Astana. (sir) Es war offenbar pures Glück, dass Österreich Aserbaidschan so klar beherrscht und 4:1 gewonnen hat. Zumindest sah es so die Expertenrunde, die der ORF zur Nachbesprechung in sein neues Fußballstudio eingeladen hatte. Nach so wenigen Trainingseinheiten und im allerersten Spiel könne man noch nicht die Handschrift eines Trainers erkennen, klärte Chefanalytiker Herbert Prohaska die Zuschauer auf. Als langjähriger Teamchef muss er es wissen.

Dass Willi Ruttensteiner in den Tagen vor der Partie in Bad Tatzmannsdorf das sofortige, Barcelona-artige Pressing bei Ballverlust am gegnerischen Strafraum gezielt trainierte und genau so eine Situation, ein früh abgefangener Ball von David Alaba, zum 2:0 geführt hat, kann man also nicht als Handschrift des Trainers interpretieren, man muss es offenbar als Glück bewerten. Und dass ausgerechnet der von Didi Constantini nicht berücksichtigte Andreas Ivanschitz und der zum Non-Playing-Captain avancierte Marc Janko die spielentscheidenden Figuren in diesem Schauspiel in Baku waren, war offenbar auch Zufall.

Doch, höre da, auch Ruttensteiner selbst erklärte geradezu demütig: "Ich maße mir nicht an zu sagen, dass das meine Handschrift war." Aber vielleicht meinten Prohaska und Ruttensteiner mit dem Begriff Handschrift ja auch etwas anderes. Denn tatsächlich ist es ein langer Prozess, bis eine Mannschaft konstant so spielt, wie es sich ein Trainer vorstellt, bis etwa das Pressing nicht nur einmal klappt, sondern immer. Oder bis das ebenfalls gezielt geübte Flügelspiel, mit dem Ruttensteiner die Abschlussstärke Jankos ausnützen wollte, auch wirklich zu sehen ist, und nicht nur ein kläglicher Ansatz davon. Vermutlich war es nicht mehr als eine Idee, die in Baku zu sehen war. Doch eine Idee einer klaren Handschrift ist scheinbar erfolgreicher als ein unleserliches Gekritzel wie unter Constantini.

Und seine Vorstellungen konnte Ruttensteiner scheinbar besser vermitteln. Er lebte den Spielern jene Professionalität vor, die jeder Trainer von gut bezahlten Fußballern erwartet. Der Interimsteamchef hat versucht, alle nur erdenklichen Details zu optimieren. Man hat auf Kunstrasen getestet und dabei das Grün mit Wasser bearbeitet, wie es auch in Baku und Astana erwartet wurde, man ist der Problematik der Zeitumstellung kreativ begegnet und hat den Spielern im Hotel einen Gemeinschaftsraum geschaffen, damit nicht jeder in seinem Zimmer hockt. Die Spieler konnten gar nicht anders, als da mitzuziehen.

Probleme als Favorit

Und vermutlich war das auch der Hauptgrund für den Sieg und der große Unterschied zu Auftritten in der Vergangenheit. Denn seit ungefähr Prohaskas Zeiten schien es den Österreichern gegen schwächere Mannschaften unmöglich, das Spiel zu gestalten und den Gegner wirklich unter Druck zu setzen. So war es daheim gegen die Aseris oder Kasachen, gegen Litauen, die Färöer, San Marino oder Moldawien. So war es aber nicht am Freitag.

Doch kaum ist das eine Hindernis bezwungen, wartet für das Nationalteam schon das nächste. Am Dienstag (18 Uhr/ORF1) folgt der Auftritt in Astana gegen Kasachstan, wieder auf Kunstrasen. Da solche Partien, wie nicht zuletzt das 4:1 in Baku bewies, im Kopf gewonnen (oder verloren) werden, die Lauf- und Einsatzbereitschaft wieder so hoch sein muss, wird Ruttensteiner seinen Kickern wieder jene Ernsthaftigkeit eintrichtern müssen, wie ihm das im Vorfeld des Aserbaidschan-Matches gelungen ist.

"Wir müssen wieder drei Punkte einfahren, sonst war der Sieg in Baku wertlos", sagte Paul Scharner, der die Kasachen als "verdient Letzte" in dieser Qualifikations-Gruppe bezeichnete. Dennoch hatte sich Österreich zum 2:0 gemüht. Beide Tore waren erst in der Nachspielzeit gefallen. Handschrift? Wohl nur Glück.