Wolfsburg. Zur Halbzeitpause der WM-Begegnung mit Norwegen offenbart sich, wie es um die Auswahl Brasiliens zurzeit bestellt ist: Orientierungslos laufen die Ersatzspielerinnen herum, sprechen mit Offiziellen und zucken immer wieder mit den Schultern. Doch niemand scheint das Problem lösen zu können. Die Südamerikanerinnen werden immer hektischer. Und ratloser. Und dann wird klar, was ihnen fehlt: ein Ball. Und man kann den Spielerinnen ansehen, was sie denken: Und jetzt? "Kein Spiel ohne Ball", witzelt ein Reporter von "O Estado de São Paulo", der größten Tageszeitung des Landes, auf der Pressetribüne. Seine Kollegen schütteln nur noch ihre Köpfe.

Auch sonst herrscht an diesem Tag lange Zeit große Ratlosigkeit beim Vize-Weltmeister. Die Elf aus grandiosen Einzelspielerinnen findet auch beim 3:0 gegen Norwegen nur selten zusammen. Vor allem im ersten Abschnitt springt der Ball teilweise so unkontrolliert auf dem Platz umher, als säße ein Frosch darin. Wie schon im Spiel gegen Australien zeigt sich, dass Brasilien viele Probleme hat. Das Team wirkt taktisch festgefahren, was mit dem antiquierten und unbeweglichen Abwehrsystem anfängt, in dem eine zurückgezogene Libera und zwei Fraudeckerinnen agieren. Selbst gegen meist harmlose Norwegerinnen befindet sich die Defensive in steter Auflösungsgefahr. Und auch das Mittelfeld spielt wenig ideenreich und scheut die risikobereiten, schnellen Pässe in die Spitze. Die Folge: Lange Bälle segeln reihenweise zum Gegner.

Als Team nicht kompakt

Das Gesicht der Seleçao Feminina ist und bleibt aber das von Marta Vieira da Silva, der fünfmaligen Weltfußballerin - doch es ist kein wirklich glückliches, eher ein angestrengtes und verbissenes. Immer wieder rennt sie sich in der vielbeinigen norwegischen Abwehrreihe fest. Immer wieder fordert sie Bälle, bekommt sie aber nicht. Und dennoch ist es die 25-Jährige, die den Unterschied ausmachen wird. Nach 22 Minuten stößt sie ihre Gegenspielerin von hinten um, die Schiedsrichterin pfeift aber nicht. Was folgt, ist wunderbar: Dreimal tanzt Marta über den Ball, einer Norwegerin wird schwindelig, und es steht 1:0. Pfiffe für Marta - für das Foul. Das weitere Spiel ist schnell erzählt: viele Zweikämpfe, wenige Torchancen. Und in den 180 Sekunden nach Wiederanpfiff besiegt Norwegen sich selbst durch zwei schlimme Abwehrfehler. Ex-Neulengbach-Legionärin Rosana (46.) und Marta (48.) treffen zum 2:0 und 3:0.