• vom 21.03.2011, 17:33 Uhr

Fußball

Update: 21.03.2011, 17:37 Uhr

Die Rapid-Viertelstunde soll heute zum Unesco-Weltkulturerbe werden

Eine Viertelstunde auf dem Weg zum Kulturgut




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Von Domenico Jacono

  • Anfänge des Rituals vor mehr als 100 Jahren.
  • Im Lauf der Zeit mehrfach gewandelt.
  • Wien. Seit je spiegeln Rituale die Gemeinschaft, in der sie ablaufen. Das gilt auch für die "Rapid-Viertelstunde", die seit fast 100 Jahren durch ein nach 75 Spielminuten unabhängig vom Spielstand einsetzendes rhythmisches Klatschen aller Rapidanhänger Match für Match aufs Neue einfordert, was man den "Rapidgeist" nennt: die hoffnungsfrohe Gewissheit, gemeinsam kämpfen und (doch noch) siegen zu wollen. Am heutigen Dienstag wird die österreichische Unesco-Kommission bekanntgeben, ob dieser urbane Brauch in das nationale Verzeichnis "immaterieller Kulturgüter" aufgenommen wird.

Die Rapid-Viertelstunde ist in der heutigen Fußballkultur ein globales Unikat. Nur der Schweizer Klub Young Boys Bern kennt ein ähnliches Ritual, das allerdings nicht eingeklatscht, sondern eingesungen wird. Die Anfänge der Tradition liegen auf dem Rudolfsheimer Sportplatz, der dem Klub von 1903 bis 1910 als Heimstätte diente. Von hier aus konnte man das markanteste Gebäude der Umgebung gut sehen: den 76 Meter hohen Kirchturm auf dem nahen Kardinal-Rauscher-Platz. In einer Zeit, als es noch keine Anzeigetafeln gab, bot die ab 1904 sogar elektrisch beleuchtete Turmuhr die Möglichkeit, die Spielzeit mitzuverfolgen. So mancher Anhänger, Funktionär oder Spieler mag nach einem hastigen Blick auf die Turmuhr in die Hände geklatscht, und die Mannschaft aufgefordert haben, noch einmal alles zu geben. Einhergehend damit lässt sich der Ursprung der Rapid-Viertelstunde in einigen entscheidenden Siegen dieser Frühzeit ausmachen, allen voran jenem vom 29. Oktober 1911, als Gustav Blaha in der 75. Minute den 2:1-Siegtreffer gegen den haushohen Favoriten WAF erzielte und die aus Nachwuchskräften notdürftig zusammengewürfelte Rapid-Elf in weiterer Folge völlig überraschend die erstmals ausgetragene Meisterschaft gewann.


Import aus Ungarn

Zur allwöchentlichen Praxis der Rapidgemeinde wurde die Viertelstunde spätestens in den 1920ern, vermutlich durch ungarische Vermittlung. Budapester Anhänger hatten nämlich schon im Wien der Habsburgermonarchie ihren Anfeuerungsruf "Tem-pó Magyarok!" ertönen lassen.

Das Einklatschen der letzten Viertelstunde praktizieren Rapid-Fans mindestens einmal wöchentlich. Foto: apa/Löbell

Das Einklatschen der letzten Viertelstunde praktizieren Rapid-Fans mindestens einmal wöchentlich. Foto: apa/Löbell Das Einklatschen der letzten Viertelstunde praktizieren Rapid-Fans mindestens einmal wöchentlich. Foto: apa/Löbell

Dieser wurde nun vom Wiener Publikum übernommen und mit einem Klatschrhythmus gleichen Taktes unterlegt. Friedrich Torberg, in seiner Jugend Stammgast auf den Wiener Plätzen, beschreibt dieses Phänomen in seinem autobiographischen Sportroman "Die Mannschaft" bei einem Match der von ihm favorisierten Austria. Der Protagonist des Romans hat in Ermangelung des Eintrittsgelds außerhalb des Plankenzauns Aufstellung genommen, horcht und ist sich sicher, "dass dieses taktmäßige Klatschen, das jetzt zögernd eingesetzt hat und schon Verstärkung erhält, schon metallisch um die ganze Arena dröhnt - dass dieses dreigliedrige Klatschen von den VAK(=FAK, Anm.)-Anhängern kommt, eins-zwei - eins-zwei-drei, Tempo - Vau-A-K heißt es, und soll die Mannschaft aufpulvern zu einer letzten Kraftanstrengung."

Während das eingeklatschte "Tempo" aber von den Rängen anderer Plätze verschwand, entwickelte es sich auf der Pfarrwiese, der Heimstätte des SK Rapid von 1912 bis 1978, zum kontinuierlichen, identitätsstärkenden Ritual. Wieder waren dafür einige markante, in der Schlussphase errungene Siege maßgeblich, etwa jenes 7:5 nach 3:5-Rückstand gegen den WAC am 10. April 1921, als Sturmtank Josef Uridil alle Tore des SCR schoss, davon vier in einer verlängerten Rapid-Viertelstunde. In den frühen 1930er-Jahren, als den Massen Arbeitsloser ein Sportplatzbesuch oft unleistbarer Luxus war, bürgerte es sich ein, dass zur Rapid-Viertelstunde die Tore der Pfarrwiese geöffnet wurden. Zahlreiche Wartende drängten gratis auf den Platz und stimmten in die Rapid-Viertelstunde ein, was den Geräuschpegel noch einmal erhöhte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-03-21 17:33:48
Letzte Änderung am 2011-03-21 17:37:00

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