Warschau. Sie sollen nach hinten arbeiten, richtig stehen - aber vor allem müssen sie treffen: die Mittelstürmer. Bei der Fußball-EM in Polen und der Ukraine ziehen Fernando Torres, Mario Gómez und Kollegen die Blicke auf sich. Und mit ihren Toren haben sie bewiesen, dass sie keineswegs eine bedrohte Spezies, sondern noch immer unverzichtbar für jedes Team sind.

Spaniens Weltmeister-Coach Vicente Del Bosque hatte es zum Turnierauftakt gegen Italien (1:1) ohne gelernten Angreifer versucht - diese Entscheidung aber gleich in der zweiten Partie gegen Irland (4:0) wieder revidiert. Fernando Torres dankte es ihm mit zwei Treffern und hat seither wieder seinen Platz in der Stammformation des Titelverteidigers sicher. Gegen Kroatien hatte Torres aber vorzeitig vom Feld müssen, Del Bosque ließ wieder ohne echten Stürmer spielen, und gegen Kroatien klappte es auch mit dieser Variante.

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Der pfeilschnelle Torres von Champions-League-Sieger Chelsea ist das beste Beispiel für die Gattung des klassischen Mittelstürmers, die bei dieser Europameisterschaft im Fokus steht. Torres hatte mit seinem Goldtor im Finale in Wien bereits beim spanischen EM-Triumph 2008 eine Hauptrolle gespielt. Das deutsche Team vertraut indessen auf Mario Gómez, und die Engländer hoffen im Viertelfinale gegen Italien auf Wayne Rooney, auch wenn dieser eher als hängende Spitze agiert.

Starker Mandzukic

So hatte auch Zlatan Ibrahimovic seine Rolle bei den Schweden angelegt, doch auch er hat, aus dem Rückraum kommend, zwei Tore erzielt. Einen Treffer mehr hat Kroatiens Mario Mandzukic auf dem Konto, der an der Seite von Ex-Rapidler Nikica Jelavic für die Kroaten stürmte. Und auch Jelavic hat bei der Euro einen Treffer erzielt.

Allein diese sechs genannten Angreifer kommen zusammen auf die stattliche Ausbeute von zwölf Treffern nach der Gruppenphase. Torres und Co. verunsicherten auch als Sturmsolisten die gegnerischen Abwehrreihen, banden meist mehrere Verteidiger und schufen so Freiräume in dem bei dieser Euro bevorzugten 4-2-3-1-System für ihre Mitspieler. "Meiner Meinung nach sollte im 16er immer ein Stoßstürmer agieren", sagte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff jüngst. "Ich freue mich darüber, dass Mannschaften erfolgreich sind, die eine zentrale Spitze haben."

Der 44-jährige Ex-Internationale weiß, wovon er spricht: Er war selber ein Weltklassestürmer. Seine Vita ziert unter anderem das Golden Goal im EM-Finale 1996 gegen Tschechien.

Deutschlands Teamchef Joachim Löw hat sogar das Luxusproblem, gleich zwei starke Mittelstürmer in seinem Kader zu haben. Neben dem bisher dreimal erfolgreichen Bayern-Profi Gómez hat er noch die frühere Nummer eins im Sturm, Miroslav Klose, in der Hinterhand.

In einer ausgezeichneten Verfassung zeigte sich Mandzukic. Der 26-Jährige nutzte wie kaum ein Zweiter die EM als Bühne, um sich mit drei Treffern und Gala-Auftritten Topklubs zu präsentieren. "Es geht nicht um mich, sondern um die Mannschaft", erklärte der Kroate bescheiden.

So viel Zurückhaltung ist Ibrahimovic fremd. Die schwedische Diva geht als erster Doppel-Torschütze bei drei EM-Endrunden in die Geschichte ein. Sein spektakulärer Seitfallzieher zur Führung beim letztlich bedeutungslosen 2:0-Sieg über Frankreich war ein echtes Gustostückerl. "So ein Tor von Zlatan sehen wir jeden Tag im Training", lautete der lapidare Kommentar seines Teamkollegen Markus Rosenberg.

Warten auf Benzema

Mit etwas Verspätung verhalf auch Rooney der Mittelstürmer-Gattung zu neuer Blüte bei dieser Europameisterschaft. Bei seinem ersten Auftritt nach einer Rotsperre für die ersten beiden Spiele erzielte der 26-Jährige in bester Abstaubermanier den erlösenden Kopfball-Treffer zum 1:0 gegen die Ukraine.

"Er wird mit jedem Spiel stärker, bekommt mehr Selbstvertrauen. Er ist so wichtig für uns", sagte Kapitän Steven Gerrard über den Manchester-United-Star. Auch Rooney rackert für sein Team. Denn das Anforderungsprofil der Knipser hat sich ohnehin längst verändert. Der lauffaule Torjäger, der nur vorne auf Idealvorlagen lauert, stirbt langsam, aber sicher aus.

Auch Karim Benzema ist so ein Spieler, der sich für seine Mannschaft ins Zeug legt, auch immer wieder aus der Etappe kommt, um, wie in seinem Fall, mit Weitschüssen erfolgreich zu sein. Im Gegensatz zu Polens Robert Lewandowski, zum Dänen Nicklas Bendtner und dem Holländer Robin van Persie hat Real-Star Benzema bisher noch nicht getroffen.

Allerdings ist er mit Frankreich noch im Turnier dabei, während seine treffsichereren Kollegen bereits ausgeschieden sind. Wollen die Franzosen am Samstag gegen Torres’ Spanier eine Chance haben, muss wohl auch Benzemas Stunde bei dieser Euro schlagen.