La Plata.

Das futuristische Stadion in La Plata ist die einzige neue Arena Argentiniens, das sich gemeinsam mit Uruguay für die WM 2030 bewerben will. - © Photogamma / Javier Garcia Martino/Photogamma
Das futuristische Stadion in La Plata ist die einzige neue Arena Argentiniens, das sich gemeinsam mit Uruguay für die WM 2030 bewerben will. - © Photogamma / Javier Garcia Martino/Photogamma
Beinahe außerirdisch wirkt das Estadio Ciudad de La Plata, der Austragungsort des Eröffnungsspiels der laufenden Copa América. Lediglich der ramponierte Rasen erinnert daran, dass es in Argentinien steht. Doch nichts deutet auf seine bewegte Geschichte hin, die schon vor 20 Jahren begann, als der Baubeschluss gefasst wurde.

Eröffnet wurde das Stadion dann aber erst 2003 und dies auch nur als Provisorium, denn das vorgesehene Dach konnte nicht montiert werden. Die regionalen Behörden waren zuerst nicht in der Lage, die dafür fälligen Zollgebühren zu bezahlen, und später, nach dem Staatsbankrott von 2001, war das Geld generell knapp. An Stadiondächer dachte damals niemand.

Die futuristische Dachkonstruktion verrottete mehr als acht Jahre in irgendwelchen Zollcontainern unweit seines Bestimmungsorts. Dass der Gouverneur der Provincia de Buenos Aires, Daniel Scioli, nun doch die Eröffnung eines fertigen Stadions vorgenommen hat, hängt einerseits mit der Copa América zusammen. Andererseits ist 2011 aber auch ein großes Wahljahr, und derartige Projekte, die symbolisieren, dass Argentinien nicht komplett den Anschluss an die Erste Welt verloren hat, sind sehr willkommen.

90 Millionen für Stadien


Doch das Stadion in La Plata ist eines der wenigen Stadien in Argentinien, das in den vergangenen Jahren neu errichtet wurde. Dabei hätte die das Land, das gemeinsam mit Uruguay eine WM-Bewerbung für 2030 plant, nötig. Immerhin wurden 90 Millionen US-Dollar in die acht Stadien der Copa investiert, wobei ganz bewusst Standorte außerhalb von Buenos Aires gewählt wurden. Das Hinterland der Hauptstadt bekommt im Regelfall seltener gesonderte infrastrukturelle Aufmerksamkeit. Die Südamerikameisterschaft ist ein Projekt der Dezentralisierung.

Das nördlichste Stadion steht 1700 Kilometer von Buenos Aires entfernt in Jujuy, nahe der Grenze zu Bolivien, es wird im Volksmund liebevoll "kleine Silbertasse" genannt. Dass bei der Vergabe der Schauplätze vor allem regierungstreue Regionalregierungen den Vorzug bekamen oder Stadionbetreiber, die dem umstrittenen Verbandspräsidenten Julio Grondona gut gesinnt sind, ist eine Selbstverständlichkeit. Nicht immer jedoch machen diese neuen oder renovierten Fußballplätze auch Sinn.

José Luis Gioja etwa hält die Fahne der Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner in San Juan hoch. Seine Loyalität brachte ihm ein neues Stadion ein. Eigentlich ein Glücksfall, denn der ortsansässige Club Atlético San Martín de San Juan stieg soeben erst in die höchste Liga des Landes auf. Dennoch wird der Verein seine Heimspiele lieber im eigenen und eigentlich viel zu kleinen Stadion austragen.

Das hat mit dem Selbstverständnis der argentinischen Fußballfans zu tun. Ein Stadion ist viel mehr als nur ein Sportplatz. So wie die Fans stolz auf ihren Klub und dessen Farben sind und sich damit identifizierte, sehen sie das Stadion als ihr Zuhause an. Argentinische Vereine haben fast ausnahmslos eine lange Tradition. Ihre Häuser wurden Schauplätze vieler denkwürdiger Stunden.

Im Ballungsraum Gran Buenos Aires, wo rund 13 Millionen Menschen leben - also ein Drittel der Bevölkerung des Landes -, tummeln sich 60 Klubs in den fünf offiziellen Verbandsligen. Jeder von ihnen verfügt über ein eigenes Stadion, das er mit keiner anderen Mannschaft teilt. Dabei ist der Platz in der Metropole knapp und dennoch halten viele Klubs an ihren größtenteils baufälligen Stadien fest, die beinahe allesamt auf extrem wertvollen Baugrund stehen.

Für einige ist dies nur ein weiterer Beleg dafür, dass die miserable wirtschaftliche und soziale Situation Argentiniens zu einem rückwärtsgewandten Denken seiner Menschen führt. Eine andere Sichtweise dieses Kuriosums ist der Wunsch nach Geborgenheit in unsicheren Zeiten, in denen der Staat weder soziale noch juridische Sicherheit bietet. Häufig gehen private Bande und Ehen in die Brüche, generell lebt Argentinien in einer Ellbogengesellschaft, die Liebe zu den Klubfarben ist oft das Einzige, das Bestand hat. Und das Stadion wird dieser Argumentationslinie folgend zum wohligen Heim.

Klubs wie Familien


Fakt ist jedoch auch, dass beinahe alle argentinischen Klubs mehr als nur Fußballvereine sind. Sie betreiben nebenbei noch eine Vielzahl anderer Sportsektionen, bieten gemeinnützige Einrichtungen wie Kindergärten oder Grundschulen an und oftmals auch ein Schwimmbecken oder ein Fitnesscenter, das die Mitglieder benützen können. Dies erhöht natürlich die Bindung und Identifikation mit dem Klub und seinen Einrichtungen. Dass man das nicht mit der Konkurrenz teilen will, liegt in der Natur der Sache.

Im Rahmen der Copa América kommt jedoch nur eines der 60 Hauptstadtstadien zum Einsatz. Im Monumental - Schauplatz des WM-Finales 1978 - wird derzeit noch gearbeitet. Dies hat weniger mit den allgemein üblichen Bauverzögerungen im Land als mit dem Abstieg des argentinischen Rekordmeisters River Plate, der hier seine Heimstätte hat, zu tun.

Als die 110 Jahre alte Institution vor kurzem erstmals in der Vereinsgeschichte den bitteren Gang in die zweite Liga antreten musste, ließen die Fans an der Stadioneinrichtung ihrem Unmut aus. Daher muss renoviert werden.