Wien. "Er war so fröhlich am Telefon gestern. Wir haben zusammen gelacht und über Fußball geredet", schrieb der ehemalige Teamkollege Robbie Savage auf "Twitter". Es muss ein paar Stunden nach diesem Telefonat gewesen sein, dass Gary Speed, 42, und seit einem Jahr Teamchef von Wales, in die Garage ging und sich das Leben nahm.

Speed hatte für Leeds, Everton, Newcastle und Bolton fast 600 Partien in der Premier League absolviert, er war damit sogar einige Zeit Rekordhalter der Premier League, bis er vor zweieinhalb Jahren von seinem walisischen Landsmann Ryan Giggs überholt wurde. Gemeinsam waren sie über viele Jahre Aushängeschilder des walisischen Nationalteams. "Ich bin komplett zerstört. Er war einer der nettesten Männer im Fußball", sagte Giggs.

Die britische Öffentlichkeit reagierte mit völliger Fassungslosigkeit auf den Freitod Speeds. Bei den Sonntagspartien in England weinten einige Spieler bei den abgehaltenen Trauerminuten, Speed zählte auf der Insel zu den großen Persönlichkeiten des Sports.

Über die Umstände und Ursachen seines Selbstmords ist bisher nichts bekannt geworden, doch die Vermutung, dass Speed an Depressionen erkrankt war, liegt nahe. "Etwa 95 Prozent aller Suizide hängen mit Depressionen zusammen", sagt Siegfried Kasper, der Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Allgemeinen Krankenhaus Wien.

Seit dem Freitod von Robert Enke vor zwei Jahren ist das Thema Depression auch im Fußball angekommen. Seither haben einige Spieler und Trainer öffentlich bekannt, unter depressiven Erkrankungen zu leiden oder gelitten zu haben. Ralf Rangnick hat seinen Posten als Schalke-Trainer wegen eines Burn-out zurückgelegt, Martin Fenin von Cottbus hat sich wegen psychischer Probleme eine Auszeit genommen, ebenso der Ersatztorwart von Hannover, Markus Miller.

Und auch in England war das Thema just in den vergangenen Tagen in den Medien breit vertreten, nachdem der deutsche Schiedsrichter Babak Rafati vor einer Woche einen Selbstmordversuch unternommen hat und der ehemalige englische Teamspieler Stan Collymore via "Twitter" bekannte, seit Tagen unter schweren Depressionen zu leiden.

Kein auffälliger Anstieg

Die Häufung mag auffällig sein, doch Kasper glaubt nicht, dass es im Fußball einen überproportionalen Anstieg von depressiven Erkrankungen gibt. "In der Umgebung des Sports hat man die gleichen Zahlen wie in der Umgebung von Nicht-Sportlern." Sehr wohl verzeichnet die Wissenschaft aber einen generellen Anstieg von Depressionen, "und im Sport spiegelt sich das wider", sagt er. "Das Erfreuliche aber ist, dass die Suizidraten seit 20 Jahren zurückgehen", sagt Kasper.

Depressionen sind gesellschaftlich kein Tabu mehr, und das hilft den Betroffenen. Doch Kasper würde sich noch weit mehr Akzeptanz wünschen. "Als Psychiater wäre ich glücklich, hätte die Depression den gleichen Stellenwert wie der Herzinfarkt. Denn wenn jemand mit 60 Jahren einen Herzinfarkt hat, heißt es, er hat sich abgearbeitet, bei Depressionen ist man ein Weichei." Und genau das, ein Weichei, darf man im Fußball nicht sein. Das ist existenzgefährdend. Und es ist wohl ein Grund, warum es sehr lange gedauert hat, bis auch in diesem Umfeld Depressionen zum Thema geworden sind.

Dass der Stressfaktor im Fußball deutlich zugenommen hat, ist aber kaum von der Hand zu weisen. Der Leistungsdruck ist hoch, ebenso ist es die Bezahlung. Man kann viel gewinnen, aber eben auch sehr viel verlieren. "Zu Zeiten eines Sindelar sind die Spieler einem Laberl nachgejagt, haben nachher ein Lokal aufgemacht und waren damit auch glücklich." Bei Fußballern heute ist der Unterschied zwischen der Karriere und der Zeit danach bedeutend größer. Dazu kommt, dass die heutige Generation von frühester Kindheit an zum Profi getrimmt wird. Daneben gibt es kaum Raum und Zeit für anderes. "Eindimensionalität ist für jede Erkrankung schlecht, für seelische wie körperliche", sagt Kasper.

Wie offen im Sport, insbesondere im Fußball, mit dem Thema umgegangen wird, ist für die Behandlung von Betroffenen von großer Bedeutung. Der Selbstmord von Robert Enke hat dazu geführt, dass sich die Vereine mit der psychischen Verfassung ihrer Spieler auseinandergesetzt haben. Hannovers Torwart Markus Miller hat Anfang November von sich aus die Öffentlichkeit über seine Depressionen informiert und sich in stationäre Behandlung begeben. Vor einer Woche hat er das Training wieder aufgenommen.