London.

Liverpool-Fans vor der Gedenkstätte der Hillsborough-Katastrophe, die den Fußball in England veränderte. Die Unruhen wecken Erinnerungen an jene Zeit. - © © Jon Buckle/BPI/Corbis
Liverpool-Fans vor der Gedenkstätte der Hillsborough-Katastrophe, die den Fußball in England veränderte. Die Unruhen wecken Erinnerungen an jene Zeit. - © © Jon Buckle/BPI/Corbis
(sir/apa) Dort, wo die Unruhen begannen, wo die ersten Steine flogen, Glasscheiben zu Bruch gingen, Autos und Häuser in Flammen standen, genau dort sollte am Samstag Tottenham zum Auftakt der Premier League Everton empfangen, in der Londoner High Road. Am Donnerstag wurde das Spiel aufgrund von Sicherheitsbedenken abgesagt. Die Aufräumarbeiten in der High Road, wo das Stadion steht, sind noch nicht abgeschlossen.

Alle übrigen Spiele im Raum London, in Birmingham, Manchester und Liverpool, wo es ebenfalls nächtens zu Ausschreitungen und Plünderungen kam, sollen plangemäß stattfinden, auch wenn die supersaubere Unterhaltungsmaschine Premier League dieser Tage wie eine Themenverfehlung wirkt.

Das war vor 30 Jahren ganz anders. Da tobten innerhalb der Stadien die Gewalt und der Vandalismus. Ausschreitungen gehörten zur Folklore des britischen Fußballs, der damals noch so richtig working class war. Die Katastrophen und Randalenakte der 80er Jahre hatten aber zu strengen Gesetzen und Hausordnungen geführt, die Ticketpreise wurden deutlich angehoben, um die Umbauarbeiten in den Stadien zu finanzieren. Die Folge war ein fast kompletter Austausch der Zuschauerschicht.

Wer heute ein Spiel Tottenhams sehen will, muss mindestens 31 Pfund (36 Euro) bezahlen. Aber auch nur, wenn der Gegner Swansea oder Stoke City heißt. Wenn Chelsea kommt, geht unter 47 Pfund (54 Euro) nichts. Für jene Jugendlichen, die sich in der Nacht Straßenschlachten mit der Polizei liefern und Fernsehgeräte aus den Geschäften tragen, ist das wohl kaum leistbar.

"Keine Perspektiven"


Ein ursächlicher Zusammenhang wird zwar kaum zu konstruieren sein, doch macht es wieder überdeutlich, wie sich die Premier League und wie sich England in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftlich entwickelt haben. Der Fußball ist auf der Insel ja doch etwas mehr als nur ein Spiel.

Paul Scharner lebt seit Jahren in England, er hat für Wigan gespielt und ist nun bei West Bromwich unter Vertrag und wohnt in Birmingham. "Es ist die Wut von jungen Menschen, die fast keine Perspektive haben, irgendetwas zu erreichen", sagt Scharner, der mit seinem Klub am Sonntag auf Titelverteidiger Manchester United trifft.

Auch in Birmingham war es zu schweren Unruhen kam. "Im Stadtzentrum, wo ich normalerweise einkaufe oder essen gehe, ist sehr viel zerstört", erzählt er.

Doch Scharner hält nichts von der Darstellung der englischen Politiker und Sicherheitsbeamten, wonach es sich bei den Randalierern um klassische Verbrecher handelt. "In England wird gekürzt, wo es nur geht. Es fehlt hinten und vorne an Arbeitsplätzen und einem sozialen Netz. Da reicht ein Funke, dass alles eskaliert und Dampf abgelassen wird."