Bukarest. (art/apa) Das mit dem rein spanischen Finale hören sie in Bilbao gar nicht gerne. Der in der Hafenstadt ansässige Verein Athletic, der am Mittwoch (20.45 Uhr) in Bukarest gegen Atlético Madrid zum Finale der Europa League antritt, hält etwas auf seine Traditionen - und die besagen nun einmal, dass es sich um einen baskischen Verein handelt. Um das zu untermauern, werden nur baskische Spieler verpflichtet, wobei es manchmal auch ein baskischer Großonkel tut. Ganz so heikel kann man dann in einem Gebiet, das mit dem spanischen und französischen Teil auf gerade einmal drei Millionen Einwohner kommt, von denen gar nicht alle die Sprache beherrschen, auch nicht sein.

Überhaupt ist das mit den Traditionen so eine Sache. Denn so rein baskisch war der Verein nicht immer. Er wurde 1898 gegründet, nachdem britische Hafenarbeiter den Fußball populär gemacht hatten, die Affinität zu England, dessen Fußball-Stil auch lange Zeit das Auftreten der Mannschaft prägte, schlägt sich bis heute im Vereinsnamen nieder. Anfangs spielten Briten, Basken und Akteure aus anderen Teilen Spaniens gemeinsam in einer Mannschaft. Als sich Bilbao dann seine freiwillige Selbstbeschränkung verpasste, gründeten einige Madrilenen, die vorher beim Klub waren, eine Athletic-Dependence in der Hauptstadt: den heutigen Verein Atlético Madrid, der sich ursprünglich ebenfalls der englischen Schreibweise bediente.

Die Tradition verbindet die beiden Finalgegner also, auch wenn die Geschichten der Vereine eine gänzlich andere Entwicklung nahmen. Denn Atlético wurde nach dem Spanischen Bürgerkrieg von Francisco Franco vereinnahmt, mit dem Team der Luftwaffe zusammengelegt und der Name zwischenzeitlich auf "Atlético Aviación" geändert. Erst mit den Erfolgen des Lokalrivalen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wandte sich Franco dann eher Real Madrid zu. Athletic Bilbao sah sich dagegen stets als Hort des Widerstandes.

Ein Verrückter auf der Bank

Die politischen Rahmenbedingungen haben sich freilich geändert, die Bedeutungen der Klubs als Identitätsstifter für ihre Fans nicht. In Bilbao sah man es daher auch äußerst skeptisch, als in Marcelo Bielsa im vergangenen Jahr ein argentinischer Trainer engagiert wurde, der den Beinamen "el Loco", "der Verrückte", trägt, wenig von dem konservativen Fußball, der bei dem Verein gespielt wurde, hielt und das auf Raumgewinn ausgerichtete Kombinationsspiel à la Barcelona etablieren wollte. Der Erfolg - zumindest in der Europa League - gibt Bielsa, der zuletzt auch als Nachfolgekandidat für Pep Guardiola bei Barça gehandelt wurde, recht.

Ein argentinischer Trainer ist übrigens eine weitere Parallele der beiden Finalisten, Atlético wird von Diego Simeone gecoacht. Die Vereinsphilosophien könnten dagegen nicht unterschiedlicher sein: Während Bilbao wegen der Weigerung, nicht-baskische Spieler zu holen, weitgehend auf seine gute Nachwuchsabteilung angewiesen ist, greift man in Madrid gerne einmal tiefer in die Tasche: Im Sommer überwies man 40 Millionen an den FC Porto, um Stürmerstar Falcao zu Atlético zu lotsen. Bei Athletic heißen die Topstars Fernando Llorente und Iker Muniain. Der 19-Jährige wird von halb Europa umworben, noch konnte er den Angeboten stets widerstehen. Doch bei einem Europa-League-Triumph wird er wohl nur schwer zu halten sein. Und Bilbao wird sich um neue baskische Talente umsehen müssen. Der Markt ist überschaubar.