steht das Jesuskind, dessen zarte Figur am Heiligen Abend in die Krippe gelegt wird.

Nun ist der Retter in Heu und Stroh nicht der Einzige, der in Neapel Heiligenstatus genießt. Unweit der Straße der Krippenbauer befindet sich, eingelassen in eine Hausmauer, ein ungewöhnliches "Heiligenbild", das dem meistverehrten Fußballer der Stadt gewidmet ist. Es zeigt den argentinischen Spieler Diego Maradona im anno santo, im Heiligen Jahr 1987, daneben befinden sich ein runder Glasbehälter mit einer Flüssigkeit und ein kleines Haarbüschel. Am Rand ist ein Hinweis angebracht, dass hier eine Träne und das Haar des "Heiligen Maradona" als Reliquien zur Anbetung dargeboten werden. Haar und Träne seien Absonderungen von Maradonas Körper - und daher magisch, heißt es da. Während die katholische Kirche den Kult rund um die "Capello Miracoloso" und ihre Juxkirche "Iglesia Maradoniana" mit Ärger verfolgt, finden viele Neapolitaner nichts dabei. Immerhin war es der Argentinier gewesen, der den Serie-A-Kellerklub SSC Napoli in jenem Jahr erstmals zum Meistertitel geführt hatte. 1989 wurde der Verein sogar Uefa-Pokalsieger.

Dabei hatte sich Maradona bereits drei Jahre zuvor, bei der Fußball-WM in Mexiko, in den Augen seiner Fans unsterblich gemacht. Bis heute gilt der WM-Sieg der Argentinier (über Westdeutschland) als Glanztat des Napoli-Legionärs. Ebenso in Erinnerung geblieben ist sein "Hand-Gottes"-Sager nach dem Viertelfinalspiel gegen England, als der Superstar nicht etwa seine Hand, sondern den Herrgott persönlich für den 1:0-Führungstreffer verantwortlich machte.

Es gibt nicht viele Fußballstars, die wie Maradona gleichsam zur Ehre der Stadien erhoben wurden. Zu nennen wäre gewiss Brasiliens Pelé, der bei der WM 1958 im Alter von nur 17 Jahren in nur vier Spielen sechs Treffer erzielte und daraufhin von der brasilianischen Regierung gar zum "Nationalheiligtum" erklärt wurde. Ein Transfer ins Ausland kam nicht in Frage, und das sah wohl auch die katholische Kirche so. Als Pelé etwa am 19. November 1969 gegen Vasco da Gama sein 1.000. Tor schoss, läuteten im ganzen Land die Kirchenglocken. Insgesamt brachte es der heute 82-Jährige in 1.363 Spielen auf 1.281 Tore. 1999 wurde Pelé von der Fifa zum Fußballer des Jahrhunderts erklärt.

Neben Pelé und Maradona den "Heiligenstatus" erlangt hat kürzlich freilich der Argentinier Lionel Messi, der nun mit dem WM-Sieg in Katar alles gewonnen hat, was man in einer Kickerkarriere gewinnen kann. Selbstverständlich durften auch in seinem Fall Bezüge zu Überirdischem nicht fehlen. "Ich wusste, dass mir Gott den Pokal schenken würde", erklärte der 35-Jährige etwa, nachdem er die WM-Trophäe in den Nachthimmel von Doha gereckt hatte. Es ist dies wohl der feierlichste und heiligste Augenblick, dem Fußballer gewärtig werden können - dabei erinnert er frappant an jene heilige Handlung, die sonst nur Priestern während der Eucharistiefeier vorbehalten ist.

Christliche Symbolik

Auch das ist kein Zufall. Nicht nur ähneln die Fußballpokale und Meisterschalen jenen liturgischen Geräten, die während der Messfeiern benutzt werden, auch weisen die dazugehörigen Riten auf eine kultische Verwandtschaft hin. So war es früher üblich, dass die Kicker der siegreichen Mannschaft mit den Verlierern auf die Ehrentribüne stiegen, der Kapitän einen Schluck aus dem Pokal nahm, ihn gegen Himmel stemmte und weiterreichte. Bei der WM-Siegesfeier der Argentinier in Katar war dieser an die Wandlung von Brot und Wein erinnernde Ritus nur Messi und Co. vorbehalten. Ob sich das arabische Publikum im Lusail-Stadion der eindeutig christlichen Symbolik bewusst war, darf indes bezweifelt werden. Ironischerweise wurde der argentinische Kapitän vom Emir persönlich mit dem obligatorischen "Priestergewand" ausgestattet. Dazu passend titelte die "Süddeutsche Zeitung": "Messis heilige Nacht."

Den Applaus von Papst Franziskus, selbst Argentinier, hat der Superstar dennoch sicher. Zwar mag der Pontifex von einer Heiligsprechung Messis nicht allzu viel halten, das heißt aber nicht, dass dessen Leistung nicht gewürdigt werden darf. Hat nicht der Heilige Paulus selbst sein Leben mit dem eines Marathonläufers verglichen, der nach harten körperlichen und mentalen Entbehrungen endlich im Stadionrund angekommen ist? In der Art ist wohl auch das christliche Verständnis von Sportturnieren zu sehen: Im Wettbewerb möge nicht das "Sich-vor-Gott-Brüsten" im Vordergrund stehen, sondern die Genugtuung und das Bewusstsein, in Situationen höchsten Leidens nicht aufgegeben zu haben, betonte schon Martin Luther.

Zeuge eines Wunders

Schließlich ist wie in der Religion auch im Fußball das Leiden allgegenwärtig - in den Anstrengungen des Trainings, im Einsatz bis zum Letzten sowie bei schmerzlichen Niederlagen. In diesem Ringen, wo sich der Einzelne für die Mannschaft aufopfert, fließt nicht bloß Schweiß, sondern bisweilen auch Blut. Davon erzählt auch die Leidensgeschichte in der Bibel, allerdings endet diese nicht im Tod, in der Niederlage, sondern in der Erlösung. Der Jesuit Hugo Rahner hat in diesem Kontext von einer Verwandlung gesprochen, so wie dies Kommentatoren zu tun pflegen: Wird der Ball mit Erfolg "verwandelt" (beispielsweise durch einen Elfmeter oder eine Standardsituation), gelangt er damit in einen anderen Zustand. Dabei wird, so Rahner, nicht nur der Ball verwandelt, sondern auch der Schütze, seine Mitspieler, Trainer sowie die Fans auf den Rängen und vor den TV-Bildschirmen.

In diesem Lichte ist daher auch der jubelnde Empfang der Albiceleste am Dienstag in Buenos Aires zu betrachten. Der Gewinn des WM-Titels ließ die leidgeprüfte, von Inflation und Korruption gebeutelte Bevölkerung zumindest für einen Moment zusammenrücken und wieder an sich glauben. Das Gefühl, Zeuge eines Wunders geworden zu sein, ist ja nicht zuletzt auch die Botschaft von Weihnachten. Auch im Stall von Bethlehem rückten einst Hirten und Könige zusammen, wurden Klassenunterschiede aufgelöst und die Gemeinsamkeit beschworen. Nur währen diese Momente im Fußball oft nicht lang, wie die jüngsten Tage in Argentinien auch gezeigt haben. Die Krippenbauer von Neapel wissen darum.