Donezk. Oleg Blochin war geladen, so richtig heiß-haaß-bes, wie Hans Krankl sagen würde. Nach dem Aus der Ukraine gegen England (0:1) drohte er einem Journalisten gar Prügel an, und den Schiedsrichtern warf er vor: "Sie haben uns ein Tor gestohlen." In gewisser Weise stimmt das auch, der abgefälschte Schuss von Marko Devic, den John Terry spektakulär klären konnte, passierte die Torlinie zur Gänze, das zeigten die TV-Bilder.

Doch dass der Treffer nicht zählte, war durchaus korrekt, denn der Aktion vorangegangen war ein klares Abseits. Man kann dem ungarischen Schiedsrichter Viktor Kassai freilich vorwerfen, das Tor aus den falschen Gründen nicht anerkannt zu haben, doch die Tatsache bleibt: Der Treffer war irregulär. Oder auch irreregulär, wie Krankl einwenden würde.

Fifa fordert Technologie

Die Uefa gestand in Person von Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina den Fehler ein, doch Collina wies auch auf zwei andere Szenen bei der Euro hin, in denen die Torrichter richtig entschieden haben. Für die Uefa ist der Fehler insofern unangenehm, da sie gegen die von der Fifa geforderten technischen Hilfsmittel ist. Am Tag vor dem Spiel hatte Platini sogar noch einmal extra die Schiedsrichter gelobt, die ihre Partien fast durchwegs hervorragend geleitet haben. Dass die Spiele flott sind, ist auch der Verdienst der Referees, die viel laufen lassen, durchaus Körpereinsatz erlauben, und auch sonst traten die Schiedsrichter souverän auf. "Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball", sagte Platini.

Fifa-Chef Sepp Blatter nutzte die Gunst der Stunde und erklärte die Einführung von Torlinientechnologie zu einer "Notwendigkeit". Am 5. Juli soll das International Football Association Board (Ifab), das Entscheidungsgremium in Regelfragen, eine Entscheidung treffen. Im Prinzip hat sich das Ifab bereits auf die Installierung einer Technologie geeinigt, offen ist, ob man auf einen mit einem Chip versehenen Ball oder auf eine Torkamera (Hawk-Eye) vertrauen will. Beides wird gegenwärtig noch getestet.

Doch die Torszene im Ukraine-England-Spiel wirft ganz andere Fragen auf. Wenn der Schiedsrichter per Video sieht, dass der Ball hinter der Linie ist, er aber auch sieht, dass der Pass zuvor abseits ist, müsste er den Treffer dennoch geben. Denn der Videobeweis von Abseits-, Foul- oder Handsszenen wird nicht einmal bei der Fifa diskutiert, zu groß ist der Ermessensspielraum.

Viele Fragen offen

Unmittelbar nach der Rettungstat von Terry und ohne Spielunterbrechung fuhren die Engländer einen Konter, der zu einem Freistoß geführt hat. Doch angenommen aus dem Konter wäre ein Tor gefallen. Dann hätte der Schiedsrichter erst bei der folgenden Unterbrechung die erste Szene begutachten können, auf Tor für die Ukraine entscheiden und das Kontertor aberkennen müssen.

"Es kann zu skurrilen Situationen kommen", sagt Ex-Schiedsrichter und ORF-Experte Thomas Steiner, der dem Einsatz von technischen Hilfsmitteln aber prinzipiell positiv gegenübersteht. "Aber es muss wirklich gut vorbereitet sein." Die Technologie müsste dem Referee sofort anzeigen, ob der Ball hinter der Linie ist oder nicht, jede nachträgliche Begutachtung könnte zu eben diesen skurrilen Situationen führen.

Johann Hantschk, ÖFB-Schiedsrichter-Chef, glaubt an die Einführung der Technologie, allerdings nur bei großen Turnieren, da diese sehr teuer ist. "Es hat den Veranstalter getroffen, die Aufregung ist groß, und aus diesem Druck heraus wird das wohl beschlossen werden", sagt Hantschk. Schiedsrichter Kassai wird bei dieser EM jedenfalls kein Spiel mehr pfeifen. Dabei lag er im Endeffekt richtig: Es war kein Tor, es war Abseits.