Madrid. (sir) Es sind ja schon die neuen Dressen des FC Barcelona gewöhnungsbedürftig, von den gelegentlich bei Auswärtspartien getragenen gelb-orangen Trikots ganz zu schweigen, deren Designer den FC Barcelona abgrundtief hassen müssen. Aber so richtig ungewohnt war dann das, was man von der stilbildenden Mannschaft in den vergangenen Jahren in der ersten halben Stunde des Rückspiels im spanischen Supercup gegen Real Madrid zu sehen bekam.

Doch es waren weniger die schweren Eigenfehler, die beiden Innenverteidigern unterliefen und die Real nach nur 20 Minuten ein 2:0 einbrachten. Das wirklich Ungewöhnliche war die Reaktion des FC Barcelona auf den Rückstand: Denn auf einmal war da Hektik, mehrten sich die Fehler, und selbst Lionel Messi rollte ein Ball bei einem simplen Stoppversuch über den Rist. Für ein paar Minuten war Barcelona richtig in Panik, Real Madrid hatte Chance um Chance, und als Cristiano Ronaldo wieder einmal nach einem langen, präzisen Pass der Abwehr davonlief, griff Adriano zu und sah völlig zurecht die rote Karte wegen Torraubs.

Einzig die mangelnde Effizienz der Madrilenen und ein in guter Form befindlicher Víctor Valdés verhinderten, dass Barcelona schon zur Pause hoffnungslos und debakulös zurücklag. Und natürlich Lionel Messi, die Lebensversicherung der Katalanen. Kurz vor dem Pausenpfiff traf der Argentinier aus einem Freistoß aus 25 Metern, zwirbelte dabei den Ball so um die Mauer, dass er sich noch ins Tor hineindrehte. Ein wirkliches Zaubertor.

Statt 0:4 oder 0:5 stand es plötzlich 1:2, und dem Cupsieger fehlte im Duell mit dem Meister nur noch ein Tor zum Titelgewinn, nachdem das Hinspiel im Camp Nou mit 3:2 aus Sicht von Barcelona endete.

Dass sich nach dem Rückspiel die Spieler der Katalanen in Selbstlob ergingen und Trainer Tito Vilanova davon sprach, "noch nie stolzer auf meine Spieler" gewesen zu sein, hat demnach mit der Leistung in der zweiten Hälfte zu tun, die so anders war als die 45 Minuten vor der Pause. Barcelona verliert selten, nur 14 Mal in den vergangenen drei Jahren, und in der Primera División waren es überhaupt nur sechs Niederlagen seit der Saison 2008/09.

Doch bei all diesen Niederlagen war Barcelona stets das dominante, souveräne Team mit mehr Ballbesitz, mehr Torschüssen und mehr Chancen. Real aber fand am Mittwoch mit langen Pässen über die Abwehr ein Mittel, dem Barcelona anfangs nichts entgegensetzen konnte. Auch das Tempo schien den Gästen, vor allem der Abwehr zu hoch.

Messi hatte Titel am Fuß

Doch nach der Pause schaltete Real zurück, tat wenig, außer gelegentlich einen Konter zu setzen, und beinahe wären die Madrilenen dafür betraft worden. Pedro tauchte zweimal ganz allein vor Iker Casillas auf, und in der Nachspielzeit hatte Messi den Ball an seinem linken Fuß, knapp außerhalb des Strafraums und freie Schussbahn. Bei Messi ist das fast eine Hundertprozentige, sein Versuch ging aber einen Meter vorbei, und Real war Supercupsieger.

"Wir hätten den Titel gewinnen können", sagte Xavi. "Wir haben den Eindruck hinterlassen, dass wir ein starkes Team sind und viele Titel gewinnen können. Ich denke, wir waren die bessere Mannschaft", befand Sergio Busquets. Und Gerard Piqué sprach gar von einer "fantastischen zweiten Hälfte".

Real Madrid hätte es freilich auf dem Fuß gehabt, den ewigen Rivalen erstmals seit Jahren und so richtig böse auseinanderzunehmen. So durften sich die Madrilenen zwar über den Titel freuen, doch Barcelona konnte in der zweiten Hälfte wieder Kraft und Selbstvertrauen schöpfen, in dem es auch zu Zehnt jenes Spiel aufzog, mit dem es nicht nur Real seit Jahren dominiert. Das nächste Clásico findet am 7. Oktober im Rahmen der Primera División statt, dann wird Real bei Barcelona gastieren und ein weiteres Kapitel in diesem ballestrischen Fortsetzungsroman schreiben.