Wien. Es ist Mitte Juni, die Euro 2012 ist voll im Laufen, und sie läuft gut für Deutschland. So gut, dass ein deutscher Journalist im Warschauer Pressezentrum Spanien zum eher chancenlosen Herausforderer der Deutschen um den EM-Titel erklärt. Er meint es ernst. "Wer außer Deutschland soll denn sonst Europameister werden?", fragt er. Am 28. Juni findet der italienische Schlingel Mario Balotelli zwei passende Antworten auf diese rhetorisch gemeinte Frage, im Finale ging dieser dann samt seiner Mannschaft 0:4 unter. Gegen Spanien.

Für die Deutschen war diese Partie gegen Italien ein unerwarteter Schock. Die Qualität einiger Spieler wurde öffentlich angezweifelt, und auch Teamchef Jogi Löw geriet in die Kritik, und das erstmals seit Jahren. Vor dem Turnier und währenddessen waren die Medien noch damit beschäftigt, Gründe für den lang ersehnten Titelgewinn herauszuarbeiten, nach dem Ausscheiden wurde wieder alles hinterfragt. Vor drei Wochen sah sich Löw sogar dazu genötigt, bei einer Pressekonferenz einen fast halbstündigen Wutmonolog zu halten. Dessen Succus: Die Kritik sei nicht gerechtfertigt. Dann folgte ein 1:3 gegen Argentinien. Und, ja, es war schon einmal lustiger in der deutschen Nationalelf.

Jammern auf hohem Niveau

"In dieser Situation wäre ich gerne", sagt Christian Fuchs, als Schalke-Legionär ein Kenner Deutschlands. "Das ist schon Jammern auf hohem Niveau. Sie stehen fast immer im Semifinale." Österreich würde freilich allein die Teilnahme an einer WM beseelen, dennoch ist die Stimmungslage vor dem Duell gegen den Nachbarn am Dienstag vielleicht sogar etwas besser im ÖFB-Team. "Die Deutschen sind derzeit schon sehr mit sich selbst beschäftigt", sagt Martin Harnik, der Stuttgart-Legionär.

Für die deutsche Equipe beginnt die WM-Qualifikation schon am Freitag mit der Heimpartie gegen die Färöer. In Hannover will Löw "gleich ein Zeichen setzen", wie er sagt, was für die Färöer wie eine Drohung klingen muss. "Wir wollen einen guten Start und eine offensive Mannschaft sehen, die auf Tore aus ist", sagt Löw, der bei seiner Mannschaft auch schon wieder einen Erfolgshunger ausgemacht hat.

Doch obwohl sich der Teamchef die Kritik an seinen personellen und taktischen Entscheidungen verbeten hat, wird sich bei den Deutschen einiges ändern. Kapitän Philipp Lahm wird auf die rechte Seite übersiedeln, dafür übernimmt Marcel Schmelzer von Dortmund die linke Seite. Und auch für Marco Reus ist die Zeit als Ersatzspieler vorbei, das hat Löw bereits verraten.

Diese Wechsel sind auch ein Zeichen, denn obwohl Dortmund zweimal Meister war und Spieler wie Mario Götze, Mats Hummels und eben Schmelzer herausragende Leistungen in der Bundesliga boten, waren sie bei Löw nur zweite Wahl. Im Fall von Hummels änderte sich dies schon bei der EM, nun auch bei Schmelzer und dem im Sommer zu Dortmund gewechselten Reus, der vor seinem Klubkollegen auf Links spielen wird.

Auch sonst soll das Team von Löw Tugenden des Meisters übernehmen. Vor allem das frühe Stören durch aggressives Pressing, das pfeilschnelle Umschalten bei Ballgewinn, wie es Dortmund seit zwei Jahren vorzeigt, soll nun auch zu den Qualitäten des DFB-Team zählen. Wobei auch die Bayern, die von der Borussia zweimal in der Liga abgehängt wurden, zum Leidwesen von Stuttgart ähnliche Anlagen zeigten. Beim 6:1 schossen die Bayern vier Treffer nach einem blitzschnellen Umschalten bei Ballgewinn.

Ohne Schweinsteiger

Geschickt wie Joachim Löw ist, hat er sich nach der Enttäuschung bei der EM etwas Neues ausgedacht. Auch wenn sich das Spiel der Deutschen vermutlich nicht fundamental verändern wird, sind doch einige Details anders, die sich die Mannschaft wieder erarbeiten muss.

Bei den beiden Auftaktpartien in der WM-Qualifikation verzichtet Löw freiwillig auf Bastian Schweinsteiger, Mario Gómez ist verletzt. Zumindest gegen die Färöer wird auch Schweinsteiger-Ersatz Toni Kroos verletzt fehlen, sein Einsatz gegen Österreich soll aber nicht in Gefahr sein. Spätestens am Dienstag wird man dann auch sehen, wie gut die neue DFB-Elf schon funktioniert.