Warschau. (man) Schon vor dem Finale am Sonntag in Kiew wird vielerorts Bilanz über diese Europameisterschaft gezogen. Das Resümee ist unabhängig vom Finalspiel recht einhellig: Es war ein gutes Turnier. Die Vorfreude auf die nächste EM in vier Jahren in Frankreich wird aber von einem guten Stück Ungewissheit begleitet. Denn erstmals sind dann 24 Teams beim wichtigsten europäischen Mannschaftswettbewerb dabei, das Turnier in Polen und der Ukraine war das letzte im elitären Kreis von 16 Nationen.

Für die nächste EM kann sich fast die Hälfte der 53 Mitgliedsverbände des europäischen Verbandes qualifizieren. Statt bisher 31 wird es zumindest 51 Spiele geben. Die Teilnehmer des dann einen Monat dauernden Turniers werden aller Voraussicht nach in sechs Vierergruppen unterteilt. Uefa-Präsident Michel Platini, Architekt der Aufstockung, macht sich dennoch keinerlei Sorgen um die Qualität: "Wir können acht Mannschaften mehr dabei haben, die genauso gut sind wie die anderen", sagt er.

Nimmt man die Qualifikation für Polen und die Ukraine als Maßstab, wären die Play-off-Verlierer Türkei, Bosnien-Herzegowina, Estland und Montenegro bei einem 24er-Feld ebenfalls dabei gewesen. Der genaue Qualifikationsmodus für die EM 2016 ist zwar noch unklar, aber füllt man das Feld mit den vier besten Gruppendritten der abgelaufenen Qualifikation auf, würden Norwegen, Ungarn, Armenien und die Schweiz das Turnier komplettieren. "Bei 16 Mannschaften gibt es viele, die fehlen", argumentiert Platini. Das würde aber auch für das Turnier der 24 gelten. Beim herangezogenen Modell würden traditionsreiche Fußballländer wie Serbien, Belgien, Rumänien oder Schottland immer noch fehlen. Österreich hätte die Qualifikation übrigens auch bei einer solchen Variante klar verpasst.

Kritiker bemängeln aber, dass durch die Aufnahme acht zusätzlicher Mannschaften das spielerische Niveau leiden würde, Ausgeglichenheit und Spannung in der Gruppenphase verloren gehen würden. Auch das lässt sich durch dieses Beispiel illustrieren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die acht nächstbesten Teams vom spielerischen Niveau im Vergleich zu Tschechien oder Irland kaum abfallen würden. Die prestigereichen Duelle Spanien gegen Italien, nebenbei für viele das bisher beste Spiel des Turnieres, und Deutschland gegen die Niederlande wären in der Vorrunde bei dieser Konstellation nicht möglich gewesen, schließlich würden bei sechs Gruppen zwei weitere Mannschaften in den ersten Lostopf rutschen.

"Wunderbares Achtelfinale"

In Polen und der Ukraine scheiterten nur die Iren und Schweden schon vor den letzten Gruppenpartien. Diese Spannung ließe sich durch die zusätzliche K.o.-Runde, das Achtelfinale, noch beibehalten. "Wir können ein wunderbares Achtelfinale haben", sagt Platini. Dafür muss aber erst ein Modus gefunden werden, vermutlich werden die vier besten Gruppendritten aufsteigen. Das würde aber auch bedeuten, dass die stärkeren Teams frühzeitig den Aufstieg fixieren können und ihre letzten Gruppenspiele nicht mehr mit letztem Einsatz bestreiten müssen. Selbst Spanien und Deutschland hätte beim heurigen Turnier bei unglücklichem Verlauf am letzten Spieltag das Vorrunden-Aus gedroht. Auch das machte die Spannung dieser Europameisterschaft aus.

Der Weltverband Fifa hat die Schwierigkeiten einer solchen Erweiterung bereits hinter sich. Nach 1978 wurde das WM-Feld auf 24 Teilnehmer erweitert, nach einer verunglückten Variante mit zwei Gruppenphasen wurde 1986 das Achtelfinale eingeführt. Das hatte 1990 eine WM zur Folge, die, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt, "als eine der schwächsten aller Zeiten mit todlangweiligem Fußball in die Geschichte einging". Österreich wäre damals um ein Haar als Dritter aufgestiegen, obwohl nur die USA bezwungen werden konnte. Der Konstruktionsfehler dieses WM-Modus wurde 1998 mit einer weiteren Vergrößerung auf 32 Teilnehmer behoben.

Wirtschaftliche Gründe

In Wahrheit dürften hinter der Ausweitung der EM aber vor allem wirtschaftliche und sportpolitische Argumente stecken. Die Uefa generiert deutlich höhere Einnahmen durch eine größere Teilnehmerzahl. Und die millionenschweren Werbepartner sind an einer möglichst ausführlichen Live-Berichterstattung interessiert, die durch eine größere Zahl an Spielen gewährleistet wird.

Platini wird wohl auch schon an die nächste Wahlkampagne denken. Ob nun erneut als Chef der Uefa oder als Nachfolger Joseph Blatters an der Spitze des Weltverbandes Fifa: Die Stimmen der Kleinen sind entscheidend. Der Franzose Platini aber beteuert vor seinem Heimspiel 2016: "Es ist gut für die Entwicklung des Fußballs."