Er war "O Rei" - der König, die schwarze Perle oder ganz einfach nur der größte Fußballer der Geschichte. Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, hat seinen festen Platz in den Bildern, die durch den Kopf schießen, wenn die Gedanken um Brasilien kreisen. Pelé war der Muhammed Ali des Fußballs. Der größte Spieler, den diese Sportart je gesehen hat. Der dreimalige Weltmeister, der Mann der 1.000 Tore, der Erfinder des "Jogo bonito", des "schönen Spiels". Nun hat Pelés Herz aufgehört zu schlagen.

Die brasilianische Fußballlegende ist am Donnerstag im Alter von 82 Jahren gestorben. Das gab seine Tochter auf Instagram bekannt. Der dreifache Weltmeister erlag seinem Krebsleiden. Pelé, für viele der beste Fußballer aller Zeiten, war in den letzten Wochen in einer Klinik in Sao Paulo nur noch palliativ behandelt worden, bis zuletzt wachten die Angehörigen am Totenbett. Mit dem Tod Pelés versinkt eine ganze Nation in Trauer, ein Volk, das nur dann wirklich vereint ist, wenn die "Selecao" ihr berühmtes gelbes Trikot trägt. Wenn die Armen in den Favelas und die Reichen in den abriegelten Wohnblöcken für 90 Minuten gleich denken, fühlen, leiden oder sich freuen.

Die WM 1958 machte den jungen Pelé weltberühmt - und versöhnte Brasilien nach dem Maracanaço acht Jahre davor. - © picturedesk / SZ-Photo / Horstmüller
Die WM 1958 machte den jungen Pelé weltberühmt - und versöhnte Brasilien nach dem Maracanaço acht Jahre davor. - © picturedesk / SZ-Photo / Horstmüller

Geboren ist Edson Arantes do Nascimento am 23. Oktober 1940 in Três Corações im Bundesstaat Minas Gerais, in dem die Menschen als besonders bodenständig und fleißig gelten, weil die harte Arbeit im Bergbau und die Landwirtschaft keine Flausen im Kopf verzeihen. Pelés Vater Dondinho war ebenfalls ein talentierter Fußballer, doch das Schicksal wollte es so, dass er sich gleich im ersten Profi-Spiel eine schwere Knieverletzung zuzog. So wurde es nichts aus einer Karriere bei Atletico Mineiro, dem wohl populärsten Klub in der Metropole Belo Horizonte.

Pelé mit dem Olympischen Orden 2016. - © afp / Miguel Schincariol
Pelé mit dem Olympischen Orden 2016. - © afp / Miguel Schincariol

Vom Schuhputzer zum Fußballer

Statt der erhofften Profi-Karriere putzte Dondinho im Krankenhaus. Die Familie zog in den Großraum Sao Paulo in der Hoffnung auf wirtschaftliche Besserung, wie Millionen Menschen vor und nach ihnen. Pelé trug als Schuhputzer in den reichen Stadtvierteln etwas zum Verdienst des armen Haushalts bei. In der Freizeit spielte der junge Pelé Fußball in einer Straßenmannschaft mit dem Namen "die Schuhlosen", weil sich die Kinder keine richtigen Schuhe leisten konnten. Als Bälle mussten zusammengebundene Socken herhalten. In dieser Zeit soll nach Pelés Angaben auch dessen Spitzname entstanden sein, weil er den Namen des Torhüters "Bilé" stets undeutlich ausgesprochen habe.

Kurz darauf stand Pelé in der Jugendmannschaft des Klubs seines Vaters, der ehemalige brasilianische Nationalspieler Waldemar de Brito wurde sein Trainer. Brito erkannte sofort das Talent und arrangierte ein Probetraining beim FC Santos, einem der großen Klubs im Großraum Sao Paulo, wenngleich die Hafenstadt auf ihre Eigenständigkeit pocht. Trainer Lula zeigte sich nach einem Probetraining begeistert: Es war die Geburtsstunde der historisch erfolgreichen Zusammenarbeit des FC Santos und Pelé, die den brasilianischen Vereinsfußball fast zwei Dekaden prägen sollte.

Das alles erklärt, warum sich so viele seiner Landsleute mit der Figur und Persönlichkeit identifizieren konnten. Mit einem jungen afrobrasilianischen Kind aus einfachsten Verhältnissen, das seinen Weg nach oben machte und den Traum von Millionen anderen lebte. Der dem täglichen Überlebenskampf entfliehen konnte. Einer, der aus der Armut emporstieg und auf den zudem ein ganzes Volk aufschaute - auch fast alle Weißen. Schon in seiner ersten kompletten Saison wurde Pelé Torschützenkönig der Staatsmeisterschaft von Sao Paulo (36 Tore in 29 Spielen), die brasilianischen Medien kürten ihn zur "Pérola Negra" ("Schwarze Perle"). Er gewann mit dem FC Santos in 17 Jahren insgesamt 26 nationale und internationale Titel, darunter zweimal die südamerikanische Champions Legaue, die Copa Libertadores (1962, 1963) und den Weltpokal (1962). Heute würde man sagen: Pelé machte aus dem FC Santos ein Premiumprodukt.

