Wien. (sir/apa) Dank Facebook kann man Marcel Koller beim Zuschauen zuschauen. Es ist ein Video mit endenwollender Dramatik. Es zeigt den designierten ÖFB-Teamchef vor einer Großbildleinwand, auf der die Übertragung des torlosen Remis in Kasachstan flimmert. Koller macht sich Notizen und gibt gelegentlich Laute von sich: "Uaaah", "Jajaja", "Tssss", "Booaah". Was meint er damit? Wie ist das zu deuten? Bei der vergebenen Chance von Marko Arnautovic klopft er auf den Tisch. Warum? Wieso? Hat Arnautovic jetzt noch ein Leiberl? Und weiß Koller überhaupt schon, was ein Leiberl ist?

Die EM-Qualifikation ist am Dienstag für 51 Länder zu Ende gegangen, zehn davon haben sich für die Euro 2012 in Polen und der Ukraine qualifiziert, weitere acht dürfen noch hoffen. Österreich hofft zwar immer, und das aus Prinzip, allerdings müssen sich die Hoffnungen schon auf die kommende Qualifikation richten, in der unangenehmerweise die überragenden Deutschen und die ebenfalls qualifizierten Schweden Gegner sind. Irland hat es zwar noch nicht zur EM, aber immerhin einmal ins Play-off geschafft.

Die schwere Auslosung drückt dann auch etwas die Hoffnung, zumindest jene bei ÖFB-Präsident Leo Windtner. "Für 2014 wird es schwierig, weil wir keine leichte Gruppe haben. Doch wir wollen zu einer Kontinuität, durch die wir der Qualifikation näher kommen. Entscheidend ist, dass man erkennt, dass eine Teilnahme möglich ist." Zwei Jahre darauf folgt dann wieder die EM, die dann mit 24 statt mit 16 Mannschaften in Frankreich gespielt wird. "Wenn Österreich da nicht vertreten ist, wäre das fatal."

Den Spielern kann es dagegen kaum früh genug sein. "Ich sage sicher nicht, dass wir noch Zeit brauchen. In der nächsten Qualifikation geht’s los, da ist jeder gefragt", sagt Stürmer Marc Janko. Seine Ungeduld ist begründbar. 2016 könnte für ihn zu spät kommen, er wäre dann ebenso wie Emanuel Pogatetz 33 Jahre alt. Ivanschitz wäre 32, Paul Scharner sogar 36. Für Scharner, der vor der EM zwischenzeitlich zurücktrat, weil er keine professionellen Bedingungen im Team vorfand, wäre 2014 wohl die letzte Chance.

Die Hoffnung der Spieler gilt vor allem dem neuen Teamchef. "Wir haben in der EM-Qualifikation die Erkenntnis gewonnen, dass es so, wie es war, nicht funktioniert. Aber jetzt weht schon ein anderer Wind", sagt Co-Kapitän Christian Fuchs.

Große Vorfreude

Die heutige Spielergeneration fordert optimale Voraussetzungen und höchste Professionalität im Nationalteam. Genau das haben die im Ausland an andere Gegebenheiten gewohnten Spieler in den vergangenen Jahren vermisst. Die Aufbruchstimmung innerhalb der Mannschaft dürfte sehr viel mit Koller, seinem guten Ruf in der Branche und den angekündigten Reformen in der Nationalmannschaft zu tun haben. "Wir haben neue Schritte in die richtige Richtung gesetzt. Man erkennt schon eine Handschrift. Gewisse Abläufe haben in Aserbaidschan und auch in Kasachstan funktioniert", sagt Fuchs. Und Teamkollege Andreas Ivanschitz ergänzt: "Es beginnt eine neue Ära, und alle freuen sich darauf."

Am kommenden Dienstag wird Koller nach Wien kommen und erstmals mit Sportdirektor Willi Ruttensteiner konkret über die Änderungen und über seinen Betreuerstab diskutieren. "In den nächsten Wochen werden die strukturellen Weichen gestellt", erklärt Windtner. Gemeinsam mit dem Sportdirektor soll Koller eine Spielphilosophie kreieren, die dann - bei aller taktischer Flexibilität - für alle Auswahlmannschaften gültig sein wird. "Da erwarte ich mir stark Kollers Handschrift", sagt Windtner.

Es ist anzunehmen, dass Kollers Spielprinzipien nicht völlig anders aussehen werden als das, was Ruttensteiner bei den beiden jüngsten Partien zu etablieren versuchte: initiatives Spiel, Pressing, Angriffe über die Seiten, hoch stehende Abwehr. So ließ der Schweizer auch bisher seine Mannschaften agieren. Die Kernfrage ist, wie schnell Ergebnisse seiner Arbeit sichtbar werden. "Eine Garantie für Resultate kann man nie abgeben, aber zumindest eine Garantie, dass gut gearbeitet wird", sagt Windtner, der sich einiges nach der Wahl Kollers hat anhören müssen.

"Manche Reaktionen waren in dieser Form nicht zu erwarten, aber bestätigen nur die Richtigkeit dieser Entscheidung", sagt der ÖFB-Chef. Allzu lange hat man im eigenen Saft geschmort und hat auf die Immergleichen gehört. Das Ergebnis ist eindeutig. Seit 1998 hat man die Warteschlange vor großen Turnieren nicht mehr verlassen. Es ist wohl höchste Zeit, für etwas Neues.