Donezk. Wie sich die Bilder gleichen. Aus dem Schatten der Verteidiger stürmt der Star heran, und mit einem spektakulären Flugkopfball wuchtet er den Ball ins Netz. Das war 1984, als Michel Platini die Franzosen zum EM-Triumph führte. Und genauso war es im Viertelfinale dieser Euro in Polen und der Ukraine, als Cristiano Ronaldo die Portugiesen gegen Tschechien ins Halbfinale köpfelte. Die beiden Tore sind beinahe identisch.

Cristiano Ronaldo hat rechtzeitig seine Rolle im Nationalteam gefunden. Er spielt nun alle Angriffspositionen auf einmal. - © Sampics/Corbis
Cristiano Ronaldo hat rechtzeitig seine Rolle im Nationalteam gefunden. Er spielt nun alle Angriffspositionen auf einmal. - © Sampics/Corbis

Platini hatte das Turnier in Frankreich in einer Art dominiert, wie es seither keinem anderen Spieler mehr bei einer Europameisterschaft gelang, weder Ruud Gullit vier Jahre später, noch Zinédine Zidane im Jahr 2000. Nur Diego Maradona konnte der WM 1986 seinen Stempel in einer derart beeindruckenden Weise aufdrücken, als hätte er alleine, nicht Argentinien den WM-Titel gewonnen. Maradona erzielte in sieben Partien fünf Tore und bereitete fünf weitere vor, nur an drei Treffer war er nicht beteiligt. Und was für Tore es waren!

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Ronaldo trägt die Last allein

Platini hatte zwei Jahre davor in nur fünf Spielen sogar neun Tore geschossen, bis heute ist das unerreicht. Teamchef Michel Hidalgo war ob der Leistung seines Stars regelrecht fassungslos. "Platini kann einfach alles. Er schießt die Tore links, rechts, mit dem Kopf. Wenn man ihn in der Mannschaft hat, scheint alles leichter. Mit ihm werde ich einfach zum Zuschauer, und er lässt mich große Momente erleben. Er ist Regisseur und Vollstrecker - Technik, Ballkontrolle, Ballverteilung, Positionsgefühl, Timing. Er ist einfach der komplette Fußballer", sagte er damals.

Mit denselben Worten könnte man Cristiano Ronaldo beschreiben, doch dessen Trainer Paulo Bento verweigert seinem Kapitän eine verbale Bevorzugung. "Man sollte nie die Leistung einer Mannschaft auf jene eines Einzelnen reduzieren", sagte Bento.

Die Offenbarung Ronaldos, der zweimal die Stange traf, überall auftauchte, als Flügelspieler, Regisseur und Mittelstürmer agierte, schien Bento ostentativ keine Beachtung schenken zu wollen: den Größten bloß nicht noch größer machen. Dann kam noch eine Frage und noch eine Frage, und wieder ging es nur um Ronaldo. "Wir sprechen über das Team, und ich werde nicht über Einzelspieler sprechen", antwortete Bento. Zwei Minuten später war die Pressekonferenz zu Ende. Natürlich braucht Ronaldo das Team, und natürlich zeigten auch andere Spieler großartige Leistungen wie João Moutinho. Dennoch scheint Portugal nicht wie andere Teams bei der EM eine Elf zu sehen. Portugal ist eine Eins-plus-zehn.

Während früher eine ganze Generation die Last der hohen Erwartungen zu tragen hatte, sich der Druck auf Luís Figo, Rui Costa, Pauleta und João Pinto verteilte, ist nun lediglich Cristiano Ronaldo da, der kraft seines Amtes als Kapitän und einmaliger Weltfußballer die Portugiesen zu ihrem ersten Titel führen soll. Im Halbfinale am Mittwoch (20.45 Uhr) wird eine besondere Leistung von ihm nötig sein, um Europameister Spanien zu bezwingen. "Solche Spiele sind Teil meines Lebens. Ich erlebe es nun bereits seit zehn Jahren und habe mich daran gewöhnt: Verantwortung ja, Druck nein", sagte Ronaldo.

Doch kann man ihm glauben? Kein Druck? Gegen Dänemark hatte Ronaldo Chancen für drei Treffer, doch es ist ihm keiner gelungen. Dabei hatte er alles richtig gemacht: perfekter Laufweg, das richtige Timing, doch vor dem Tor versagte er. Am Können kann’s nicht gelegen haben.

Ronaldo setzt sich auch selbst unter Druck. Dreimal hintereinander wurde Lionel Messi als Weltfußballer auszeichnet, und das liegt dem Narziss im Magen. "Ich glaube, ich bin in Moment besser als er", sagte er kürzlich in einem Interview mit CNN. Messi scheint Ronaldo zu verfolgen, immer diese Fragen zum kleinen Argentinier, und selbst gegen Dänemark war Messi anwesend. Als Fans ständig "Messi, Messi" riefen, wenn er am Ball war, antwortete er nach der Spiel: "Wo war denn Messi vor einem Jahr bei der Copa América? Ausgeschieden!"

Und Messi?

Dieses Jahr ist Ronaldos Chance. Er hat ebenso wie Messi eine unglaubliche Saison gespielt, beide sind aber mit ihren Klubs im Halbfinale der Champions League gescheitert. Dennoch kann die Frage nur lauten: Messi oder Ronaldo? Während der Argentinier derzeit nur Freundschaftsspiele bestreitet, kann sich Ronaldo bei der Euro endgültig in die Ruhmeshallen des internationalen Fußballs schießen. Das ist seine Chance. Wenn Portugal den Titel holten sollte, dann wegen ihm. Und dann wird Messi bei der Wahl im Jänner Zweiter sein.

Gegen Holland schoss Ronaldo zwei sehenswerte Treffer, in dieser Partie ging ihm der Knopf auf, befreite er sich von der Last der Erwartungen. Im Viertelfinale kam sein großer Auftritt gegen die Tschechen. Kein anderer Spieler hat so oft aufs Tor geschossen, 29 Mal hat es Ronaldo bisher versucht. Mit links, mit rechts, per Kopf und per Fallrückzieher. Mit einem Freistoß, einer Spezialität von ihm, war er bisher noch nicht erfolgreich.

Platini, der ebenfalls ein Experte auf diesem Gebiet war, hat im EM-Finale 1984 das erste Tor beim 2:0 mit einem Freistoß erzielt. Der Gegner Frankreichs damals: Spanien.