São Paulo.

Eleganz, verteilt auf 1,92 Meter: Sócrates war einer der prägenden Spieler der Achtziger Jahre, ein großer Erfolg blieb ihm aber verwehrt. Zumindest mit der Seleção. - © Bob Thomas/Getty Images
Eleganz, verteilt auf 1,92 Meter: Sócrates war einer der prägenden Spieler der Achtziger Jahre, ein großer Erfolg blieb ihm aber verwehrt. Zumindest mit der Seleção. - © Bob Thomas/Getty Images
Im Jahr der großen Enttäuschung erlebte der Fußballspieler Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira seinen schönsten Moment. Am 5. Dezember 1982 gewann er mit seinem Klub Corinthians die Meisterschaft von São Paulo. So wie drei Jahre zuvor. Doch damals war es einfach ein Titel, diesmal aber war es eine kleine Revolution. Und deshalb wäre für Sócrates wohl auch ein WM-Triumph in jenem Jahr 1982 kein schönerer Moment gewesen als diese Meisterschaft mit den Corinthians.

Bei der WM in Spanien war Sócrates der Kapitän einer der besten brasilianischen Mannschaften, die je gespielt haben. Doch sie scheiterte in der Zwischenrunde an Italien, und wohl auch an sich selbst; so wie die Holländer um Johan Cruyff 1974 gescheitert waren oder die große ungarische Mannschaft mit Puskás, Kocsis und Hidegkuti 1954. Diese Seleção 1982 hatte einfach zu viel spektakuläre Qualität, und es wäre eine Verwerfung gewesen, diese durch Nebensächlichkeiten wie Defensivarbeit einzuschränken. "Ein Sieg ist zweitrangig, was wirklich zählt, ist die Freude", sagte Sócrates einmal.

Auf seinen Verein Corinthians traf das nicht zu, da zählte der Sieg. Der Sieg über die Gegner, vor allem aber: der Sieg seines Projekts "Democracia Corintiana". Anfang der Achtziger hatte Sócrates durchgesetzt, dass der Verein basisdemokratisch geführt wird. Vor jeder Entscheidung, von den Trainingszeiten bis zu Spielerverpflichtungen, wurde abgestimmt. Jeder hatte eine Stimme, der Reservist genauso wie der Präsident. Das Jahr 1982 bestritten die Corinthians mit dem Aufdruck "Democracia" auf dem Rücken und ernteten dafür heftigen Widerstand der seit 1964 herrschenden Militärdiktatur.

"Ich war zehn, als das Militär putschte, und erinnere mich, als mein Vater seine Bücher über Bolschewiken verbrannte. Das hat mich politisiert. Ich hatte meine Augen immer auf die soziale Ungerechtigkeit im Land gerichtet. Zufällig war ich halt gut im Fußball", erzählte er einmal in einem Interview mit der Zeitung "The National". Seine große Fußballkarriere passierte Sócrates eher, als er sie plante.

Nach der Schule studierte er Medizin, statt Profi zu werden. Er verzichtete auf die WM 1978, um sein Studium zu beenden, erst dann, mit 24, war er bereit für das Fußballgeschäft. Er schloss sich den Corinthians an, natürlich einem Arbeiterverein. Zwei Jahre später war er Kapitän der Seleção.