Eigentlich sollte die WM in Katar auch eine große Bühne für China werden. Das 767 Millionen Dollar teure Lusail-Stadion in Doha, in dem das Finale zwischen Frankreich und Argentinien ausgetragen wurde, wurde von der staatlichen China Railway Construction Corporation in einer Rekordzeit von 40 Monaten aus dem Wüstensand gestampft. Das Schmuckkästchen, das Platz für knapp 89.000 Zuschauer bietet, soll über die größte Membran-Struktur der Welt verfügen. Im chinesischen Auslandssender CGTN liefen werbliche Dokumentationen, die den Baufortschritt zeigten (über die Situation der Gastarbeiter wurde freilich nicht berichtet). Auch die Stahlkonstruktion des Education City Stadium, einer weiteren WM-Spielstätte, stammt aus chinesischer Fabrikation, ebenso wie das Stadion 974, das aus Schiffscontainern errichtet wurde und derzeit wieder abgebaut wird.

China hat sich in Katar lukrative Bauaufträge gesichert. So haben chinesische Firmen eine Solaranlage gebaut, die das Emirat mit 800 Megawatt Strom versorgen soll. Konzerne wie Wanda und Hisense gaben insgesamt 1,4 Milliarden Dollar aus, damit Milliarden Menschen vor dem Fernseher ihr Logo auf der Bandenwerbung sehen. Insofern war die WM in Katar ein wichtiger Termin für die chinesische Wirtschaft. Doch während sich beim Eröffnungsspiel hochrangige Staatsgäste mit Fifa-Boss Gianni Infantino und dem Emir von Katar in der VIP-Lounge zuprosteten, glänzte die chinesische Staatsführung durch Abwesenheit. Staatschef Xi Jinping machte bei seinem Amtsbesuch in Riad im Dezember einen Bogen um Katar. Und die sonst so reisefreudigen chinesischen Fußball-Fans, von denen noch 100.000 zur WM 2018 in Russland geströmt waren, mussten wegen des Lockdowns die Spiele spätnachts zu Hause vor dem Fernseher anschauen, wo das Staatsfernsehen die Bilder von Fans ohne Maske zensierte. Von dem Kartenkontingent wurden diesmal nur wenige tausend Tickets abgerufen.

Außer Spesen
nichts gewesen

Die Zurückhaltung war wohl auch der bescheidenen sportlichen Leistung geschuldet. Die chinesische Fußballnationalmannschaft, die auf Platz 80 der Fifa-Weltrangliste liegt, schied bereits in der Qualifikation aus - das Team landete in der Gruppenphase nur auf Platz fünf, hinter dem Oman, der nun wahrlich keine Übermannschaft ist. Stattdessen mussten die Fans mitanschauen, wie der Erzrivale Japan bis ins Achtelfinale vordrang. Dabei hatte sich das Regime in Peking sportpolitisch hohe Ziele gesetzt. Präsident Xi Jinping, ein leidenschaftlicher Fußballfan, gab die Losung aus, China solle die Fußball-WM austragen und das Turnier bis spätestens 2050 gewinnen.

Das Reich der Mitte will zur globalen Fußball-Supermacht aufsteigen, die es mit großen Sportnationen wie Frankreich oder Brasilien aufnehmen kann. Stars wie Pavel Nedved und David Beckham wurden als Werbebotschafter angeheuert. Im ganzen Land sollen 50.000 Fußball-Akademien entstehen, in denen die Talente von morgen ausgebildet werden. Doch von diesem Plan ist nicht mehr viel übrig. Drei Jahre harter Lockdown haben das Land um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Immobilienwirtschaft liegt darnieder, das futuristische Lotus Flower Stadium, das der angeschlagene Immobilienkonzern Evergrande als Heimspielstätte für den von ihm gesponserten Klub Guangzhou Evergrande errichtet, befindet sich noch immer im Bau - es sollte eigentlich schon Ende 2022 fertiggestellt sein.

Golfstaaten haben
China überholt

Die Chinese Super League ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Stadien waren wegen der strengen Corona-Auflagen leer, Klubs wie Chongqing Liangjiang mussten wegen finanzieller Probleme den Betrieb einstellen. Profis wie Oscar oder Carlos Tevez verließen das Land. Altstars unterschreiben nicht mehr in China, sondern in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien. Dort sitzt das Geld noch locker, die Scheichs werfen mit Petrodollars nur so um sich. Jüngstes Beispiel: Cristiano Ronaldo, der beim saudischen Verein Al-Nassr pro Spielzeit 214 Millionen Dollar kassieren soll. Solche exorbitanten Saläre werden in China nicht (mehr) bezahlt, der Ligaverband hat eine Gehaltsobergrenze von umgerechnet 3,6 Millionen Dollar für ausländische Profis und 765.000 Dollar für inländische Profis pro Jahr eingeführt.

Auch Auslandsinvestitionen stehen auf dem Prüfstand. So soll die Suning Holdings Group einen Käufer für Inter Mailand suchen. Der chinesische Mischkonzern hatte 2016 für rund 300 Millionen Dollar 70 Prozent der Anteile des italienischen Traditionsvereins gekauft. Chinesische Investoren haben sich zuletzt reihenweise aus dem europäischen Fußballgeschäft zurückgezogen. Die sportpolitische Bühne erobern die Golfstaaten, auch weil China wegen der Null-Covid-Politik zahlreiche Großereignisse wie das Formel-1-Rennen in Shanghai absagen musste. Der Asien-Cup, der von Juni bis Juli im Reich der Mitte ausgetragen werden sollte, findet nun in Katar statt.