Amsterdam. (man) Bei Ajax Amsterdam gäbe es im Moment eigentlich genug sportlichen Gesprächsstoff. Nach dem 0:0 bei Olympique Lyon in dieser Woche steht die Mannschaft erstmals seit sechs Jahren im Achtelfinale der Champions League. Es ist ein erster Erfolg in einer bisher nicht nach Wunsch verlaufenen Saison. In der Meisterschaft liegt Ajax nach dem Titelgewinn in der vergangenen Saison nur auf Rang vier, der Rückstand auf Tabellenführer AZ Alkmaar beträgt bereits zehn Punkte. Doch auch die bescheidenen Leistungen in der heimischen Meisterschaft regen die Ajax-interessierte Öffentlichkeit im Moment nur am Rande auf.

Ein Machtkampf, der um die Führung des Klubs tobt, überdeckt aktuell alle sportlichen Fragen. Vom gastkommentierenden Kunstdozenten bis zum singenden Fan in der Fankurve hat jeder eine Meinung, wie es mit dem Klub weitergehen soll und vor allem, wer ihn führen soll. Denn der Machtkampf lässt sich vordergründig auf zwei Personen reduzieren: Johan Cruyff, Ajax-Legende im Speziellen und Holland-Ikone im Allgemeinen, und Louis van Gaal, für seine Unnachgiebigkeit bekannter Erfolgstrainer, der Ajax zum bisher letzten Champions-League-Triumph geführt hat.

Streit im Aufsichtsrat


Dass die beiden schillernden Persönlichkeiten nur schwer zusammenarbeiten könnten, ist so ziemlich das Einzige, worüber im Moment Klarheit herrscht. Begonnen hat die von Medien auf "Ajax Soap" getaufte Posse damit, dass vier Aufsichtsratsmitglieder hinter dem Rücken ihres Kollegen Cruyff, der gerade in Barcelona, der Heimat seines zweiten Herzensklub weilte, Louis van Gaal als Generaldirektor installierten. Die Reaktion von Cruyff war unmissverständlich: "Die sind wohl verrückt geworden. Sie haben den Klub in Brand gesteckt." Es ist nicht der erste Konflikt im heuer neu formierten Aufsichtsrat, aber der bisher heftigste. Cruyff wurde von einem Aufsichtsratkollegen Rassismus vorgeworfen, weil er zum Ex-Profi Edgar Davids während einer Sitzung gesagt haben soll: "Du sitzt nur hier, weil du schwarz bist." Cruyff weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet die Aussage als aus dem Zusammenhang gerissen.

Die Zahl seiner Unterstützer hat das nicht verringert, im Stadion gab es bereits Sprechchöre für ihn, auch die sportliche Führung hat sich auf seine Seite geschlagen. Cruyff trat im Sommer mit dem Ziel an, als Aufsichtsrat den Klub zu reformieren. Bereits zum zweiten Mal droht er nun nach der Bestellung Van Gaals, der Anfang Jänner sein Amt antreten soll, allerdings mit Rückzug. So gibt es beim niederländischen Vorzeigeklub statt Reformen Streitereien. Der Interimsvorstand trat nach der Posse um die Van-Gaal-Bestellung zurück. Noch im November soll ein neuer Vorstand gewählt werden. Die begleitenden Diskussionen werden sich wohl nicht nur um die neuen Vorstandsmitglieder drehen.