London. Die Vereinsgeschichte liest sich wie ein Lehrbuch für Fußballromantiker. Neun Jahre nach dem Beinahe-Untergang und der Neugründung, dem Wiederbeginn ganz unten, spielt der AFC Wimbledon, moralischer Nachfolgeverein des FC Wimbledon, am Samstag (13.45 Uhr MESZ) gegen die Bristol Rovers sein erstes Spiel in einer Profiliga.

Um die Bedeutung dieses Spiels zu erklären, muss die Geschichte des Vereins erzählt werden. Der finanziell gebeutelte FC Wimbledon wurde 2002 an einen Geschäftsmann aus Milton Keynes verkauft, der den Klub in die rund 100 Kilometer vom Londoner Stadtteil Wimbledon entfernte Stadt übersiedelte. Zur allgemeinen Überraschung erlaubte der englische Verband die Übersiedlung, die Fans des 1889 gegründeten Traditionsvereins, immerhin Sieger des FA-Cups 1988, standen auf einen Schlag ohne Klub in der näheren Umgebung da.

Kurzerhand gründeten sie den AFC, mit dem sie die Fußballtradition in Wimbledon aufrechterhalten wollten und in der untersten Liga des englischen Ligensystems einstiegen. Nach fünf Aufstiegen in Folge ist der AFC nun in der League Two, der vierthöchsten Spielklasse und untersten Profiliga der englischen Ligenpyramide, angelangt.

"Beim Blick zurück verspüre ich extremen Stolz auf alle, die beteiligt waren. Und Verwunderung, dass wir es geschafft haben, irgendwie", sagt der Geschäftsführer Erik Samuelson. Über die seinerzeitige Entscheidung der Verbandskommission können sich die Offiziellen noch heute aufregen. "Das war schwachsinnig", sagt Samuelson. Zumal die Kommission zusätzlich der Meinung war, dass die Gründung eines neuen Klubs "nicht im Interesse des Fußballs" war, wie es damals hieß. "Diese Leute verstehen Fußball nicht", meint Samuelson.

Europaweites Vorbild

Verbieten konnte den Fans die Neugründung trotzdem keiner. Der Verein wurde damit zu einer Art Role-Model für enttäuschte Fans in ganz Europa. Wimbledon gehört einer Fanstiftung mit rund 2500 Mitgliedern, Schulden sind tabu. Drei Jahre später gründeten Manchester-United-Fans, die die über Schulden finanzierte Übernahme des Klubs nicht akzeptieren wollten, ihren eigenen FC United of Manchester. Der Verein geht nun in seine vierte Saison in der siebenten Liga, sorgte im vergangenen Winter aber im FA-Cup für Aufsehen. Auch die Austria-Salzburg-Fans, die sich nach der Red-Bull-Übernahme vom Klub lossagten, gründeten ihren Verein, mittlerweile ein Spitzenklub in der Regionalliga, nach dem Vorbild von Wimbledon.

Das Ideal ist seinen Nachahmern aber nicht nur in Sachen Profiligen-Zugehörigkeit voraus. Sein kleines, anachronistisches Heimstadion (knapp 5200 Plätze) hat Wimbledon bereits 2003 erworben. In der League Two ist es das viertkleinste Stadion, doch mit dem Zuschauerschnitt aus der vergangenen Saison (3400) würde Wimbledon auch in der League Two im Mittelfeld liegen.

Doch das Stadion ist auch eine fixe Basis, die irgendwie zum Image des Vereins passt. Trainer Terry Brown arbeitet "zwischen elektrischen Sicherungskästen, einer farbbespritzten Leiter und anderen Platzwart-Utensilien. Sein Schreibtisch ist ein winziger Tisch zwischen drei Stühlen auf nacktem Beton. Licht kommt von einer Reihe kleiner Fenster knapp unter der Decke." So beschreibt der "Independent" das Büro, "es ist nicht ganz wie bei Alex Ferguson", meint Brown selbst.

Der 59-Jährige fühlt sich dennoch äußerst wohl. Auch für ihn ist es - einen Tag nach seinem Geburtstag - das erste Spiel in einer Profiliga, seit 2007 ist er bei Wimbledon und führte den Klub seither zu drei Aufstiegen. Mit einem weitgehend unveränderten Kader - zwei Abgänge und vier Neuankömmlinge - geht er ins erste Profijahr, die Identifikation der Spieler mit dem Klub ist für ihn ein echtes Kriterium. "Ganz am Anfang haben hier Spieler gespielt, die trinkfester als die Fans waren. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Spieler sollen keinen Zweifel haben, wer ihren Lohn bezahlt", sagt Brown. Es sind in erster Linie die Fans. Das setzt dem Verein natürliche Grenzen. "Es wird interessant zu sehen sein, ob wir heuer schon die gläserne Decke erreichen", erklärt Brown. Denn, "ein Klub, der so wie wir geführt wird, hat einen Plafond", sagt er. Fußballromantiker hören das nicht gerne. Doch noch ist der Plafond ja nicht erreicht.