Versöhnung für die angeknackste Volksseele

Die Erfolge auf Vereinsebene mit dem FC Santos sind eine Sache. Zum Volkshelden und globalen Superstar aber wurde Pelé im Trikot der Nationalmannschaft, weil er seinen Landsleuten unvergessliche Momente der nationalen Glückseligkeit ermöglichte, sie für ein paar Tage aus Überlebenskampf, struktureller Ungerechtigkeit und Rassismus zu führen schien. Und das nur wenige Jahre nach der verheerenden Niederlage Brasiliens im WM-Finale 1950 vor 200.000 Zuschauern im Maracana gegen Uruguay. Pelé war damals sechs Jahre alt. Die Tragödie ging als Maracanaço in die Geschichte ein, Brasiliens Seele war tief verletzt.

Sein Stern ging bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden auf, als er als damals 17-Jähriger sechs wichtige Turniertreffer zum Titelgewinn beisteuerte. Brasilien verliebte sich in den Teenager, der Rest der Welt staunte über dessen Qualitäten. Der Gewinn der Weltmeisterschaften 1958, 1962 und 1970 machten aus Pelé den erfolgreichsten Fußballer aller Zeiten. Begleitet durch ein neues Medium, das die Spiele erst in Schwarz-Weiß und dann in Farbe in die Wohnzimmer der Menschheit brachte. Pelé war vielleicht der erste Global Player des Fußballs, ein Jahrzehnt nach dem großen Alfredo die Stefano von Real Madrid, dessen Namen zwar alle kannten, dessen Zaubertricks am Ball aber nur den wenigsten mit den eigenen Augen gesehen hatten.

Pelé aber brannte sich wegen seiner unnachahmlichen Art der Ballbehandlung ins Gedächtnis seiner und der nachfolgenden Generationen einen. Seine Kunstwerke sind festgehalten für die Nachwelt. Tore, die so schön waren, als hätte sie ein Ästhet entworfen und nicht ein Fußballer. Geschmeidig, intelligent und überraschend - Pelé hat den Profifußball auf ein neues kreatives Level gehievt wie Steve Jobs das Mobiltelefon. Und Brasilien entdeckte für sich den Fußball als nationale Kunstform wie den Samba und den Karneval.

Das alles in einer Zeit, als die Weltmeisterschaften noch eine Art Fußball-Messe waren. Als die Nationen noch eigene Spielstile pflegten, die Engländer auf Kick and Rush setzten, die Deutschen auf Disziplin und Konter - und die Brasilianer das "jogo bonito" entwarfen. Damals wurden die Spieler der unterschiedlichen Ligen noch nicht durch Scouts bis ins letzte Detail analysiert, waren Weltmeisterschaften auch durch die Überraschungsmomente gekennzeichnet, wussten die Trainer nicht über die Tricks und Besonderheiten der anderen Nationen schon vor dem ersten Spiel Bescheid.

Wer weiß, vielleicht gäbe es die brasilianische Fußball-Kultur gar nicht, wären Pele und mit ihm seine kongenialen Mitstreiter Garrincha oder Mario Zagallo schon damals in jüngsten Jahren von Scouts aus ihrem Umfeld gerissen und nach Europa verkauft worden. Eingepfercht in europäische Denk- und Spielweisen, unterworfen europäischen wirtschaftlichen Interessen. Zagallo sagte einmal, das frühe Abwerben der brasilianischen Talente sorge dafür, dass die Nation Gefahr laufe, ihre Spielidentität zu verlieren. Die WM 1958 galt mit ihrem revolutionären Spielstil als Geburtsstunde der fußballerischen Identität Brasiliens, und Pelé war ihr Mentor. "Nach dem fünften Tor wollte sogar ich applaudieren", sagte später der schwedische Gegenspieler Sigvard Parling im WM-Finale 1958.

Für den Menschen Pelé gab es auch Rückschläge

Der Mensch Pelé war dagegen stets in latenter Gefahr. Heute wird ihm bisweilen vorgeworfen, er hätte sich vielleicht lautstärker für die Rechte der afrobrasilianischen Bevölkerung einsetzen können. Eine überhebliche Kritik, denn Pelé erlebte mit, was das bedeutete: US-Boxer Muhammad Ali (1942-2016) ging diesen Weg und zahlte für seine Gesellschaftskritik einen mit zeitweiligem Berufsverbot hohen Preis. Für Pele, den einfachen Burschen aus der Favela, der dafür zu sorgen hatte, dass das Essen für eine große Familie auf den Tisch kommt, eine Warnung.

Auch in den Stadien von Katar war Pelé allgegenwärtig. - © reuters / Carl Recine
Auch in den Stadien von Katar war Pelé allgegenwärtig. - © reuters / Carl Recine

Glockengeläut von Kirchen begleiteten am 19. November 1969 sein 1.000. Tor, bei seinem Abschiedsspiel im Nationaltrikot am 18. Juli 1971 gegen Jugoslawien (2:2) sagten 180.000 Zuschauer im Maracanã Danke.

Das Kapitel bei Cosmos New York, wo er viele Freundschaften mit Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer schloss und mit der Multi-Kulti-Truppe nebenbei ein Zeichen für Diversität setzte, war mehr oder weniger erzwungen. Unseriöse Berater hatten sein Vermögen veruntreut. Das erklärt vielleicht auch, warum sich Pelé nach seiner Karriere neben Ausflügen in die Sportpolitik für manche vielleicht zu aggressiv als Werbefigur vermarktete.

Doch über allem steht seine unvergleichliche Fußballkunst, über die er einst einmal selbst sagte: "Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball."